Wasserstoff gilt – vor allem, wenn er auf erneuerbarer Basis erzeugt wird – als eine Art Allheilmittel: Grüner H2 kann ganze Industrien dekarbonisieren, dient als Speicher, schafft Arbeitsplätze und Wertschöpfung. Weil Deutschland auch unter grünem Vorzeichen ein Energieimportland bleibt, wird dem grünen Wasserstoff inzwischen eine weitere Aufgabe zugedacht – als grüne Entwicklungshilfe.

Wie sich Politik und Energiebranche so ein H2-Projekt in der Regel vorstellen, skizzierte Uwe Kekeritz, Sprecher für Entwicklungspolitik der grünen Bundestagfraktion, am Mittwoch unter der Überschrift "Wasserstoffimport: Partnerschaft statt Ausbeutung" in einem Online-Fachgespräch: Man versetze sich einmal, so Kekeritz, nach Mauretanien und dort würden 100 Hektar Savanne mit Photovoltaik ausgestattet, an der Meeresküste käme  eine Meerwasserentsalzungsanlage hin und daneben eine Batterie von Wasserstoff-Elektrolyseuren.

Menschen vor Ort wäre schwer vermittelbar, dass so ein Projekt begehrten Strom erzeugt, von dem sie aber nichts sehen – genauso wenig wie von den Deviseneinnahmen, meinte Kekeritz. Eine so fortgeführte koloniale oder neokoloniale Politik würden die Leute aber immer weniger akzeptieren, ist sich der Politiker sicher. Die Bevölkerung müsste von den Anlagen spürbar profitieren, so zum Beispiel durch einen stabilen Zugang zu Strom. Das würde den grünen Wasserstoff zwar etwas teuer machen, aber auch gerechter und zukunftsweisender.

Auch Markus Exenberger, Sprecher der Taskforce H2-Global der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), äußerte zumindest die Hoffnung, dass sich mit einer grünen Wasserstoffwirtschaft das "eine oder andere" etwas gerechter ausgestalten lässt, als es zurzeit ist. Wie vom grünen Wasserstoff, der im so genannten globalen Süden erzeugt wird, endlich einmal auch Menschen vor Ort profitieren könnten – dazu wälzte das Fachgespräch auch einige Ideen.

Zunächste aber dämpfte Joachim Fünfgelt, Referent für Energiepolitik bei "Brot für die Welt", den Wasserstoff-Hype. Deutschland dürfe nicht glauben, dass es über Importe "unbegrenzt" erneuerbaren Wasserstoff bekommen könne. Der grüne Stoff werde teuer und knapp bleiben, sagte Fünfgelt. Und Deutschland müsse davon möglichst wenig verbrauchen und importieren – und die Erneuerbaren zuhause ausbauen. Man dürfe nicht in ein ähnliches Desaster hineinlaufen wie bei der Bioenergie und bei Desertec.

Schon das Kriterium der "Zusätzlichkeit" bereitete der Runde einiges an Kopfzerbrechen. Gemeint ist, dass der Ausbau der Erneuerbaren in einem Land, damit dieses dann Ökoenergie als Strom, als Wasserstoff oder als eFuel exportiert, nur als "Zugabe" zur ohnehin stattfindenden Dekarbonisierung des Landes akzeptiert werden kann. Wie kann diese "Zusätzlichkeit", über die alle gern redeten, wirklich gesichert werden, fragte Ingrid Nestle, grüne Sprecherin für Energiewirtschaft.

Weiter fragte sich die Politikerin, wie man die "Zusätzlichkeit" überhaupt messen kann – wenn in einem Land erneuerbare Erzeugung zugebaut werde, der Ökostrom dann aber in den Wasserstoff fließe und der parallel steigende Strombedarf des Landes durch fossile Kraftwerke gedeckt werde – da wäre doch "keinem Menschen geholfen", dachte Nestle laut nach. Niemand wisse doch, wieviele Erneuerbare ein Land ohne Wasserstoff-Strategie zubauen würde.

Joachim Fünfgelt pflichtete Nestle bei. Wenn etwas "zusätzlich" sein soll, frage sich immer: Zusätzlich zu was? Zu den bestehenden Kapazitäten? Oder zu den geplanten? Oder zu den Zielen bei den Erneuerbaren, die ein Land gerade habe?  Idealerweise müsste es, sagte Fünfgelt, so laufen: Es gibt eine Ausbaulinie des Landes hin zu hundert Prozent Erneuerbaren – und was zu dieser "baseline" im Zeitverlauf jeweils an Wasserstoff-Kapazitäten dazukommt – das sei dann "zusätzlich."

Man müsse, so Fünfgelt, von Land zu Land schauen, wie man dem Ideal von "Zusätzlichkeit" möglichst nahe kommt. Bekäme man mit dem Ausbau der Wasserstoffproduktion einen Effekt hin, der den Ausbau der Erneuerbaren im jeweiligen Land beschleunigt, dann "löst sich das Zusätzlichkeits-Problem von allein", sagte der Entwicklungsexperte.

Wie nicht nur ein ganzes Land, sondern auch die lokale Bevölkerung real etwas von Wasserstoff-Investitionen haben kann – auch da kamen Vorschläge auf den Tisch: Ingrid Nestle kann sich vorstellen, dass etliches Wasser von dem für die Elektrolyseure entsalztem Wasser an die Gemeinden und die Landwirtschaft abgegeben wird. Auch in den Augen von Fünfgelt ließe sich so die lokale Wasserversorgung verbessern.

Fünfgelt warnte seinerseits generell vor Großprojekten und warb dafür, sich zunächst auf die Deckung lokaler Bedürfnisse zu orientieren. Großprojekte gingen im globalen Süden mit größeren Korruptionsrisiken einher und auch mit der Gefahr größerer Umweltschäden, sagte er.

Für Uwe Kekeritz sind dabei Süßwasserprojekte zur Wasserstoffgewinnung "absolut kontrapoduktiv". Der Bau beispielsweise eines Staudamms würde CO2 produzieren, der entstehende Stausee setzte mit den Fäulnisprozessen mehr CO2 frei, als später mit dem grünen Wasserstoff eingespart würde. Kekeritz: "Ein Staudammprojekt ist für die CO2-Bilanz einfach eine Katastrophe" - ganz abgesehen von den Menschen, die dafür vertrieben würden.

GIZ-Experte Exenberger räumte zwar ein, dass kleinere lokale Projekte ihre Bedeutung haben – wichtig ist ihm aber auch, die Preise für Wasserstoff herunterzubekommen. "Das geht nur über die Skalierung, die eine Degression der Preise ermöglicht." 

Alternativ Text
Die Lieblingslandschaft der grünen Wasserstofferzeuger. Eine sonnenreiche Wüste - und gleich hinter den Bergen liegt passenderweise eine Meeresküste (Foto: Kristin Rabaschus).