"Auch Bürger, die kein eigenes Dach zur Verfügung haben, können sich am Klimaschutz beteiligen", wirbt die Initiative für eine neue Energiegenossenschaft in Budenheim bei Mainz. Als zusätzliches Standbein ist ein Carsharing-Angebot für Elektroautos geplant, wie Mitinitiator Jörg Gräf erklärt. Über ein zusätzliches Kabel neben dem für die Einspeisung von Strom ins Netz könnten so  Ladestationen versorgt werden.

Auf die Verkehrswende setzt auch die Vianova, eine in Mainz neugegründete Dachgenossenschaft mit zehn Energiegenossenschaften aus mehreren Bundesländern und zwei weiteren Unternehmen. Der Verbund will Energiegenossenschaften, Unternehmen, Kommunen, Vereine, Wohnungsbaugenossenschaften, Wohnprojekte u.a. bei der Umsetzung klimaschonender Mobilitätslösungen unterstützen.

"Wir wollen die nachhaltige Mobilität in Gemeinschaft mit innovativen Lösungen voranbringen", erklärt Vianova-Technikvorstand Klaus Grieger. Vianova bietet dafür einen Fullservice - von der Projektierung, dem Kauf der Fahrzeuge, dem Bau der Ladesäulen über die Entwicklung von Geschäftsmodellen und Tarifen bis hin zu allen Prozessen rund um die Nutzung der Fahrzeuge. Dazu gehören die selbstentwickelte, nutzerfreundliche Buchungs-App, die digitale Abrechnung bis hin zum Hotline-Support und Videos für die Nutzerinnen und Nutzer. "Wir bieten einen Baukasten an, der je nach Bedarf genutzt werden kann§, so Grieger weiter.

"Es ist den Energiegenossen sehr wohl bewusst, dass es im Verkehr noch erhebliche Defizite beim Klimaschutz gibt", sagt Verena Ruppert, die die Geschäftsstelle des Landesnetzwerks Bürgerenergiegenossenschaften in Rheinland-Pfalz leitet. Es sei daher nur folgerichtig, wenn Energiegenossenschaften als Produzenten von Photovoltaik-Strom "den Kreis schließen über die Elektromobilität".

Genossenschafts-Boom abgeschwächt

Bis Ende 2019 wurden in Rheinland-Pfalz 33 Bürgerenergiegenossenschaften gegründet. Der Boom setzte 2006 mit einer Neufassung des Genossenschaftsgesetzes ein. Einen zusätzlichen Aufschwung habe es nach der Reaktorkatastrophe vom 11. März 2011 in Fukushima gegeben, sagt Ruppert, die auch Aufsichtsratsvorsitzende der im September 2010 gegründeten Mainzer Bürgerenergiegenossenschaft UrStrom ist. Nach 2014 habe sich der Boom aber deutlich abgeschwächt, als das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) kompliziertere und verschärftere Bedingungen geschaffen habe.

"Inzwischen ist es schwieriger geworden, die PV-Dachanlagen wirtschaftlich zu betreiben", sagt Ruppert. Die Vergütungssätze für die Einspeisung von Strom ins Netz sind im vergangenen Jahr von 11,55 Cent je Kilowattstunde auf 9,59 Cent gesunken. Allenfalls Energiegenossenschaften, die sich auf große Dächer spezialisiert hätten, könnten noch mit der Einspeisung von Strom ins Netz Renditen erzielen, erklärt Ruppert. "Aber für die große Mehrheit ist das sehr schwierig geworden."

"Die bundesgesetzlichen Rahmenbedingungen bremsen die Bürgerenergiegenossenschaften weiterhin aus", kritisiert der energiepolitische Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, Andreas Hartenfels. Für alle Projekte zu erneuerbaren Energien mit einer Leistung bis zu 18 Megawatt müsse eine Festvergütung gezahlt werden. Außerdem müsse die Bundesregierung zügig dafür sorgen, dass die Eigen- und Direktstromnutzung aus PV- oder Windkraftanlagen von allen verpflichtenden Abgaben und Gebühren freigestellt werde.

Auch Pacht von Dachflächen als Geschäftsmodell

Rentabel sind PV-Anlagen für Hausbesitzer, die mit der Anlage auf dem Dach vor allem ihren eigenen Strom produzieren. Diesen Umstand nutzen jetzt auch Energiegenossenschaften verstärkt, indem sie etwa von kommunalen Einrichtungen Gebäudedächer pachten, Solaranlagen darauf errichten und den Strom dann nicht ins Netz einspeisen, sondern direkt vor Ort an die Gebäudenutzer liefern, etwa große Behörden oder auch Schulen. Für diese ist der Strom vom Dach dann günstiger als der Strom vom Energieversorger. Und die Energiegenossenschaft kann einen etwas höheren Preis berechnen als bei der Einspeisung ins Netz.

Der wirtschaftliche Vorteil könne so auf die beiden Partner aufgeteilt werden, erklärt Ruppert. "Das entspricht auch dem Ziel, Erzeugung und Verbrauch möglichst nahe zusammenzubringen." Ein Vorteil: Das Leitungsnetz wird weniger beansprucht, es wird weniger Netzausbau notwendig.

Hier könnte auch die Zukunft der Energiegenossenschaften liegen: Als Dienstleister mit dem speziellen Know-how kümmern sie sich um Planung und Betrieb der Photovoltaik-Anlage. Zudem hätten die Beschäftigten eines Betriebs oder einer Behörde die Möglichkeit, sich an der Genossenschaft zu beteiligen, erklärt Ruppert.

Bessere Bedingungen für Teilhabe nötig

Mitte August hat das rheinland-pfälzische Umwelt- und Energieministerium eine Broschüre herausgebracht, die unter dem Motto "Mehr Klimaschutz durch Teilhabe" für Bürgerenergiegenossenschaften wirbt und unterschiedliche Modelle vorstellt. "Die Bundesregierung muss jetzt die Chance ergreifen, die Rahmenbedingungen für die Bürgerenergie zu verbessern, damit die Menschen weiterhin an der Energiewende teilhaben können", fordert Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne).

Die Budenheimer Genossenschaftsinitiative sucht jetzt Mitstreiter, die dabei helfen, einen Businessplan und eine Satzung aufzustellen. Bis Anfang Dezember solle eine Gründungsversammlung einberufen werden, sagt Mitinitiator Gräf. Es gebe viele Möglichkeiten, sich in der Energiegenossenschaft einzubringen, erklärt er. Für den Start sollten mindestens 30 Genossinnen und Genossen dabei sein. Dies sei auch realistisch, sagt Gräf, der als kaufmännischer Vorstand der Gemeindewerke Budenheim mit den Themen vertraut ist und seine Freizeit für die Genossenschaft nutzt. "Schön wäre es, wenn wir um die 100 Menschen für die Genossenschaft gewinnen können."

jst/dpa

Immer mehr Energiegenossenschaften wenden sich Angeboen für die E-Mobilität zu und betreiben, meist in Kooperation, auch eigene Ladesäulen (Copyright: Istock)