Exklusiv-Interview
26.06.2012

Grüner Kapitalismus

KfW
Mit einer Bilanzsumme von rund 450 Milliarden Euro ist die KfW-Bankengruppe hierzulande das drittgrößte Kreditinstitut, nach der Deutschen Bank und der Commerzbank.

Die Energiewende braucht langfristige Investitionen und entsprechende Kreditangebote. KfW-Chef Ulrich Schröder spricht exklusiv im BIZZ energy today Interview über die Rolle der Staatsbank und anderer Finanziers dieser Jahrhundertaufgabe.

BIZZ energy today: Herr Schröder, ist die Energiewende, und insbesondere der Atomausstieg, für die deutsche Wirtschaft ein segensreicher Innovationsmotor - oder ein Fluch?
Ulrich Schröder: Die Energiewende ist ein historisches Projekt mit weitreichenden Auswirkungen. Kurzfristig werden wir uns sicherlich am stärksten mit der Frage der Energiesicherheit auseinandersetzen müssen. Hierin sehe ich das größte Innovationspotential für unsere Volkswirtschaft.

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BIZZ energy today: Warum?
Schröder: Ein Ressourcen-Engpass und steigende Preise führen immer dazu, dass sich ein Unternehmen oder ein Privathaushalt mit der Frage beschäftigt: Wie komme ich mit weniger Ressourcen zurecht oder wie lassen sich alternative Ressourcen verfügbar machen? Dieser Prozess setzt in der Regel immer Ideen, Kreativität und Innovationen frei. Die Orientierung hin zu einer nuklearfreien Energieversorgung wird deshalb sicherlich Innovationsschübe bei neuen Verfahren zur Energieversorgung und zum effizienten Einsatz von Energie auslösen.

BIZZ energy today: Welche Branchen und Unternehmen zählen Sie zu den Gewinnern der Energiewende - und wer sind die Verlierer?
Schröder: Ich sehe weitaus mehr Gewinner als Verlierer. Stromkonzerne erscheinen zwar zunächst als Verlierer, werden sich aber künftig zu Gewinnern entwickeln. Sie müssen ihre Atomkapazitäten zwar derzeit zurückfahren, auf die sie in ihrer betriebswirtschaftlichen Planung gesetzt haben. Andererseits engagieren sie sich alle bereits auch im Bereich der erneuerbaren Energien – und werden dort auch Erfolge verbuchen. Die Stadtwerke und Stadtwerksverbünde werden, wenn sie es richtig anpacken und die Rahmenbedingungen geschaffen werden, sicher auch zu den Gewinnern zählen. Ich erwarte eine gewisse Rekommunalisierung der Energieerzeugung.

BIZZ energy today: Was ist mit den Industriebranchen außerhalb der klassischen Energiewirtschaft? Wer wird dort profitieren?
Schröder: Die Technologiekonzerne sind potenzielle Gewinner, aber auch sie müssen sich erst einmal umstellen. Wir sehen gerade, welche enormen technischen Hürden Konzerne wie Repower, Areva und Siemens etwa im Bereich Offshore-Windkraft überwinden müssen. Der Maschinenbau wird in der Breite zu den Gewinnern zählen, insbesondere Firmen aus dem Mess- und Regeltechnikbereich. Auch für die Chemie- und Automobilbranche eröffnen sich viele neue Geschäftschancen. Die Branchen, in denen die deutsche Industrie auf den Weltmärkten führt, können und werden profitieren. Ich bin fest überzeugt: Die Energiewende wird Deutschland als Innovationsstandort stärken.

BIZZ energy today: Werden Banken von der Energiewende profitieren?
Schröder: Wir stehen vor einem Dilemma: Alle Energiewendeinvestitionen sind langfristig. Ob Sie Stromtrassen oder Speicher bauen, Geld in neue Kraftwerke oder für Forschung und Entwicklung neuer Technologien investieren: Wir reden immer über Investitionen, die erstens langfristig und zweitens großvolumig sind...

BIZZ energy today: ... und da herrscht die vielzitierte Kreditklemme?
Schröder: Unternehmen haben in Deutschland zurzeit kein Problem im Bereich der kurz- und mittelfristigen Finanzierung. Hier sorgen die Banken, unterstützt durch kurzfristige Einlagen und die Tender der Europäischen Zentralbank, für genügend Liquidität im Markt. Mittelständer haben in Deutschland noch nie so gute Konditionen bekommen wie heute – für kurze und mittelfristige Kredite. Aber für Unternehmen, die großvolumige, langfristige Investitionen wie im Rahmen der Energiewende finanzieren müssen, ist das Angebot an Krediten sehr schwach. Denn Banken können sich ihrerseits nicht ausreichend, oder zumindest nicht zu vernünftigen Konditionen am Kapitalmarkt refinanzieren.

BIZZ energy today: Warum?
Schröder: Die Lage hat sich nach dem Lehman-Brothers-Zusammenbruch im Jahr 2008 verändert: Vorher konnten Geschäftsbanken ihren Refinanzierungsbedarf verlässlich auf den Märkten decken. Heute herrscht viel Unsicherheit und Misstrauen auf den Märkten, die langfristige Refinanzierung der Banken leidet stark darunter. Die KfW als Förderbank hat allerdings eine Sonderposition: Da wir über eine Garantie des deutschen Staats verfügen, gelten unsere Anleihen auch in schwierigen Märkten als sichere Investition. Ebenso wie die Bundesrepublik Deutschland selbst können wir uns deshalb weiter außerordentlich gut auch im langfristigen Bereich refinanzieren. Dies ermöglicht es uns, der deutschen Wirtschaft nach wie vor langfristige und großvolumige Kredite zur Verfügung zu stellen.

BIZZ energy today: Was muss passieren, damit Geschäftsbanken in diesem Langfristbereich wieder Fuß fassen?
Schröder: Es braucht wieder Vertrauen der Investoren in Banken. Das ist leichter gesagt als umgesetzt. Investoren fragen sich: Welche Risiken stecken noch in den Bilanzen der Banken? Ich denke hier beispielsweise an die Folgen aus dem Platzen der Immobilienblasen in Spanien oder in Irland. Zudem ist die Bankenkrise auch eine Frage des mangelnden Vertrauens von Investoren in das Geschäftsmodell verschiedener Banken. Die aktuell niedrigen Kurse der Bankaktien spiegeln die Unsicherheit. Ich glaube, es wird noch einige Jahre dauern, ehe das Vertrauen in Banken wieder hergestellt ist und wir sagen können: Diese Bankenkrise ist endgültig überwunden.

BIZZ energy today: Also fallen die Banken als Finanziers der Energiewende in den kommenden Jahren leider aus?
Schröder: Das ist mir zu spitz formuliert. Aber Banken werden sich einige Zeit nicht in dem von ihnen angestrebten Maße engagieren können.

BIZZ energy today: Wie ist das mit Finanzinvestoren und Versicherungen? Haben die es leichter als die Banken?
Schröder: Die Versicherungen stehen vor ganz anderen Herausforderungen: Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, dass sie Kundengelder über lange Zeiträume wertbringend anlegen. Sie finden derzeit aber immer weniger langfristige, sichere Anlagen mit attraktiven Zinsen. Staatspapiere, in die sie früher sehr stark investiert haben, sind ihnen heute als Folge der Finanzkrise nicht sicher genug. Dort, wo Sicherheit gesehen wird, wie in Deutschland, liegen die Zinsen deutlich unter der garantierten Mindestverzinsung vieler Lebensversicherungen. Also suchen Versicherungen händeringend nach langfristigen und ordentlich rentierenden Investitionen.

BIZZ energy today: Versicherungen könnten in Infrastruktur investieren, wie Netzausbau oder Windparks. Werden sie diesen Schritt wagen?
Schröder: Hier gibt es regulatorische Grenzen. Andererseits müssen Finanzierungen im Bereich der Energiewende auch so aufbereitet werden, dass sie für Versicherungen attraktiv sind. Das ist eine wichtige Aufgabe für die Bundesregierung und für Institutionen wie die KfW. Auf EU-Ebene wird aktuell in einer Pilotphase die Idee der Project Bonds getestet. Im Rahmen solcher Bonds will die EU-Kommission mithilfe der Europäischen Investitionsbank (EIB) das Anlagerisiko für Dritte reduzieren, in dem sie Teile der projektbezogenen Anleihen garantiert.

BIZZ energy today: Und solche Project Bonds würden funktionieren?
Schröder: Für die Versicherungen wird dadurch das Risiko prinzipiell überschaubarer und leichter zu tragen. Der Langfrist-Investor benötigt aber entsprechende Analysekapazitäten zur Bewertung des Anlagerisikos einer Project Bond Struktur. Stellen Sie sich vor, es geht um eine Investition in Höhe von 100 Millionen Euro, von denen Ihnen eine Förderbank 20 Millionen Euro abnimmt. Die restlichen 80 Millionen Euro würden Sie nur ausgeben, wenn Sie das Gefühl haben, dass dieses Geld sicher ist. Das müssen Sie analysieren und finanzmathematisch bewerten können. Der Project Bond allein reicht also nicht aus, er kann aber sehr wohl Teil der Antwort sein.

BIZZ energy today: Glauben Sie, dass Assekuranzen diesen Wechsel ihrer Anlagestrategie vollziehen werden?
Schröder: Insgesamt handelt es sich um einen interessanten und wachsenden Markt. Daher bin ich sicher, dass etliche Investoren sich diesen Markt erschließen und die notwendigen Analysekapazitäten intern aufbauen werden. In persönlichen Gesprächen mit Vorständen und anderen Topmanagern spüre ich eine deutliche Offenheit für dieses Thema.

BIZZ energy today: Schlägt jetzt die Stunde der Private-Equity-Fonds?
Schröder: Sie brauchen für eine Finanzierung immer beides: Eigen- und Fremdkapital. Der größte Engpass bei der Energiewende liegt nach meiner Beobachtung derzeit beim Fremdkapital und nicht im Eigenkapital-Bereich, in dem die Private-Equity-Fonds tätig sind. Zudem stehen natürlich auch die großen Energieunternehmen oder die Stadtwerksverbünde als Eigenkapitalgeber bereit, etwa für Offshore-Windparks.

BIZZ energy today: Werden sich Private Equity Fonds mit Versicherungen verbünden?  
Schröder: Warum nicht? Nehmen Sie die Diskussion über Netzausbau und den Anschluss der Offshore-Windparks. Da ist noch alles im Fluss. Aber wir erkennen, dass hier verschiedene Investoren bei entsprechender Gestaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen Eigenkapital anbieten. Das ist ein klares Indiz, dass sie sich auch in diese Richtung öffnen.

BIZZ energy today: Apropos: Was bietet die KfW als Förderbank für den Ausbau der Offshore-Windparks?
Schröder: Zunächst läuft das Offshore-Wind-Förderprogramm der Bundesregierung über die KfW: Insgesamt stellen wir fünf Milliarden Euro als Fremdkapital zur Verfügung. Dies ist so, weil insgesamt bei der Offshore-Windenergie technisches Neuland betreten wird: Installation und Betrieb des Windparks auf hoher See bergen viele potentielle Risiken. Hier gibt die KfW als Förderbank über Risikoübernahmen Anreize, dennoch zu investieren. Bisher haben wir einen Windpark von verschiedenen Stadtwerken finanziert, mit je rund 300 Millionen Euro. Zusätzlich engagieren wir uns über unsere Konzerntochter KfW IPEX- Bank. Sie ist eine der führenden Arrangeure bei der Offshore-Finanzierung in Europa. Sie bildet Konsortien von Fremdkapitalgebern und nutzt dabei auch das Fünf-Milliarden-Euro-Förderprogramm der KfW.

BIZZ energy today: Der für die Nordsee zuständige Netzbetreiber Tennet, ein niederländischer Staatskonzern, will den notwendigen Netzanschluss für Offshore-Windparks nicht allein finanzieren. Wird die KfW einspringen?
Schröder: Die Gesetzeslage zu diesem Punkt ist eindeutig. Der Netzanschluss von Offshore-Windparks in der Nordsee fällt in die Regelzone von Tennet. Damit ist Tennet gesetzlich verpflichtet, die Nordsee-Windparks an das Stromnetz am Festland anzuschließen. Geschieht dies nicht oder nicht fristgerecht, drohen Tennet Schadensersatzklagen seitens der betroffenen Offshore-Windpark-Betreiber. Es ist in erster Linie Aufgabe des niederländischen Staats als Anteilseigner, Tennet finanziell so auszustatten, dass die gesetzlich vorgeschriebenen Netzinvestitionen durchgeführt werden können. 

BIZZ energy today: Reden Sie über Netzausbau auch mit den Stadtwerken?
Schröder: Dafür sind wir zwar offen, aktuell verfolgen wir aber verstärkt ein anderes Thema: Viele Stadtwerke sind auf uns zugekommen und wollen konventionelle, insbesondere gasbetriebene Kraftwerke bauen, als Reservekapazitäten für die Schwankungen bei Wind- und Solarenergie. Wir haben im April ein KfW-Förderprogramm aufgesetzt, um kommunale Unternehmen, also insbesondere Stadtwerke mit zinsgünstigen Finanzierungsmitteln zu versehen. 

BIZZ energy today: Lassen Sie uns über die Anlagestrategie der KfW sprechen. Sie haben 2006 die Principles for Responsible Investments der Vereinten Nationen (UN-PRI) unterschrieben. Welche praktischen Konsequenzen hat das ?
Schröder: Wir sind damit verpflichtet im Investmentbereich Ökologie-, Sozial- und Unternehmensführungsthemen in die Analyse- und Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Für das Management unseres Liquiditätportfolios, das rund 20 Milliarden Euro beträgt, haben wir daher ein eigenes Investitionskonzept entwickelt, bei dem die Emittenten neben der Bonitätsbewertung auch einer eingehenden Nachhaltigkeitsbewertung unterzogen werden. Daraus wird ein Ranking erstellt und – vereinfacht gesagt: denjenigen 20 Prozent der Emittenten, die am unteren Ende des Rankings stehen, wird das Limit um 30 Prozent gekürzt. Im Ergebnis ist unser Anlagebestand zunehmend nachhaltig und unsere Investitionsstrategie so ausgelegt, dass eine nachhaltige Ausrichtung der Emittenten befördert wird.

BIZZ energy today: Richten sich deutsche und ausländische Geschäftsbanken auch nach diesen Grundsätzen?
Schröder: Sie agieren ähnlich. Die Orientierung an ethischen und nachhaltigen Kriterien wird immer mehr zu einer wichtigen Leitlinie von Banken.

BIZZ energy today: Wird der Kapitalismus jetzt grün?
Schröder: Ich hoffe es - und vieles spricht dafür, dass er in vielfacher Sicht nachhaltiger wird. Das ist eine positive Folge der Finanzkrise und der daraus resultierenden Diskussionen in den vergangenen Jahren. Letztlich trägt auch die öffentlichkeitswirksame Occupy-Bewegung dazu bei. Die Rolle der Banken, ihre Vergütungs- strukturen und vieles mehr stehen auf dem Prüfstand. Die Krise hat auch eine reinigende Wirkung und führt zur Rückbesinnung auf ethische und ökologische Werte. Das finde ich gut. Natürlich wird auch künftig nicht alles perfekt sein. Der Kapitalismus eröffnet viele Freiheiten, das muss auch so bleiben.

BIZZ energy today: Sind Banker und Finanzinvestoren ökologischer orientiert als Manager aus anderen Industriebranchen?
Schröder: Nein, dafür sehe ich keine Anzeichen. Ich glaube aber, dass sich die Finanzmärkte der Realwirtschaft wieder annähern. In den letzten zwanzig Jahren ist eine Kluft entstanden. Die Transaktionsvolumina der Finanzmärkte wurden im Vergleich zu denen in der Realwirtschaft immer höher. Das ist für mich auch der Kern der Vorwürfe an Banken und Finanzmärkte. Diese Entwicklung führte zu höheren Risiken, die am Ende die gesamte Gesellschaft abfedern muss – das ist ja das fatale Ergebnis der Bankenkrise. Jetzt gibt es eine Rückbesinnung unter den Bankern. Sie ist zum Teil regulatorisch erzwungen, zum Teil wächst sie aber auch aus eigener Verantwortung.

Zur Person:

Ulrich Schröder (60) begann seine Karriere 1983 bei der WestlB und stieg dort im April 2002 in den Vorstand auf. 2006 rückte der promovierte Jurist an die Spitze der NRW-Bank. Den Posten des KfW-Chefs übernahm der Niedersachse am 1. September 2008 und beerbte damit Ingrid Matthäus-Maier. Die frühere SPD-Politikerin war nach dem Debakel um die angeschlagene IKB-Bank, an der die KfW damals rund 38 Prozent hielt, zurückgetreten. Kurz nach Amtsantritt musste sich Schröder gleich mit dem nächsten Fiasko auseinandersetzen: der Überweisung über 320 Millionen Euro an Lehman-Brothers, zu einem Zeitpunkt, als der Zusammenbruch der US-Investmentbank bereits bekannt war. Seitdem hat Schröder die KfW in deutlich ruhigeres Fahrwasser geführt.
Schröder ist in der Berliner Politik sehr gut vernetzt, insbesondere in der CDU. Früh übt sich: 1974/1975 war er Bundesvorsitzender des unionsnahen Studentenverbandes RCDS.

Joachim Müller-Soares
Niels Hendrik Petersen
Keywords:
Banken und Finanzinvestoren | KfW | Netzausbau | Projektfinanzierung | Energieeffizienz | Offshore
Ressorts:
Finance

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