Speichertechnologie
22.02.2018

Gasspeicher: Zweites Leben als Tank für grünen Wasserstoff

Foto: EWE
Darunter liegen 21 Kavernen: Erdgasspeicher Nüttermoor des Energieversorgers EWE in Niedersachsen

Mit Erdgasspeichern Geld zu verdienen, wird immer schwieriger. Der Energieversorger EWE testet nun, wie sich die unterirdischen Kavernen umrüsten lassen – als Speicher für "grünen Wasserstoff" oder für Strom.

Es herrschte Kalter Krieg, und der Staat wollte Speicher: Anfang der Siebzigerjahre drängte die Bundesregierung die Energieversorger, strategische Lagerkapazitäten für Erdgas und Erdöl aufzubauen. Die Unternehmen schufen riesige Kavernen, indem sie mit Süßwasser Hohlräume in unterirdische Salzstöcke spülten. Heute hat Deutschland das größte Gasspeichervolumen Europas: In den 47 Anlagen lassen sich 23 Milliarden Kubikmeter Gas unterbringen. Das entspricht 24 Prozent der EU-Speicherkapazität.

Anzeige

Anzeige

Aber inzwischen ist so viel Lagerraum nicht mehr notwendig. Die Speicher werden den Versorgern zur Last, weil die Nachfrage nachlässt im liberalisierten, volatiler gewordenen Energiemarkt. Die Strategen der Betreibergesellschaften grübeln nun, was sie künftig mit den unterirdischen Hohlräumen anfangen sollen, von denen manche so groß sind wie der Kölner Dom.

Power-to-Gas-Anlage

Der Oldenburger Energieversorger EWE erwägt, etwas anderes hineinzufüllen als Erdgas. EWE, mit 2,1 Milliarden Kubikmeter Speichervolumen die Nummer vier auf dem deutschen Markt, will erproben, ob sich die Kavernen auf die Lagerung synthetisch erzeugten Wasserstoffs umrüsten lassen. Beim "Power-to-Gas"-Verfahren (P2G) wird mit Strom per Elektrolyse Wasserstoff (H2) erzeugt. Das Unternehmen will eine solche Anlage in diesem Jahr über seinem Erdgasspeicher im niedersächsischen Huntorf errichten. Ihr "grüner", mit Solarstrom erzeugter Wasserstoff soll später versuchsweise in eine kleine Kaverne auf dem Gelände geleitet werden.

Den Zeitpunkt für die Umrüstung der Huntorfer Kaverne auf Wasserstoff nennt Peter Schmidt von der Tochtergesellschaft EWE Gasspeicher noch nicht: "Es wird viel Versuchsarbeit nötig sein", sagt der Geschäftsführer im Gespräch mit dem Magazin bizz energy. "Und selbstverständlich ist die Genehmigung der zuständigen Behörde notwendig." Aber für Schmidt steht außer Frage, dass Versorger sich auf ein Szenario vorbereiten müssen, in dem das klassische Erdgasgeschäft wegen zunehmenden Energie-Angebots aus Erneuerbaren schrumpft.

Kavernen in Salzstöcken dienen als Erdgasspeicher. Test sollen zeigen, ob
sie sich auch als Wasserstoffspeicher oder Redox-Flow-Batterien eignen.
Grafik: EWE
Strom für die P2G-Anlage soll zunächst eine EWE-eigenen Photovoltaik-Anlage auf dem Huntorfer Betriebsgelände liefern. Zusätzlicher Strom könnte aus Windparks kommen. Schmidt hält mittelfristig Verträge mit Betreibern für denkbar, deren Windkraftanlagen in den kommenden Jahren aus der gesetzlich garantierten Einspeisevergütung fallen: "In Phasen niedriger Strombörsenpreise kann es für sie sinnvoll sein, in die Wasserstoffproduktion zu gehen."

Auch andere Unternehmen der Branche entwickeln Szenarien für die Zukunft ihrer Kavernenspeicher. Der Gashändler VNG in Leipzig möchte wie EWE synthetisch erzeugtes Gas aus erneuerbaren Energien einlagern. Erst im Mai hat VNG gemeinsam mit dem russischen Erdgasriesen Gazprom neue Speicher im sachsen-anhaltinischen Bernburg in Betrieb genommen.

EWE-Manager Schmidt ist zuversichtlich, dass tatsächlich ein Markt für P2G-Wasserstoff als Energiespeichermedium entsteht. Mit "all electric", also einer ausschließlich auf Elektrizität gerichteten Energiestrategie, werde Deutschland seine Klimaziele nicht erreichen, sagt er. "Das haben viele endlich erkannt." Noch aber bremse die geltende EEG-Umlage auf Elektrolysestrom die Weiterentwicklung der P2G-Technologie. Umlagen und Abgaben als Bestandteil des Strompreises müssten wegfallen, sagt Schmidt. Er hoffe, dass die Politik "die Bedeutung von grünem Gas" bald erkenne.

Zu viele Speicher gebaut

Dass es auf dem konventionellen Gasspeichermarkt ungemütlich wird, hat die Branche sich zum Teil selbst zuzuschreiben. Der Zubau, der 2015 bei einer Zahl von 51 Speicherkomplexen gipfelte, lief lange Zeit intransparent und unkoordiniert ab. Die Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber Gas (FNB) mahnte schon im Jahr 2012, es sei dringend geboten, den künftigen Speicher- und Ausbaubedarf zu prüfen. Heute sind die Überkapazitäten offenkundig. Erschwerend kommt hinzu, dass der jahrzehntelang geübte Rhythmus des Füllens im Sommer bei niedrigen Gaspreisen und Leerens im Winter bei hohen Preisen nicht mehr funktioniert: Die Spanne zwischen Winter- und Sommerpreisen ist kleiner geworden, was den Betrieb großer Speicher weniger lohnend oder gar zum Verlustgeschäft macht.

Einige Anbieter legen unwirtschaftlich gewordene Anlagen bereits still: VNG hat das Aus für seinen Speicher Buchholz bei Potsdam beschlossen. Gasag will bis 2023 einen großen Speicher in Berlin außer Betrieb nehmen. Innogy macht seinen Speicher Hoogstede-Kalle nahe der niederländischen Grenze zu.

Redox-Flow-Batterie

EWE-Manager Schmidt glaubt zwar, dass Gasspeicher durchaus weiter gebraucht werden, weil sie in Zeiten schwankenden Stromangebots aus erneuerbaren Energien gemeinsam mit Gaskraftwerken Versorgungssicherheit böten. Das Oldenburger Unternehmen plant im ostfriesischen Jemgum aber bereits eine weitere Alternativ-Verwendung: Zwei Salzkavernen sollen dort zur weltgrößten "Redox-Flow-Batterie" werden. Bei diesem Verfahren wird Strom in einer Flüssigkeit gespeichert. Im speziellen Fall in gesättigtem Salzwasser, sogenannter Sole, in der organische Polymere, also Kunststoffe schwimmen.

EWE rechnet damit, die Batterie Ende 2023 in Betrieb nehmen zu können. Wenn alles klappt, könnte sie 700 Megawattstunden Strom Energie speichern - genug, um 75.000 Haushalte einen Tag lang mit Strom zu versorgen.

Lesen Sie auch: Speichertechnologie – Weltgrößte Batterie besteht wichtigen Test

Christian Schaudwet
Keywords:
Erdgas | Power-to-gas | Wasserstoff | Redox-Flow
Ressorts:

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy – Herbst 2018

Die aktuelle Ausgabe gibt es ab dem 03.09.2018 bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de sowie als E-Paper bei iKiosk oder Readly.

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen