Kolumne
09.07.2014

Goldgräber in China

Illustration: Valentin Kaden; Titel: Depositphotos.com

Unser Kolumnist Ferdinand Dudenhöffer schreibt, warum die deutschen Autokonzerne schleunigst dem kalifornischen Newcomer Tesla nacheifern sollten.

 

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Diese Zahlen sprechen für sich: 280 Millionen Führerscheininhaber gibt es aktuell in China, meldet das chinesische Ministerium für Öffentliche Sicherheit. Und der staatlich gelenkte Branchenverband China Association of Automobile Manufacturers (CAAM) prognostiziert, dass die Zahl der Chinesen mit gültigem Führerschein in den nächsten 10 bis 15 Jahren auf eine Milliarde ansteigt. 

Fast grenzenloses Wachstum scheint somit programmiert, auch wenn ein Führerschein nicht unmittelbar Autobesitz bedeutet. Im Jahr 2000 wurden in China 600.000 neue Pkw verkauft, etwa so viel wie in Holland. Vergangenes Jahr kamen in China 16,3 Millionen neue Autos auf die Straßen. Niemand hätte diese Entwicklung im Jahr 2000 für möglich gehalten. 

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Die Entwicklung rollt unaufhaltsam weiter. Um das Jahr 2025 sind bei konservativer Prognose mehr als 35 Millionen Pkw-Verkäufe zu erwarten – so viel wie jährlich in den USA, Westeuropa und Japan zusammen. Die Schallmauer von 50 Millionen verkaufter neuer Pkw dürfte noch vor 2035 durchbrochen werden. In der Autoindustrie herrscht Goldgräberstimmung wie noch nie. Der Wolfsburger Volkswagen-Konzern ist unter den großen Autobauern das Unternehmen mit der größten China-Abhängigkeit. 42 Prozent aller VW-Pkw fanden im Jahr 2013 in China ihre Käufer, bei Audi waren es 37 Prozent. Tendenz: weiter schnell steigend.   

Eine Milliarde Führerscheinbesitzer lassen erahnen, welche Herausforderungen auf die chinesische Politik zukommen, insbesondere in Form von Luftverschmutzung und Staus. Nicht das flache Land, sondern die rasant wachsenden Riesenstädte sind das Problem. In einigen der Megacities wie Peking ist die Luft zum Schneiden. Es riecht ein
bisschen nach Kohle, in etwa so wie im Ruhrgebiet vor 50 Jahren. Und es herrscht Dauernebel, der zum Tragen von Atemschutzmasken geradezu zwingt. 

Es gibt mehr als 300 chinesische Megacities mit mehr als einer Million Einwohner. Dabei kennt kaum jemand etwa Chongqing, die wohl größte Stadt der Welt mit 30 Millionen Einwohnern. Nach amtlichen Angaben stammt ein Drittel der Luftverschmutzung in Ballungszentren von Verkehrsabgasen. Die Stadtregierung hat harte Konsequenzen gezogen. In Peking fährt kein Moped mehr mit Benzin. Lautlose, ohne Abgase und Gestank fahrende Elektroroller und Mopeds prägen das Bild der Hauptstadt. Das Wunder kam über Nacht – durch ein Verbrennungsmotoren-Verbot für Zweiräder ohne Kompromisse und Übergangsfristen.

Im Vergleich mutet es fast lächerlich an, dass die deutschen Autobauer im Schulterschluss mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel harte Abgasnormen aus Brüssel bekämpft haben und das Inkrafttreten der EU-Norm für CO2-Verbrauch von 95 Gramm CO2 pro Kilometer auf die Zeit nach 2020 hinauszögerten. In China kann die Kanzlerin sicher nicht auf eine deutsche Vorreiterrolle verweisen, solange in Deutschland weiter Motorroller und Mopeds als stinkende Zweitakter durch die Städte tuckern.

Derzeit arbeitet China an seinem zweiten Anlauf für Elektroautos, nachdem der erste gründlich danebenging. Die Zentralregierung verordnete damals Elektromobilität und hoffte, dass chinesische Autobauer in einer Art Leapfrog-Strategie Elektroautos auf die Straße bringen und im Nebeneffekt die westlichen Autobauer überrumpeln. 

BYD, das Start-up unter den chinesischen Autobauern, sollte als Leitwolf agieren. Zwar kaufte sogar US-Starinvestor Warren Buffet BYD-Aktien, doch das Experiment scheiterte grandios. So ist China neben Deutschland heute eines der Schlusslichter bei der Elektromobilität. 

Aber die Chinesen scheinen durch diesen gescheiterten Versuch jetzt zusätzlich motiviert. Elektromobilität ist in den Megacities ohnehin alternativlos. Deshalb sollen die Importzölle für Elektroautos gestrichen werden. Erster Nutznießer ist das junge Unternehmen Tesla aus Kalifornien.

Das Tesla Model S hat eine Reichweite von knapp 500 Kilometern und wird bald auf Chinas Straßen fahren. Tesla buhlt daheim erfolgreich um Premiumkunden. So wurden letztes Jahr in den USA 16.150 Fahrzeuge der Oberklasse-Limousine Model S verkauft. Mercedes hat im gleichen Zeitraum 13.303 S-Klasse-Limousinen verkauft, BMW 10.932 Exemplare des 7er, Audi 6.300 Fahrzeuge der Modellreihe A8 und Porsche 5.421 Fahrzeuge vom Typ Panamera. Tesla, noch ein David unter lauter Autoriesen, fuhr im ersten Jahr nach Einführung des Model S allen deutschen Premiumanbietern davon. 

Teslas Ergebnis ist aller Ehren wert, auch wenn das Unternehmen in den USA von Kaufprämien für Elektroautos profitiert. Nicht nur 2013 verlief blendend, in den ersten vier Monaten des Jahres 2014 hat sich das Model S in den USA besser verkauft als die Autos der deutschen Wettbewerber. Sogar in Märkten ohne Unterstützung für Elektroautos fährt Tesla den deutschen Premiumherstellern davon. In der kleinen Schweiz, einem wichtigen Luxusautomarkt, ließ das Model S mit 231 Verkäufen letztes Jahr die Mercedes S-Klasse (189), den BMW 7er (163) und den Audi A8 (118) hinter sich. Ganz zu schweigen vom VW Phaeton, der in der Schweiz, das ist schon bedauernswert, nur ganze 15 Mal verkauft wurde. 

Fazit: Die deutschen Konzerne sollten sich schleunigst auf China einstellen, auch in puncto Emissionen. Sie sollten sich Tesla zum Vorbild nehmen. Noch nie ist in der Geschichte der Automobilbranche eine Marke schneller zum Mitglied der Oberklasse avanciert. Und Chinesen lieben Luxus.

 

 

Ferdinand Dudenhöffer ist Direktor des Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen sowie Inhaber des dortigen Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft.

Ferdinand Dudenhöffer
Keywords:
China | Tesla | BMW | Elektromobilität | BYD | Daimler | Model S
Ressorts:
Markets

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