Die Coronakrise hat die deutsche Wirtschaft gebeutelt wie noch nie, allerdings nicht den Ausbau der Erneuerbaren. Eine gestern vom Berliner Beratungsunternehmen Energy Brainpool veröffentlichte Analyse zeigt, dass sich der Erneuerbaren-Ausbau gegenüber 2019 sogar verbessert hat.

Bis Ende Juni kamen bei Photovoltaik laut den Angaben bereits 2.362 Megawatt hinzu, mehr als im ersten Halbjahr 2019. Haupttreiber für den Solarausbau seien kleine Photovoltaik-Dachanlagen, die außerhalb des Ausschreibungssystems gebaut werden können, betonen die Energieberater.

Auch der Ausbau der Windkraft an Land hat sich laut Energy Brainpool mehr als verdoppelt – im Vergleich zum "sehr mageren" ersten Halbjahr 2019. Der Zubau liege jedoch auf niedrigem Niveau und immer noch unter dem Soll.

Entwickele sich der Ausbau bei Photovoltaik und Windkraft an Land so weiter wie in den ersten Monaten, kann aus Sicht der Energieberater in diesem Jahr mit einem Brutto-Plus von 4.000 bis 5.000 Megawatt bei Solarstrom und von etwa 1.500 Megawatt bei Wind gerechnet werden. Für den Windkraftverband BWE werden allein dieses Jahr aber immer noch rund 3.000 Megawatt an Zubau fehlen.

Auch wenn die Zahlen bei der Windkraft zum Erreichen der klima- und energiepolitischen Ziele zu gering sind, zieht Energy Brainpool das Fazit: Der Ausbau der Erneuerbaren wurde von der Corona-Pandemie kaum beeinflusst. Dieser unterliege vielmehr "längerfristigen politischen Rahmenbedingungen".

EEG-Novelle soll auch Beteiligung an Windkraftprojekten regeln

Dazu legte das Bundeswirtschaftsministerium gestern eine Zwischenbilanz des 18-Punkte-Windausbauprogramms aus dem Oktober 2019 vor. Von den 18 Maßnahmen hält Minister Peter Altmaier 12 für umgesetzt oder diese befänden sich in der Umsetzung. Darunter seien sechs "vollständig erledigt" und drei  "weit fortgeschritten", lässt das Ministerium wissen.

Weitere drei Punkte sollen mit der angekündigten EEG-Novelle verwirklicht werden, darunter die finanzielle Beteiligung der Anwohner an neuer Windkraft. Das Wirtschaftsministerium greift hier Ideen aus einem eigenen Eckpunktepapier vom vergangenen Mai auf. Dort ist eine Zahlung an die Anwohner von mindestens 0,2 Cent pro Kilowattstunde Windstrom vorgesehen. Bietet der Betreiber einen Bürgerstromtarif an, soll die Zahlung auf 0,1 Cent sinken.

Was konkret in der kommenden Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes stehen wird, darüber schweigt sich das Ministerium bisher weitgehend aus. Das nun offiziell als "EEG 2021" bezeichnete Gesetzeswerk solle neue Impulse für eine sichere, bezahlbare und umweltverträgliche Energiewende geben, teilte die Behörde gestern nur mit. Im Gesetzeswerk solle insbesondere das 65-Prozent-Ziel bei den Erneuerbaren für 2030 und das, so wörtlich "zugrunde liegende Zielmodell für die einzelnen Technologien" verankert werden. Hieraus würden die einzelnen Ausschreibungsmengen für die jeweiligen Technologien abgeleitet, die erforderlich seien, um das Ausbauziel zu erreichen.

Windverband rät Ministerium zu mehr Selbstkritik

Eine konträre Sicht auf die 18-Punkte-Bilanz hat der Bundesverband Windenergie (BWE). Einige vom Ministerium bereits abgehakte Punkte seien in Wirklichkeit noch nicht einmal begonnen oder umgesetzt, erklärte BWE-Präsident Hermann Albers.

Konkret nennt Albers drei unerledigte Punkte: "Das Artenschutzportal - Punkt 9 - zum bundesweiten Monitoring geschützter Arten ist zwar beschlossen, aber noch keineswegs umgesetzt." Oder: "Die Weiterentwicklung des Bundesnaturschutzgesetzes - Punkt 12 - wird als erledigt angesehen, weil ein Kompromiss im Bereich Offshore-Windenergie gefunden wurde. Allerdings handelt es sich bei dem Arbeitsprogramm um eines für Windenergie an Land!"

Schließlich seien, so der BWE-Präsident weiter, bei der Erschließung von Flächenpotentialen durch Reduzierung der Anlagenschutzbereiche bei Drehfunkfeuern - Punkt 13 - zwar erste Änderungen bei der Bewertungsmethode umgesetzt und die Überprüfung der Reduzierung des Flächenbedarfs angekündigt, aber noch nicht durchgeführt worden.

Aus Sicht des BWE wäre es gut, wenn sich das Bundeswirtschaftsministerium etwas selbstkritischer beim Arbeitsstand zeige. "Nach wie vor sind 12 Punkte noch nicht vollständig gelöst", rechnet Albers seinerseits vor und warnt vor einem "Paradigmenwechsel" im kommenden Jahr: Erstmals fielen Windanlagen aus der EEG-Förderung. Wie viele der Anlagen sich halten können, sei ungewiss. Die Branche warte nun auf eine schnelle Vorlage der EEG-Novelle.

Windanlagen werden hierzulande wieder häufiger montiert - von Normalität ist die Branche aber weit  entfernt. (Copyright: Istock)