Green Finance
10.01.2013

Geld mit gutem Gewissen

Foto: Alrisha/Deposit

Nachhaltige Investments sind ein Billionenmarkt. Sie bieten neben moralischen Standards auch eine sichere Rendite.

In den gängigen Suchmaschinen taucht unter dem Kürzel ESG die Evangelische Studentengemeinde Berlin weit oben in der Trefferliste auf. Wer einen Hinweis auf nachhaltige Investments sucht, muss lange scrollen. Dabei verbinden sich mit ESG Billionen Euro und Dollar. Das Kürzel steht für E wie Environmental (Umwelt), S wie Social, G wie Governance (Unternehmens- oder Staatsführung). Es geht darum, Moral und Rendite zu verbinden. Banken, Versicherungen und andere Finanzinstitute investieren eigenes und fremdes Kapital nach ESG-Kriterien: Grüne Technologien sind willkommen, Landminen ein absolutes No-Go.  

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Mehr als 1.000 institutionelle Anleger weltweit haben die UN-Prinzipien für nachhaltiges Investment unterzeichnet und sich verpflichtet, ESG-Kriterien zu berücksichtigen. Die KfW, die Landesbank Baden-Württemberg sowie Deka Invest und Union Investment zählen dazu. „Sie erzielen mit nachhaltigen Investments dieselbe Performance wie mit herkömmlichen, tun aber gleichzeitig noch etwas Gutes“, sagt Matthias Fawer von der Schweizer Privatbank Sarasin. In Europa werden rund drei Billionen Euro ESG-Vermögenswerte verwaltet. Global sind es nach Angaben der Responsible Investment Initiative der Vereinten Nationen rund 23 Billionen Euro.  

Nachfrage steigt

„In den letzten Jahren ist der Markt für nachhaltige Investments in Deutschland alle zwölf Monate um 28 Prozent gewachsen“, sagt Volker Weber, Vorstand des Forums für Nachhaltige Geldanlagen (FNG). Nach den jüngsten Berechnungen des FNG haben Investments, bei denen zumindest teilweise ethische Aspekte berücksichtigt werden, in Österreich, der Schweiz und Deutschland die Einhundert-Milliarden-Euro-Marke überschritten. Und das, obwohl 2011 die Fonds-Branche erhebliche Mittelabflüsse zu verdauen hatte. Deutsche Institute sind mit rund 63 Milliarden nachhaltig investierten Euro dabei. Im europäischen Vergleich ist dies ein bescheidener Wert. Allein die niederländische Beamtenkasse ABP lässt 260 Milliarden Euro nach ethischen Kriterien verwalten. 

„In Deutschland findet das Thema Nachhaltigkeit sehr viel Zustimmung, wird aber bisher auf der Finanzseite nur in geringem Umfang umgesetzt. Deutschland ist in diesem Bereich unterdurchschnittlich entwickelt und hat einen hohen Aufholbedarf“, konstatiert Frank Klein gegenüber BIZZ energy today. Klein firmiert als Head of ESG Europe bei der Deutschen Bank in Frankfurt und berät institutionelle Kunden dabei, wie sie ihr Vermögen nachhaltig investieren können. Sein Kundenstamm reicht von den Versorgungswerken der Kirchen bis hin zu Energieunternehmen wie der Energie Baden-Württemberg. DB Advisors verwaltet rund 90 Milliarden Euro an institutionellen Kundengeldern konventionell und rund eine Milliarde Euro nach ESG-Kriterien. Kein beeindruckender Wert, aber das ESG-Portfolio hat sich in den vergangenen beiden Jahren verdoppelt. Klein erwartet, dass die Deutsche Bank „auch in den nächsten Jahren weiter überproportional im ESG-Bereich wachsen wird.“ 

Vorteil: Geringes Risiko

Auch bei der Union Investment in Frankfurt, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, läuft der Zuwachs von ESG-konformen Anlagen. Seit Herbst sind es nun schon über fünf Milliarden Euro, wobei die Bank insgesamt 190 Milliarden Euro Kundenvermögen managt. Thomas Deser, Senior Portfolio-Manager, erwartet jedoch, dass der heutige ESG-Anteil am Vermögen von knapp drei Prozent binnen zehn Jahren auf 20 Prozent steigen könnte. 

Nachhaltige Investments haben laut Matthias Fawer von der Bank Sarasin einen entscheidenden Vorteil: Sie sind relativ risikoarm. Das Bankhaus hat schon vor Jahren den Fonds Sarasin Oeko Sar Equity aufgelegt. Investiert wird in Unternehmen, die einen Beitrag zum umwelt- und sozialverträglichen Wirtschaften leisten. Der Sarasin-Fonds legte in den letzten zwölf Monaten um 20 Prozent zu. Nachhaltige Geldanlagen sind das Geschäftsmodell von Sarasin. ESG klingt für Fawer daher ein wenig wie „alter Wein in neuen Schläuchen“. 

Die Nachfrage nach ESG-Anlagen kommen nicht nur von institutioneller Seite, wie Thomas Deser beobachtet hat: „Es ist klar zu erkennen, dass Vermögende und Ältere Nachhaltigkeitskriterien stärker würdigen als früher. Jede Negativschlagzeile, ob US-Immobilienblase, Staatsschuldenkrise oder Naturkatastrophe, verstärkt diese Einstellung.“ 

Union Investment bewirbt seit Sommer gegenüber Sparern und Anlegern zwei frisch aufgelegte Nachhaltigkeits-Fonds. Mit einem Anlagevolumen von jeweils 20 Millionen Euro sehen diese noch wie Zwerge gegenüber dem sieben Milliarden Euro schweren Flaggschiff UniGlobal aus. „Bei Lebensmitteln achten wir genau darauf, woher sie kommen. Bei Geldanlagen erleben wir gerade, dass Verbraucher damit beginnen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln“, sagt Volker Weber.

Venture Capital steigt ein

Auch das Venture Capital entdeckt nachhaltige Investments, etwa in grüne Technologien. Es ist ein Wachstumsmarkt, mit Aussicht auf gute Renditen. Laut Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) gehörten Cleantech-Unternehmen in den letzten Jahren zu den beliebtesten Anlagen. So flossen in den Sektor Umwelt und Energie in Deutschland nach BVK-Zahlen seit Jahresbeginn 65 Millionen Euro. Profiteure waren etwa der Windprognose-Dienstleiter Enercast oder der Power-to-Gas-Spezialist Solarfuel. Hoch im Kurs stehen Energiespeicher-Techniken oder Energieeffizienz. „Geld ist da, Investitionshunger auch“, bestätigt Matthias Krah, von der Dukon, Deutsche Unternehmenskapital. 

Ein Selbstläufer sind Investments in Erneuerbare nicht. Der Asset-Manager Ökoworld meidet derzeit Solar- oder Windbeteiligungen – aus Renditegründen. Thomas Deser von Union Investment beschreibt ein weiteres Problem: „Bei vielen Unternehmen aus der Branche fehlt noch das Bewusstsein, dass ESG oder Nachhaltigkeit sehr viel mehr bedeutet als nur saubere Energie.“ Er berichtet von einem Windkraftanlagen-Hersteller, der sich beharrlich weigert, Personal für die ESG-Berichterstattung einzustellen. „Aber auch ein Solarmodul-Hersteller muss sich fragen lassen: Wie steht es mit dem Recycling von Schadstoffen, wie um die Arbeitsbedingungen?“ Chinesische Unternehmen fallen demzufolge durch.

Stefan Bauer von der Deka Bank berichtet, dass die Erneuerbaren innerhalb von ESG-Fonds bislang einen „vernachlässigbaren Anteil“ darstellen. „Anlagesuchendes Kapital ist vorhanden“, erklärt Bauer. Es hake an der Bürokratie. „Die Umstellung von Produktion, Abläufen und Berichterstattung auf ESG-Kriterien ist keine Sache, die man nebenbei hinbekommt.“

Thomas Bauer
Karsten Wiedemann
Keywords:
ESG | Nachhaltige Investments | BVK | Deutsche Bank | Ökoworld | Bank Sarasin | Deka Invest | Union Invest | Grünes Geld | Forum Nachhaltige Geldanlagen
Ressorts:
Finance

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