Die Zeiten, in denen der größte Ökostromer des Landes ohne eine nennenswerte eigene Erzeugung gute Geschäfte machen kann, neigen sich offenbar dem Ende zu. Lichtblick-Geschäftsführer Constantin Eis konstatierte am Montag bei der Präsentation der Jahresbilanz eine schnell wachsende Nachfrage insbesondere der Unternehmen nach erneuerbarer Energie - von jährlich um die sechs Prozent. Erfahrungen aus Deutschland wie aus anderen Ländern Europas zeigten dabei: "Grüne Energie wird zunehmend ein knappes Gut", sagte Eis.

Er verwies dabei darauf, dass Großunternehmen mit langfristigen Direktlieferverträgen grüne Energie dem Markt entzögen. Diese Entwicklung werde sich beschleunigen, meinte Eis, weil sowohl Aufsichtsräte als auch Kunden und Kundinnen von den Unternehmen eine Klimastrategie erwarten, die teilweise sogar ambitionierter sei als die des Pariser Klimaabkommens. Der Lichtblick-Manager geht auch davon aus, dass der Preis für Grünstrom in den nächsten Jahren "signifikant" steigt. Das Unternehmen sieht daraus auch einen steigenden Druck resultieren, dass Deutschland mehr für den Ausbau der Erneuerbaren tut. Eis: "Trotzdem mehr Energie nachgefragt wird, wird nicht genügend ausgebaut."

Lichtblick hält dabei den bisher von der Bundesregierung für 2030 vorausgesagten Strombedarf von 580 Terawattstunden für "deutlich zu niedrig", wie Eis weiter betonte. Würde man allein die derzeitige Stahlproduktion in Deutschland auf grüne Energie umstellen, wären dazu knapp 12.000 Windräder zu je 5 Megawatt nötig – gegenwärtig seien hierzulande insgesamt gerade einmal an Land 30.000 Windräder installiert.

Aktuell verfüge Lichtblick über acht langfristige Lieferverträge unter dem Label PPA mit Windparks und Solarprojekten mit zusammen 60 Gigawattstunden, erläuterte Lichtblick-Geschäftsführer Enno Wolf seinerseits. Noch sei der Anteil eigenen Ökostroms gering, dieser werde aber noch 2021 "erheblich" steigen. Derzeit sondiere man zusammen mit der Muttergesellschaft Eneco, wie sich weitere Erzeugungskapazitäten für den deutschen Markt insbesondere bei Solar und Wind erschließen lassen.

Geplant ist, bei steigendem Absatz 2025 etwa 15 bis 20 Prozent des Stroms selbst zu erzeugen. Das diene auch dazu, sich den knappen grünen Strom zu sichern, begründete Wolf. Lichtblick vollziehe hier auch einen gewissen Wechsel in der Philosophie.

Constantin Eis ging auch auf den Vorwurf ein, dass der niederländische Lichtblick-Eigner Eneco Graustrom aus Atom und Kohle verkaufe sowie ein Gaskraftwerk betreibe. Eneco befinde sich ebenfalls bereits im Wandel, habe Offshore-Windparks in der Erzeugung und das werde sich beschleunigen. Man könne davon ausgehen, dass der Energiemix bei Eneco künftig ein anderer sein werde.

Nach den Angaben war 2020 das bisher erfolgreichste Geschäftsjahr von Lichtblick. Der Umsatz kletterte erstmals auf über eine Milliarde Euro und die Zahl der Kundenverträge auf eine Million. Die 2020er Zahlen sind allerdings stark durch die Übernahme des Heizstrom-Geschäfts von Eon bestimmt gewesen, das Eon im Zuge des Deals mit RWE abgeben musste. So erhöhte sich der Stromabsatz von Lichtblick von 2,5 Terawattstunden 2019 auf 4,5 Terawattstunden im letzten Jahr.

Auch in den ersten Monaten 2021 verzeichnete Lichtblick stark wachsende Kundenzahlen, sagte Constantin Eis. Das künftige Geschäftsmodell werde sich stark aufs Digitale orientieren. Statt Zählernummern wolle Lichtblick den Kunden in den Fokus stellen. "Unser digitales Produkt soll eher einem Spotify ähneln statt einem Backend für Haustechnik."

Zur Digitalstrategie von Lichtblick gehört, dass die Mitarbeiter:innen auch nach der Pandemie stark aus dem Homeoffice arbeiten werden und weniger im Hamburger Unternehmenssitz präsent sein werden. (Copyright: Lichtblick)