Informationstechnologie
22.11.2018

Grüne Datenzentren: Der Norden boomt

Foto: Christian Schaudwet
Strom aus Hydrokraftwerken, Kühlwasser aus dem Fjord: das Lefdal Mine Datacenter ist in einem stillgelegten norwegischen Bergwerk untergebracht.

IT-Giganten wie Facebook und Apple bauen in Skandinavien ein Rechenzentrum nach dem anderen. Ihr Vorteil dort: günstiger grüner Strom. Auch deutsche Firmen trachten nach der nordischen Energie.

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Dänemarks dritter großer Wettbewerbsvorteil liegt vergraben unter den Stränden der Halbinsel Jütland: unterseeische Glasfaserkabel in die USA, die Niederlande, nach Deutschland, Norwegen und Island. Solche Verbindungen hätten Dänemark zu einem „Drehkreuz für Konnektivität“, gemacht, sagt Martine Kildeby. Weitere Kabel sind geplant. Für die Investitionsmanagerin der dänischen Außenwirtschaftsagentur Invest in Denmark ist klar: „Einen solchen Grad an transatlantischer Konnektivität gibt es nirgends sonst in Skandinavien.“ Das flache, dünn besiedelte Dänemark verfüge zudem über reichlich Bauland, und bürokratische Hürden für Großprojekte gebe es kaum, fährt Kildeby fort. Tatsächlich führt die Weltbank das Land  in ihrem „Ease of Doing Business Index“ seit drei Jahren auf Rang drei. Der Index misst die Geschäftsfreundlichkeit von 190 Staaten. Deutschland ist gerade von Platz 17 auf Platz 20 abgerutscht.

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Mit erneuerbarer Energie und Versorgungssicherheit empfehlen sich auch die Norweger, Schweden und Finnen. Das britische Immobilien- und Marktforschungsunternehmen Savills sagt ihnen und den Dänen einen regelrechten Datenzentren-Boom voraus. Die Analysten haben 20 europäische Länder auf ihre Eignung für große Serverfarmen geprüft. Kriterien waren unter anderem die Verfügbarkeit von Ökostrom, die Internetgeschwindigkeit und die Schadenswahrscheinlichkeit durch Naturkatastrophen. Weil Server viel Hitze abstrahlen und gekühlt werden müssen, bewertete Savills die Standorte auch nach ihren Durchschnittstemperaturen und nach der Verfügbarkeit von Frischwasser. Der kühle Norden schnitt besonders gut ab.

Explodierender Rechenbedarf

Die Boston Consulting Group traut der Datenindustrie zu, „in der kommenden Dekade eine Schlüsselkomponente der schwedischen Wirtschaft“ zu werden. Zu einer „Datenzentren-Nation“ gar will die norwegische Regierung ihr Land machen, so steht es in einer Potenzialanalyse des Industrie- und Handelsministeriums. Datenkonzerne aus den USA und China sondieren derzeit Standorte für Rechenzentren in Norwegen. Amazon, Facebook, Microsoft, Alibaba – wer greift als erster zu? Branchenkenner rechnen mit baldigen Investitionsentscheidungen.

Bitcoin-Schürfen im einstigen Bergwerk: Northern-Bitcoin-Chef Mathis Schultz vor
Containern mit Mining-Rechnern im norwegischen Lefdal Mine Datacenter.
Foto: Christian Schaudwet

Eile ist geboten, denn der Rechenbedarf wird explodieren. Streaming-Angebote, Clouddienste, automatisiertes und autonomes Fahren, Robotik, das Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz und das Schürfen von Kryptowährungen – all diese digitalen Geschäftsfelder werden den Datenzentrenmarkt boomen lassen und enorme Rechenleistungskapazitäten erfordern. Das IT-Marktforschungsunternehmen IDC sagt der Welt eine Vervielfachung der Datenproduktion von zehn Zettabyte im Jahr 2015 auf 180 Zettabyte im Jahr 2025 voraus.

Google, Apple, Facebook und Microsoft ahnen, dass ihr Stromhunger sie in Erklärungsnot bringen kann: Beziehen sie ihre Energie von fossilen Kraftwerken, könnten sie bald als Klimakiller erster Ordnung am Pranger stehen.

Scharf beobachtet wird auch die wachsende Kryptowährungsbranche. Die Erzeugung von  neuen Datenblöcken für dezentrale Zahlungssysteme wie die Bitcoin-Blockchain, für die die "Schürfer" mit Einheiten der jeweiligen Währung belohnt werden, erfordert immer energieintensivere Rechenprozesse ganzer Computer-Pools. Dafür gibt es spezielle Rechner, sogenannte ASIC-Miner, die nach Prognosen des Finanzinstituts Morgan Stanley dieses Jahr weltweit 140 Terawattstunden Strom verbrauchen werden. Das entspräche dem Jahresverbrauch von Argentinien. China will die Goldschürfer des digitalen Zeitalters wegen ihrer gefräßigen Rechner bereits verbannen.

15 Container 60 Meter unter der Erde

Die Lösung, die Mathis Schultz sich ausgedacht hat, steht dicht gepackt in einem weißen Frachtcontainer: 210 ASIC-Miner mit jeweils zwei Lüftern entfesseln ohrenbetäubenden Lärm. Der 30 Grad warme Luftstrom aus den Gebläsen lässt das Haar des Chefs von Northern Bitcoin flattern. Um die Miner mit grünem Strom versorgen und energiesparend kühlen zu können, hat der Frankfurter Unternehmer 15 solche Container 60 Meter unter der Erde in einem stillgelegten Olivin-Bergwerk in Norwegen aufstellen lassen. Wasser aus dem 500 Meter tiefen Nordfjord strömt durch die Kühlschläuche. Die Elektrizität liefern vier benachbarte Hydrokraftwerke.

(Lesen Sie auch: Krypto-Schürfer Northern Bitcoin erwartet Verteilungskampf um Strom)

„Hier in Norwegen haben wir nicht das Risiko, mit anderen Industrien um Energie zu konkurrieren“, sagt Schultz. „Zum Beispiel mit der Autoindustrie in Deutschland“. Gegen die, glaubt der 35-Jährige, würde ein Bitcoin-Schürfer im Zweifel den Kürzeren ziehen. In eine so missliche Lage wie die in Ungnade gefallenen Miner Chinas, die subventionierten Kohlestrom nutzten, will er nicht geraten. Der frühere Banker ist überzeugt, dass das Bitcoin-Schürfen nur mit erneuerbaren Energien eine Zukunft hat.

Northern Bitcoins Rechner verbrauchen rund 43 Gigawattstunden Strom im Jahr. Es dürften noch mehr werden: Die börsennotierte Gesellschaft, die zu 59,6 Prozent dem Leipziger Wagniskapitalgeber Singularity Capital gehört, will mit anderen Bitcoin-Unternehmen einen Mining-Pool aufbauen und auch für sie Rechner in dem Bergwerk betreiben.

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Keywords:
Wasserkraft | Windenergie | Datenzentrum | Skandinavien
Ressorts:
Markets

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