Oberhalb von Seeheim-Jugenheim, keine 20 Kilometer südlich von Darmstadt auf der Neutscher Höhe, dreht sich eine Repower MM 92 mit einer installierten Leistung von zwei Megawatt. 100 Meter Naben-höhe, 92 Meter Rotordurchmesser: ein Gigant im nördlichen Odenwald. Als die Pläne bekannt wurden, kam es zum üblichen Widerstand der Anwohner, der durch die Berichterstattung in der Lokalpresse noch angeheizt wurde. Doch plötzlich drehte sich die Stimmung ins Positive – weil die Bürger der angrenzenden Gemeinden die Gelegenheit erhielten, sich an dem Projekt zu beteiligen. Die Energiegenossenschaft Starkenburg machte es möglich. Vorstand Micha Jost formuliert das Motto so: „Wer draufschaut, soll auch den Nutzen haben.“

Bürgerwindparks, Bürgersolarparks, Bioenergiedörfer. Solche Projekte wählen oft die Gesellschaftsform einer Genossenschaft. Meist werben sie in erster Linie um Beteiligungen aus der Region. Großinvestoren wie Banken und Versicherungen kommen kaum zum Zug. Einzeln betrachtet, handelt es sich zudem oft um vergleichsweise geringe Anlagesummen. Aber in der Summe spielen sie durchaus eine wichtige Rolle im Markt für erneuerbare Energien. Zumal sie oft dort weiterkommen, wo Ortsfremde an Widerständen aus der Bevölkerung scheitern. Mittlerweile spielen Genossenschaften außerdem in der professionellen Beratung von Kommunen und Landkreisen eine wichtige Rolle, insbesondere bei der Gretchenfrage nach Akzeptanz. 

Genossenschaften sind eine Idee aus dem 19. Jahrhundert. Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen gelten als die Väter dieser Idee. Ihr Motto lautete: Durch Zusammenschluss gewinnen Einzelpersonen mit vergleichbaren wirtschaftlichen Interessen größere Marktmacht, beispielsweise beim Einkauf. Migros und Coop in der Schweiz basieren auf diesem Modell, die Volks- und Raiffeisenbanken sind daraus hervorgegangen.

 

Einige Genossenschaften haben sich zu etablierten Versorgern entwickelt

Zu Beginn der Elektrifizierung waren zum Beispiel ländliche Regionen zu zersplittert, als dass sie als Kunden für größere Elektrizitätswerke interessant gewesen wären. Also griffen Bürger dieser Regionen zur Selbsthilfe und gründeten Energiegenossenschaften. Einige davon haben bis heute überlebt und sich zu etablierten Versorgern entwickelt.

So startete das Alb-Elektrizitätswerk Geislingen-Steige 1910 mit zwei Getreidemühlen, die aus nicht benötigten Kapazitäten Strom für die Region lieferten. Nach wie vor gehören die Werke in erster Linie Familien aus der Region. „Unsere Anteile werden nicht verkauft, sondern vererbt“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Hubert Rinklin. 

Noch sorgen Kernenergie und fossile Quellen für mehr als 40 Prozent am Strommix, aber das Unternehmen baut seine Renewables-Kapazitäten aus. So beteiligt es sich unter anderem am Windpark Lauterstein, dem größten zusammenhängenden Windpark Süddeutschlands.

 

(fotos: PR)