Interview
26.11.2012

Gas aus der Tiefe

Nightman1965 | Portfolio
Im polnischen Lublin ist man beim Schiefergas bereits einen Schritt weiter.

Neue Fördertechniken haben in den USA zu einem Schiefergas-Boom geführt. Was kann Europa daraus lernen? BIZZ energy today diskutierte mit Frank Umbach vom King's College London und Oliver Krischer, energiepolitischer Sprecher der Grünen.

BIZZ energy today: Exxon Mobil hat vor wenigen Tagen alle Maßnahmen zur Schiefergasförderung ausgesetzt. Wie deuten Sie das?

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Frank Umbach: Exxon Mobil hat seine Fracking-Tests für Schiefergas in Deutschland nur für rund sechs Monate zurückgestellt und neue Untersuchungen bezüglich des Grundwassers in Auftrag gegeben. Inzwischen gibt es international mehr als zwei Dutzend Studien zu solchen Umweltrisiken. Demnach droht bei einem Abstand von mindestens 600 Metern zwischen Grundwasser- und Schiefergasschichten keine Gefährdung durch das Fracking. In Europa liegt das Schiefergas zumeist in tieferen Schichten als in den USA, was die Bohrkosten zwar erhöht, aber Umweltrisiken minimiert.

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Oliver Krischer: Die jüngste Ankündigung von Exxon Mobil, für weitere sechs Monate auf den Einsatz der Fracking-Technologie zu verzichten, ist der untaugliche Versuch, das Thema aus dem Landtagswahlkampf in Niedersachsen herauszuhalten. Dort toleriert und fördert die schwarz-gelbe Landesregierung das Fracking seit Jahren. Das stößt inzwischen auch in Niedersachen auf breite Ablehnung der Bürger.

BIZZ e.t.: In den USA hat die Schiefergasförderung einen Boom ausgelöst. Ist dies auch in Europa denkbar?

Krischer: In den USA ist die Schiefergasgewinnung deswegen ökonomisch erfolgreich, weil die Regierung von US-Präsident Bush die Umweltstandards extrem heruntergesetzt hat. Für mich ist fraglich, ob sich in Deutschland eine Förderung bei Einhaltung ökologischer Standards überhaupt rechnet. Mit der heutigen Technik ist Schiefergas nur wirtschaftlich, wenn man keine hohen Umweltstandards anlegt.

Umbach: Das sehe ich nicht ganz so. Zusätzliche Kosten durch schärfere Regulierungsvorschriften sind aber für die Industrie tragbar. Die Bohrkosten sinken zudem durch Innovation der Fracking-Technologien immer weiter, Stichwort Superfracking. Außerdem muss russisches Gas künftig aus neuen, weit entfernten Feldern wie in Jamal bezogen werden, wo die Förderung viel teuerer ist. Bereits heute ist für die EU russisches Pipelinegas zur teuersten Option geworden. Dazu kommt, dass Europa weitaus mehr von Gasimporten abhängig ist als etwa die USA oder Asien. Im Krisenfall, nehmen Sie den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine vor einigen Jahren, guckt man dann buchstäblich in die Röhre. 

BIZZ e.t.: Wie bewerten Sie das bisherige Vorgehen der Gas-Konzerne in Europa und Deutschland beim Thema Fracking?

Krischer: Die Konzerne haben erst spät gemerkt, dass Bohrungen gegen wachsende Widerstände in Politik und Bevölkerung schwer zu machen sind. Das hat beispielsweise bei Exxon zu einem Prozess der Transparenz geführt, den wir sehr aufmerksam beobachten. Das ist sicherlich ein richtiger Schritt, um Akzeptanz zu schaffen.  

Umbach: Der große Fehler der Industrie war, dass sie einfach die Entwicklung in den USA auf Europa anwenden wollte, ohne Unterschiede wie etwa die Bevölkerungsdichte zu beachten und ohne frühzeitig in die Diskussion mit der lokalen Bevölkerung zu treten. Zudem hat die Industrie die politische Diskussionshoheit und das Agendasetting über das Fracking den Gegnern überlassen. Trotzdem bin ich sicher, dass wir in zwei bis drei Jahren Leuchtturmprojekte etwa in Polen oder Großbritannien haben werden, die auf die Diskussion in Deutschland positiv ausstrahlen. 

BIZZ e.t.: Das heißt von Fracking geht keine Gefahr aus?

Umbach: Gefahren werden hier oft dramatisiert und widersprechen eindeutig dem internationalen Forschungsstand. Inzwischen gibt es international rund zwei Dutzend Studien – auch von Umweltinstituten – die alle die Risiken für beherrschbar halten. Diese wissenschaftlichen Analysen will in Deutschland offenbar niemand wahrnehmen, wie die Umweltgutachten aus Nordrhein-Westfalen und des Umweltbundesamtes zeigen.

Krischer: Es ist völlig inakzeptabel, zur Erdgasförderung mittels Fracking wasser- und gesundheitsgefährdende Stoffe in den Untergrund zu pressen. Das muss durch eine entsprechende Änderung des Bundesberggesetzes eindeutig klargestellt werden. Es macht gleichzeitig aber natürlich keinen Sinn, hier eine Schiefergasförderung von vornherein auszuschließen, aber gleichzeitig aus anderen Ländern Erdgas zu importieren, die keine angemessenen Umweltbestimmungen haben. 

BIZZ e.t.: Was empfehlen Sie?

Krischer: Wir brauchen ein deutschlandweites Moratorium, um zu prüfen, ob das unkonventionelle Erdgas umweltverträglich gefördert werden kann. Diese und weitere Forderungen haben wir gerade auch durch einen neuen Antrag in den Deutschen Bundestag eingebracht.

Umbach: Im Prinzip sollte es grundsätzlich eine regionale und lokale Umweltverträglichkeitsprüfung geben. Wenn allerdings jedes einzelne Bohrloch ein Gutachten benötigt, wird es natürlich lächerlich.

 

Oliver Krischer sitzt seit dem Jahr 2009 für Bündnis90/Die Grünen im Bundestag. In der Fraktion ist er energiepolitischer Sprecher.

Frank Umbach ist Politikwissenschaftler und Experte für internationale Energiesicherheit. Derzeit ist er Associate Director am European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) und Senior Associate für internationale Energiesicherheit am Centre for European Security Strategies (CESS).

Daniel Seeger
Keywords:
Frank Umbach | Oliver Krischer | Schiefergas | Fracking
Ressorts:
Governance | Technology | Markets

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