Informationstechnologie
22.11.2018

Grüne Datenzentren: Der Norden boomt

Foto: Christian Schaudwet
Strom aus Hydrokraftwerken, Kühlwasser aus dem Fjord: das Lefdal Mine Datacenter ist in einem stillgelegten norwegischen Bergwerk untergebracht.

IT-Giganten wie Facebook und Apple bauen in Skandinavien ein Rechenzentrum nach dem anderen. Ihr Vorteil dort: günstiger grüner Strom. Auch deutsche Firmen trachten nach der nordischen Energie.

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Die Augen des Wachmanns lassen sich hinter der dunklen Sonnenbrille nur erahnen. Auf wessen Besitz er hier aufpasse? Sein Grinsen strahlt so weiß wie sein Helm in der gleißenden Mittagssonne: „Das ist das Wildcat Project“, sagt er.  Den Namen des Eigners gibt der freundliche Däne nicht preis. Das tut niemand hier auf der Baustelle des „Projekts Wildkatze“, denn der Auftraggeber verlangt strengste Diskretion. Dabei weiß ganz Dänemark, wer auf den Wiesen und Weiden nahe der Stadt Viborg für knapp 900 Millionen Euro eines der größten Datenzentren der Welt aus dem Boden stampft: Es ist Apple.

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Geheimnistuerei und Verschwiegenheitsvereinbarungen mit Zulieferern sind typisch für US-amerikanische IT-Unternehmen. In diesem Fall sind sie nicht ganz unbegründet. Apple will in den mattgrauen Hallen aus Leichtmetall, die hinter den Bauzäunen entstehen, ab 2019 ein strategisches Gut aufbewahren: Daten und Rechenprozesse für das rasant wachsende Europa-Geschäft mit Angeboten wie dem Speicherdienst iCloud, der Unterhaltungsplattform iTunes, dem App Store und den Diensten iMessage, Siri und Maps.

Destination Dänemark

Nicht nur bei Viborg wird Apple aktiv. Der iPhone-Konzern, der als erste Aktiengesellschaft der Welt einen Börsenwert von einer Billion Dollar erreichte, plant eine weitere Daten-Megafabrik auf 285 Hektar Land der Gemeinde Aabenraa. Dänemark entwickelt sich zu Europas Top-Destination für Rechenzentren. Dem kleinen Königreich, aber auch Norwegen und Schweden erwächst ein neuer, zukunftsträchtiger Wirtschaftszweig. Was Skandinavien für globale IT-Konzerne und zunehmend auch für die Schürfer von Kryptowährungen so attraktiv macht, ist sein nachhaltiger Strom aus Wind-, Solar- und Wasserkraft. So wie sich einst die Schwerindustrie  in den Kohlerevieren des Ruhrgebiets ansiedelte, folgt die Datenindustrie heute dem Lockruf der erneuerbaren Energien des Nordens.

(Lesen Sie auch: Dänemark – Offshore-Ausbau braucht mehr Elektrifizierung)

Andere IT-Giganten tun es Apple gleich – oder stehen kurz davor. So errichtet Facebook eine riesige Serverfarm im dänischen Odense und plant eine weitere bei Esbjerg, Google hat Land bei Fredericia und bei Aabenraa gekauft. Die Gemeinde 30 Kilometer nördlich von Flensburg werde zu „einer der größten Datendrehscheiben Europas“, sagt Aabenraas oberster Wirtschaftsförderer Jesper Kjærgård. Mindestens zwei weitere Konzerne aus der globalen Spitzenliga haben Kontakt zu dänischen Behörden aufgenommen, insgesamt acht sogenannte Hyperscale Data Centers sind in Planung. Das sind besonders leistungsstarke und flexible Rechenzentren, wie die ganz Großen im Datengeschäft sie einsetzen.

Lässt den Energiehunger der riesigen Serverfarm erahnen: Die Kupplungsstation des
Apple-Datenzentrums im dänischen Viborg hat eine Kapazität von 750 Megawatt.
Foto: Christian Schaudwet

Apple, Facebook und Google hoffen, dass sie im Land der Offshore-Windkraftpioniere ihr vollmundiges, an das Pariser Klimaabkommen angelehnte Versprechen halten können, bald nur noch Strom aus erneuerbaren Energien einzusetzen. Dazu schließen sie langfristige Lieferverträge mit Betreibern von Windparks auf See ab, sogenannte Power Purchase Agreements.

Noch erzeugt Dänemark seinen Strom nur zu knapp 44 Prozent aus Erneuerbaren, aber die Windparks und Solarfarmen wachsen rasch. Bis 2030 will das Land den grünen Stromanteil auf 55 Prozent erhöhen, im Jahr 2050 soll eine Erneuerbaren-Quote von 100 Prozent erreicht sein. Zudem ist das dänische Stromnetz gut verdrahtet mit Norwegen und Schweden. Dort stammt der Strom – vor allem dank Wasserkraftwerken – zu 98 Prozent (Norwegen) beziehungsweise rund 60 Prozent (Schweden) aus erneuerbaren Quellen. Facebook, das bereits im schwedischen Luleå ein Datenzentrum betreibt, hat für Odense gleich ein Power Purchase Agreement mit dem schwedischen Versorger Vattenfall unterschrieben.

Sinkende Stromsteuer lockt

Ein zweiter Grund für die Standortwahl steht auf der Verbrauchsabrechnung: Grüner Strom ist in Dänemark vergleichsweise billig. Die Windparks vor den Küsten produzieren ihn dank preissenkender Ausschreibungen und größerer Turbinen immer günstiger. Bis zum Jahr 2022 senkt das Land zudem schrittweise die Stromsteuer für gewerbliche Stromkunden auf null. Der europäischen Statistikbehörde Eurostat zufolge lag der mehrwertsteuerbereinigte Strompreis 2017 in Dänemark bei 90 Cent pro Megawattstunde, in Deutschland betrug er 1,52 Euro.

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Keywords:
Wasserkraft | Windenergie | Datenzentrum | Skandinavien
Ressorts:
Markets

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