Gazprom plant weiter unbeirrt einen zweiten Strang für seine Nord-Stream-Pipeline. Der Moskauer Vorzeigekonzern mit vielen Verbindungen in den Kreml lässt sich dabei offenbar selbst von seinen schlechten Erfahrungen mit South-Stream und der ebenfalls geplatzten Alternative Turkish-Sream beirren. Erst kürzlich wurde bekannt, dass der Energiekonzern einen Verlust von über 700 Millionen Euro abschreiben musste. Dabei handelt es sich konkret um bereits erledigte Arbeiten vor der Küste Bulgariens. Gleichzeitig könnten die Verluste noch weiter anschwellen. Die angesehene Moskauer Wirtschaftszeitung Kommersant bezifferte den maximal möglichen Schaden für Gazprom durch das geplatzte Projekt auf etwa 4,4 Milliarden Euro. Einer der größten Brocken ist ein Auftrag im Wert von 780 Millionen Euro für den italienischen Öldiensteister Saipem, der sich an dem Bau des Unterwasser-Teil von South Stream beteiligen sollte. Vor einigen Monaten hatte Saipem Gazprom auf Zahlung der vollen Summe verklagt und musste Ende 2015 8000 seiner insgesamt 50000 Mitarbeiter entlasten.

 

Gaslieferungen nach Deutschland

Für Gazprom ist Nord Stream 2 jetzt das Schlüsselprojekt in Europa. Die Pipeline soll, wie schon der ersten Nord Stream Strang, russisches Gas an die deutsche Ostseeküste nahe der Stadt Greifswald liefern. Anfang April wurde bekannt, dass Gazprom den Saipem-Auftrag beim Bau von Nord Stream 2 zum Einsatz bringen will. Ein entsprechendes Papier werde auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt-Petersburg unterzeichnet. Für einen endgültige Abkehr von einer Südroute für russisches Gas spricht auch die Demontage einer, extra für South Stream gebauten Kompressorenstation und  Gasaufbereitungsanlage, die nun ebenfalls für Nord Stream 2 zum Einsatz kommen soll. Urspünglich hatte Gazprom die Anlagen beim italienischen Hersteller Siirtec Nigi für insgesamt 450 Millionen Euro bestellt.

Auf den ersten Blick ist der Tausch zwar eine elegante Lösung. Aber Brancheninsider nicht nur in Moskau fürchten, dass Nord-Stream für Gazprom zu einem ähnlichen Fiasko wie seine südeuropäischen Projekte wird. Die Gazprom-Partner Wintershall, OMV, Eon, Shell und Engie halten jeweils zehn Prozent an Nord Stream 2, die anderen 50 Prozent gehören dem russischen Gaskonzern. Die wichtige juristische Frage ist nun, ob das Dritte Energiepaket der Brüsseler EU-Kommission, das eine Entbündelung von Förderung und Transport vorsieht, auch auf dieses Projekt anwendbar ist. In einem Interview mit der Moskauer Zeitung Kommersant bekräftigte kürzlich Wintershall-Chef Mario Mehren die russische Position: Eine Pipeline auf dem Seeweg zwischen einem EU-Land und einem Nicht-EU-Land ist laut Mehren von der Wirkung der Richtlinien ausgeschlossen.

 

EU könnte Projekt zum Scheitern bringen

Doch selbst wenn das Projekt juristisch durchkäme, könnte auch die EU-Politik an sich ein Hindernis werden. Zum einen hat sich die EU mehrfach für mehr Unabhängigkeit von russischen Energieimporten ausgesprochen. Zum anderen fordern insbesondere östliche EU-Mitglieder wie Polen oder die baltischen Staaten nach der Ukraine-Krise eine härtere Gangart gegenüber Russland. Erst kürzlich kritisierte EU-Energiekommissar Miguel Arias Cañete das Nord Stream 2 Projekt während einer Diskussion im Europäischen Parlament als schädlich: Es schließe die Ukraine als Transitland aus, schade der Konkurrenz und verleihe Russland mehr Einfluss.

Ungeachtet dieser Hindernisse hat das Konsorium bereits Aufträge an Röhrenlieferanten für das Projekt vergeben. Neben russischen Herstellern sollen 40 Prozent der insgesamt 2500 km langen Leitung von der deutschen Firma Europipe kommen. Der Baubeginn ist 2018 geplant. Unabhängige Experten in Russland sind dennoch skeptisch und sehen Parallelen mit dem gescheiterten South-Stream. „Gasprom kauft schon wieder Röhren für ein Projekt, das nicht realisiert wird“, warnt Mikhail Kortschemkin von der Moskauer Unternehmensberatung East European Gas Analysis. Das Risiko trage dabei Gazprom ganz alleine. Die ehemaligen Gazprom-Partner ENI, EDF und Wintershall, die an South-Stream beteiligt waren, haben ihre Anteile für insgesamt 900 Millionen Euro an den russischen Monopolisten abgestoßen, nach dem das Projekt zum Erliegen gekommen ist

 

(Foto: Wikipedia)