Im Entwurf des Wirtschaftsministeriums zum EEG 2021 stehen sie nicht, auch nicht in dem EEG-Entwurf, den das Bundeskabinett kürzlich beschloss – dennoch wird Thorsten Lenck vom Thinktank Agora Energiewende nicht müde, für so genannte Prosumer-Lastprofile für die Photovoltaik-Anlagen zu werben, die ab Anfang 2021 aus dem EEG fallen. Zuletzt plädierte der Experte dafür Mitte September, als der Ökostromer EWS Schönau eine Studie zum solaren Rollout vorstellte.

Schon fast ein dreiviertel Jahr zuvor,  bei einer Anhörung der Grünen im Bundestag, hatte Lenck auf das Problem hingewiesen, dass die sogenannten Ü20-Anlagen ab 2021 allein auf die Marktpreise beim Strom angewiesen sein könnten. Für Photovoltaik sei das besonders problematisch, weil diese Anlagen ihren Strom um die Mittagszeit ziemlich gleichzeitig einspeisen und so den Preis zusätzlich drückten. Weiterbetrieb also fraglich.

Im Entwurf des EEG 2021 wird das Problem weitgehend ignoriert. Damit droht ein Dilemma, das Agora Energiewende in einer Studie (Mitautor: Lenck) Anfang September auf den folgenden Punkt brachte: Entweder akzeptierten die Ü20-Eigner sehr niedrige Vermarktungserlöse für ihren Strom, die "gerade so" die Versicherungs- und Wartungskosten deckten. Oder die Leute rüsten ihre Anlage so um, dass sie den Solarstrom auch selbst verbrauchen. Dann verlangt das EEG 2021 aber die Anschaffung eines Smart Meters. Das soll dann genau bemessen, welche Kilowatt selbst verbraucht und welche ins Netz geliefert werden. Allerdings machen die Kosten für die Messtechnik die kleineren Anlagen eben unwirtschaftlich, warnt der Thinktank in der Studie recht eindringlich.

Prosumer-Profile als Übergangslösung bis 2032

Als Ausweg schlägt Agora Energiewende vor, auf teure Messtechnik zu verzichten und besser ein eigenes Prosumer-Lastprofil einführen. Dieses würde, vereinfacht gesagt, pauschal berücksichtigen, wieviel des erzeugten Stroms (neudeutsch: Prosuming) selbst verbraucht wird. Das würde quasi eine Art "natürlichen" Eigenverbrauch umfassen nach dem physikalischen Prinzip, dass stromnutzende Geräte ihre Energie immer vom nächstgelegenen  Erzeuger, also hier vom sehr nahen Solardach, beziehen. Laut Expertenschätzung deckt ein Solarhaushalt damit ganz automatisch im Schnitt etwa ein Viertel seines Strombedarfs selbst.

Um mehr soll es bei den Prosumer-Lastprofilen nicht gehen. Bei der EWS-Präsentation betonte Lenck ausdrücklich, die speziellen Lastprofile seien nur für Anlagen gedacht, die eben nicht auf Eigenversorgung optimiert sind und vor allem auch keinen Stromspeicher einsetzen. Zudem sind die angedachten Prosumer-Lastprofile aus seiner Sicht ohnehin nur als Übergangslösung vorgesehen. Denn spätestens 2032 sollen alle größeren wie kleineren Stromerzeuger gesetzlich vorgeschrieben mit Smartmetern ausgestattet sein.

Große Netzbetreiber wollen bessere Messung

Recht unerwartete Unterstützung erhielt das Agora-Vorschlag jetzt von den vier großen Netzbetreibern. "Prinzipiell erscheinen Prosumer-Lastprofile möglich“, teilte auf Anfrage ein Sprecher des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz mit und das namens aller vier großen Netzbetreiber, zu denen noch Amprion, Tennet und TransnetBW gehören.

Weil es am Ende um nur geringe Strommengen geht, rechnen die vier großen Betreiber nicht damit, dass die Einführung von Prosumer-Lastprofilen "zu signifikant höheren Regelenergieabrufen" führen werde, so der Sprecher. Auch drohten aus Sicht der Vier keine steigende Netzentgelte. "Davon ist bei den zu erwartenden Fehlmengen nicht auszugehen", erklärte der Sprecher. Zwar sähen die vier großen Netzbetreiber eine Einbindung der Ü20-Anlagen in die Direktvermarktung als Mittel der Wahl an - sie stünden aber auch "allen Lösungsvorschlägen offen gegenüber, die einen reibungslosen Weiterbetrieb der Anlagen ermöglichen und mit vertretbarem administrativem Aufwand verbunden sind."

Mit Weiterbetrieb der meisten Ü20-Anlagen wird gerechnet

Die Solarstrom-Kapazitäten, die ab 2021 keine EEG-Föderung mehr bekommen, sind tatsächlich zunächst wenig erheblich.  Im Netzgebiet von 50Hertz, das vor allem die neuen Länder umfasst, verlieren laut den Angaben 10 Megawatt Photovoltaik ihren EEG-Zuschuss. Bei Amprion (westliches und südliches Deutschland) sind es knapp 24 Megawatt (ca. 6.000 Anlagen), bei TransnetBW im Süden 11,5 Megawatt (2.500 Anlagen) sowie beim größten Netzbetreiber Tennet (Nord- und Süddeutschland) rund 79 Megawatt (knapp 19.000 Anlagen). Nahezu unisono heisst es seitens der vier Großen, so gut wie alle oder der überwiegende Teil der Ü-20-Solaranlagen würden aus heutiger Sicht weiter betrieben.

Für ein spezielles Prosumer-Lastprofil erwarten die vier Übertragungsnetzbetreiber laut dem Sprecher vor allem, dass die Stromeinspeisung exakter als bisher vorausgesagt wird, bei den Prognosen also unter anderem die unterschiedlichen Einspeisehöhen der Sonne oder die Wolken-Abdeckung oder auch die Größe der Photovoltaik-Anlage wie die des Haushalts berücksichtigt werden.

Agora-Experte Thorsten Lenck begrüßt seinerseits die generelle Zustimmung der vier großen Übertragungsnetzbetreiber. "Das ist ein erfreuliches Signal", sagt er. Entscheidender noch für eine Umsetzung der Prosumer-Lastprofile sei jedoch, dass diese von den mehreren hundert regionalen Verteilnetzbetreibern unterstützt würden.

Lenck befürwortet auch das Anliegen der großen Netzbetreiber, die Schwankungen von Stromerzeugung und -verbrauch bei Prosumern genauer zu prognostizieren und so den Bedarf an Regelenergie zu senken. "Damit auch die neue Flexibilität durch Heimspeicher, Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen gut in das System eingebunden werden kann und der Energiewende nutzt, braucht es eine vernünftige Messung an der Schnittstelle zum Stromnetz", betont er.

Es sei kein Geheimnis, so Lenck weiter, dass viele Netzbetreiber noch immer mit veralteten Voraussagen arbeiteten. Das habe, so Lenck, die Stabilität des Stromsystems bisher nicht infrage gestellt und das werde auch bei einer steigenden Zahl von Photovoltaik-Anlagen, die mittels eines speziellen Standardprofils einspeisen, nicht eintreten. Parallel zu der Entwicklung von Prosumer-Lastprofilen sollten seiner Ansicht nach aber auch die veralteten Standardlastprofile der "normalen" Haushalte aktualisiert werden.

Im Netzleitstand wird darauf geachtet, dass Angebot und Nachfrage des Strom immer zusammenpassen (Copyright: 50Hertz)