Informationstechnologie
22.11.2018

Grüne Datenzentren: Der Norden boomt

Foto: Christian Schaudwet
Strom aus Hydrokraftwerken, Kühlwasser aus dem Fjord: das Lefdal Mine Datacenter ist in einem stillgelegten norwegischen Bergwerk untergebracht.

IT-Giganten wie Facebook und Apple bauen in Skandinavien ein Rechenzentrum nach dem anderen. Ihr Vorteil dort: günstiger grüner Strom. Auch deutsche Firmen trachten nach der nordischen Energie.

vorherige SeiteSeite 1Seite 2Seite 3

Drei Container hoch gestapelt, lösen die fjordwassergekühlten ASIC-Miner unter dem Rauschen ihrer Lüfter endlose Ketten von Rechenaufgaben. Die Stollen des Lefdal Mine Data Center rund vier Autostunden nördlich von Bergen sind so geräumig, dass sie die Häuser einer kleinen Stadt aufnehmen könnten. Gesellschafter der 2015 eröffneten Datenmine sind der staatliche Energieversorger SFE, regionale Investoren und der deutsche Unternehmer Friedhelm Loh, Eigentümer des Schaltschrank- und Klimatechnikherstellers Rittal.

Anzeige

Anzeige

Einige der hell ausgeleuchteten Felsgewölbe sind belegt: Northern Bitcoin, IBM und der Frankfurter Cloud-Anbieter Innovo sind die Mieter, deren Namen Lefdals Marketing-Chef Mats Andersson nennen darf. Die anderen möchten anonym bleiben – schließlich sind Daten  ein diskretes Geschäft. Auch die norwegische Regierung will Server mit sensiblen Informationen in das durch Betonmauern und Stacheldraht abgeschirmte Bergwerk stellen. Lefdal sei dank Hydrostrom und natürlicher Kühlung nicht nur „das grünste Datenzentrum Europas“, sagt Andersson. „Hier unten sind die Server auch sicher vor einem EMP.“

EMP – diese drei Buchstaben stehen für den Albtraum aller Datenzentren-Betreiber: Ein starker elektromagnetischer Impuls kann sämtliche elektronischen Prozesse zum Erliegen bringen – auf natürliche Weise ausgelöst durch Blitze, aber auch verursacht durch nukleare oder elektromagnetische Waffen. Für ein Datenzentrum wäre das der K.O.-Schlag.

Deutsche Firmen auf Schnuppertour

IT-Manager in Deutschland interessieren sich eher aus energetischen Gründen für Standorte in Skandinavien. „Wir sehen, dass sie zunehmend nach Dänemark schauen, wenn sie über grüne Datenlösungen nachdenken“, sagt Martine Kildeby von Invest in Denmark. Vertreter vieler deutscher Firmen nahmen im März an der ersten Datenzentren-Schnuppertour der Außenwirtschaftsförderer teil. Die zweite Exkursion fand im Zuge der Fachmesse Datacloud Nordic am 20. November in Kopenhagen statt.

Südlich der Grenze, im Windenergie-Bundesland Schleswig-Holstein, erregt die Nachfrage der internationalen Datenindustrie unterdessen nur verhaltenes Interesse. „Das ist für uns zurzeit kein Thema“, sagt ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums in Kiel. Dabei hat Schleswig-Holstein eigentlich  Ökostrom im Überfluss: Im Jahr 2016 beispielsweise wurden mangels Übertragungskapazität 2,7 Terawattstunden abgeregelt.

Nicht Windenergie wie in Dänemark, sondern Wasserkraft: Dieses Hydrokraftwerk des
norwegischen Energieversorgers SFE liefert Strom für das benachbarte Lefdal-
Datenzentrum. Foto: Christian Schaudwet

Das wird in Nordjütland, wo zwischen frisch asphaltierten Wegen und geschotterten Rampen die ersten beiden von Apples elf Datenhallen Gestalt annehmen, kaum nötig sein. Ein Indiz für die Riesenmengen, die das Rechenzentrum abnehmen wird, ist die imposante, auf 750 Megawatt ausgelegte Kupplungsstation. Der staatliche Übertragungsnetzbetreiber Energinet wird das „Wildcat Project“ direkt beliefern – ein solcher VIP-Service war bisher nur dem Stahlwerkstandort Frederiksværk und der dänischen Eisenbahn vergönnt.

Apple ist sich seiner Versorgung mit Netzstrom so sicher, dass es auf die sonst üblichen Notstrom-Aggregate verzichtet. Vier separate Übertragungsleitungen laufen aus verschiedenen Richtungen auf die fußballfeldgroße Gelände der Station zu. Sollten ein oder zwei von ihnen Naturgewalten oder Sabotage zum Opfer fallen, bliebe die Zufuhr immer noch stabil. Auf der Wiese, die ursprünglich zwölf Dieselgeneratoren Standfläche bieten sollte, gießt jetzt ein kleiner Trupp Landschaftsgärtner frisch gepflanzte Bäumchen.

Sorge um Dänemarks Energiesicherheit

Doch nicht allen ist der dänische Datenzentren-Boom geheuer. Gutachter haben errechnet, dass der Bedarf der Hyperscale-Datenzentren bis zum Jahr 2040 auf 25 Terawattstunden pro Jahr klettern könnte. Aus einem Regierungspapier geht laut dänischen Medien hervor, dass schon eine einzige der neuen Datenfabriken ausreicht, um vier Prozent des dänischen Stroms aus dem Netz zu ziehen. Die Branche könne deshalb den CO2-Ausstoß des Landes bis 2030 um zehn Prozent in die Höhe treiben. Der Grund: Für andere Unternehmen bliebe nicht genug grüner Strom übrig, so dass sie auf fossile Energie ausweichen müssten.

Wirtschaftsförderer Jesper Kjærgård aus Aabenraa spricht lieber über die Chancen der neuen nordischen Industrie: „Jedes Unternehmen, das seine Prozesse von eigenen Servern in so ein grünes Datenzentrum verlegt, hilft, eine nachhaltigere Gesellschaft zu schaffen“, sagt er. Sorge, dass die Serverfarmen das Stromnetz des kaum sechs Millionen Einwohner zählenden Dänemark leersaugen werden, hat man auch bei Energinet nicht. Alle Großen hätten angekündigt, sich um die Erzeugung ihres Stroms selbst zu kümmern, heißt es bei dem Übertragungsnetzbetreiber. Apple will die Energie für sein „Projekt Wildkatze“ gleich mit eigenen Windkraftanlagen erzeugen.

Lesen Sie auch: Blockchain-Projekt „Lightning Network könnte Bitcoin-Strombedarf senken“

 

Christian Schaudwet
vorherige SeiteSeite 1Seite 2Seite 3
Keywords:
Wasserkraft | Windenergie | Datenzentrum | Skandinavien
Ressorts:
Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy
Winter 2018/2019

Die aktuelle Ausgabe gibt es ab sofort bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de

Das E-Paper ist erhältlich bei iKiosk oder Readly.

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen