Smart Meter
23.06.2016

Gefahr für Stadtwerke

Foto: Flickr / PGE / CC BY-ND 2.0
Ab 2017 beginnt der Einbau von Smart Metern auch in Deutschland.

Mit der Umstellung auf digitale Stromzähler droht vielen Stadtwerken der Verlust eines wichtigen Geschäftsfeldes. Jedes zweite Unternehmen wird voraussichtlich das Messwesen aufgeben, prognostiziert die Unternehmensberatung Deloitte.

 

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Das Netzgeschäft garantiert Deutschlands Stadtwerken seit Jahrzehnten sichere Einnahmen. Die kommunalen Unternehmen steuern die innerstädtischen Stromnetze und beherrschen das Geschäft mit dem Einbau und Betrieb von Stromzählern. Eben jenes Zählergeschäft wird aber gerade mit der Einführung von Smart Metern neu geordnet und viele Stadtwerke könnten den Anschluss an dieses Zukunftsfeld der Energiewirtschaft verlieren.

"Wir rechnen damit, dass fast jeder zweite Verteilnetzbetreiber das Geschäftsfeld Messwesen aufgeben wird", sagt Ludwig Einhellig, Leiter der Smart Grid Services bei der Unternehmensberatung Deloitte. Hintergrund ist das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende. Damit regelt die Bundesregierung den großflächigen Einbau von intelligenten Stromzählern ab 2017. Für Stromkunden sollen sie das Tor zu einer neuen Energiewelt eröffnen – mit neuen Angeboten wie flexibleren Tarifen oder Dienstleistungen zur Hausautomation. In der Branche gilt deshalb der Grundsatz: Wer den Zähler verliert, verliert den Kunden.

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„Wer den Zähler verliert, verliert den Kunden“

Den Betrieb der Smart Meter weist das Digitalisierungsgesetz standardmäßig dem Anbieter mit den meisten Zählern in einem Netzgebiet zu – in der Regel das örtliche Stadtwerk. Die neue Aufgabe des sogenannten Smart Meter Gateway Administrators ist allerdings an harte Bedingungen geknüpft.

Der Administrator muss in seine Hard- und Software investieren und zertifizieren lassen, dass er umfangreiche Sicherheitsrichtlinien des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik erfüllt. Nach Auffassung vieler Marktteilnehmer rechnet sich dieser Aufwand erst beim Betrieb mehrerer hunderttausend Zähler. Deloitte rechnet damit, dass es in Deutschland nur 20 bis 25 Smart-Meter-Gateway-Administratoren geben wird – bei insgesamt 880 Netzbetreibern. Die Hälfte der Messstellenbetreiber wird deshalb nach Überzeugung von Einhellig das Zählwesen komplett aufgeben und es größeren Dienstleistern überlassen.

 

Zeit für Kooperationen

Der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) bemüht sich, den Umbruch als weiteren Schritt einer laufenden Spezialisierung im Netzgeschäft darzustellen. Im Zählwesen gebe es bereits seit Langem eine Vielzahl von Service-Anbietern, die beispielsweise die Aufgabe erledigten, Verbrauchsdaten in die Abrechnungssoftware der Netzbetreiber einzubinden. „Auch wenn einige Netzbetreiber die Gateway-Administration nicht selbst erledigen, wird es trotzdem eine Vielzahl von Messstellenbetreibern geben“, erklärte ein VKU-Sprecher.

Die Vorreiter im Messgeschäft haben bereits begonnen miteinander zusammenzuarbeiten. Die großen Stadtwerkekooperationen Thüga und Trianel bieten für ihre insgesamt 200 Partnerunternehmen die Gateway-Administration an. Daneben gibt es weitere Kooperationsprojekte wie GWAdriga von EWE und RheinEnergie, Voltaris von VSE und den Pfalzwerken oder SmartOptimo von einer Handvoll kleinerer Stadtwerke.

 

Eon will 20 Prozent Marktanteil

Allerdings wittern mit dem Umbruch im Messgeschäft nun auch die Großen der Branche ihre Chance. Eons Metering-Tochter hat das Ziel ausgegeben, 20 Prozent Marktanteil zu erreichen. Unter den Kommunikationsgiganten hat die Deutsche Telekom einen eigenen Geschäftsbereich rund um Messdienstleistungen aufgebaut.

Fast schon enttäuscht registriert der Energieverband BDEW in einer jüngst vorgestellten Stadtwerke-Studie, dass die Mehrheit der kommunalen Unternehmen die Wachstumsaussichten im Digitalgeschäft auf die Gateway Administration und die Nutzung von Verbrauchsdaten der Kunden für werbliche Zwecke verengt. „Näherliegende Geschäftsmodelle“ wie Energiemanagementlösungen stufe dagegen nur jedes vierte bis fünfte Stadtwerk als erfolgversprechend ein.

 

Dena will Hackathon mit 10 Millionen Euro Preisgeld

Manch einer setzt da für die Digitalisierung der Energiewirtschaft lieber gleich auf frische, neue Mitspieler. Der Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena), Andreas Kuhlmann, schlug sogar einen großen Wettbewerb für Start-ups und Hacker vor. Für ein Preisgeld von zehn Millionen Euro sollen sie gemeinsam an Lösungen tüfteln, wie überschüssiger Strom besser in das Netz integriert werden kann.

Manuel Berkel
Keywords:
VKU | BDEW | Dena | Digitalisierung | Smart Meter
Ressorts:

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