Divestment
25.06.2019

„Hallo? Sie investieren noch in Kohle?“

Foto: Urgewald / Teaserbild: iStock
Katrin Ganswindt arbeitet bei der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald an Kampagnen zum Kohleausstieg in der Energie- und Finanzindustrie mit. Die studierte Landschaftsökologin ist maßgeblich an den Daten-Recherchen für die GCEL beteiligt.

Kohle gilt als Klimakiller. Wer an ihr verdient, legt die „Global Coal Exit List“ offen. Deren Zweck erklärt Katrin Ganswindt von der Umweltorganisation Urgewald. 

Frau Ganswindt, Sie sagen, die „Global Coal Exit List“ (GCEL) sei ein „Werkzeug gegen klimaschädliche Investitionen“. Wie funktioniert es?

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Unsere Kohleliste führt alle Firmen weltweit auf, die mit Kohle arbeiten und bestimmte Schwellenwerte überschreiten: Die entweder 30 Prozent ihres Umsatzes durch Kohle generieren oder 30 Prozent ihrer benötigten Energie, die jährlich mindestens 20 Millionen Tonnen Kohle fördern oder zehn Gigawatt installierte Kohlekapazitäten vorhalten. Außerdem führen wir Unternehmen, die neue Kohleminen oder -kraftwerke vorantreiben. Unterm Strich sind das bald 2000 Firmen, ein Großteil davon Töchter und Joint Ventures großer Konzerne.

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Was bezwecken Sie mit der Kohledatenbank?

Wir haben sie in erster Linie entwickelt, um der Finanzindustrie eine Übersicht über die größten Kohlefirmen zur Verfügung stellen zu können – damit sie diese Unternehmen nicht mehr finanziert oder in sie investiert, im besten Fall Geld aus ihnen rauszieht, eben divestiert. Warum? Weil wir denken, dass wir das Pariser Klimaziel nur erreichen, wenn Banken, Versicherungen und andere Investoren rasch und möglichst komplett aus Kohle-Investitionen aussteigen.

Das klappt?

Ja, wenn man bedenkt, dass es die GCEL erst seit Ende 2017 gibt, können wir schon einige Erfolge vorweisen. Der größte ist, dass wir den norwegischen Pensionsfonds, also den größten Staatsfonds der Welt, für unsere Ziele gewinnen konnten. Nach unserer Rechnung hat er bis heute rund neun Milliarden Euro aus der Kohleindustrie rausgezogen. Das hat eine Riesenstrahlkraft und bringt auch andere Investoren zum Nachdenken.

Klingt simpel …

… war aber nicht ganz so einfach. Auf den norwegischen Pensionsfonds sind wir schon 2014 das erste Mal zugegangen, damals wegen einer einzelnen Kohle-Investition in Südafrika. Da haben wir gemerkt, dass es beim Staatsfonds eine gewisse Bereitschaft gab, Kohle divestieren zu wollen. Die Kriterien, die der Fonds seinen Divestments zugrunde gelegt hat, waren aus unserer Sicht aber eher untauglich.

Weil?

Weil der Fonds nur die Unternehmen als Kohlefirma definiert hat, die über 50 Prozent ihres Umsatzes durch Kohleverkäufe generierten. Da fielen viele Branchengrößen aus dem Raster: Firmen wie der australisch-britische Rohstoffriese BHP Billiton, weil der eben nicht auf diesen Umsatzanteil kommt, obwohl er jährlich fast 80 Millionen Tonnen Kohle aus der Erde holt.

Das konnte Urgewald ändern?

Zusammen mit norwegischen Partnerorganisationen, ja. Wir haben da eine große Kampagne in Norwegen aufgelegt, und erreicht, dass der Fonds neue Kriterien eingeführt hat, so dass er heute schon divestieren kann, wenn der Kohleanteil am Umsatz oder an der Stromproduktion über 30 Prozent liegen. Nach einem Vorschlag von Regierung und Finanzministerium wird der Fonds den Kurs sogar weiter verschärfen: Er soll künftig alle Firmen rausschmeißen, die 20 Millionen Tonnen Kohle im Jahr fördern oder auf zehn Gigawatt installierte Kohlekapazitäten zugreifen.

Damit folgte er Ihren Kriterien, oder?

Ja, da gibt es einige, die sich auf unsere Liste berufen und zu unseren Kriterien bekennen. Neben dem norwegischen Pensionsfonds zum Beispiel die IFC, der Privatbankarm der Weltbank. Auch Versicherer wie Axa oder Generali haben schon öffentlich gemacht, dass sie die Global Coal Exit List nutzen. Eben weil sie das Kohlegeschäft wegen zu großer Risiken nicht mehr für versicherbar halten.

Wie geht’s weiter?

Jetzt im Herbst steht ein großes Update für unsere Liste an. Und im nächsten Jahr wollen wir die Schwellenwerte anpassen an die aktuellen Entwicklungen.  Die 30-Prozent-Marke für den Kohleanteil am Umsatz oder den Anteil bei der Stromproduktion gelten bei progressiven Investoren heute schon nicht mehr als besonders ambitioniertes Ausschlusskriterium.

Verschafft Ihnen da das Greta-Momentum Rückenwind?

Das wir unsere Schwellen anpassen, stand schon letztes Jahr fest. Wir merken, dass sich seit dem Pariser Klimaabkommen etwas in der Finanzindustrie bewegt. Da gibt es ein neues Verständnis dafür, was der Klimawandel bedeutet, auch in Hinblick auf Investitionen oder die Versicherbarkeit von Projekten. Das sehen wir auch an den Nutzerzahlen unserer Liste.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der GCEL?

Das sie weiter Verbreitung findet, auch außerhalb Europas. Wir wissen, dass in Japan jetzt erste Divestments aufgrund von Finanzrecherchen, basierend auf unserer Liste, durchgeführt wurden. Und ich würde mir wünschen, dass sich auch Banken in Großbritannien künftig an unserer Liste und unseren Schwellenwerten orientieren. Noch ist London schließlich ein wichtiger Finanzschauplatz für Finanzen und Rohstoffe.

Kommt irgendwann auch eine „Global Oil Exit List“?

Da gibt es tatsächlich von US-amerikanischen Gruppen erste Vorstöße. Aber so eine Datenbank aufzubauen, ist extrem aufwändig. Wir haben an unserer zwei Jahre gearbeitet. Doch tatsächlich steht die Frage im Raum, was wir noch tun können, um Geld aus klimaschädlichen Branchen abzuziehen? Die Stahl- und Zementindustrie beispielsweise ist ja auch sehr CO2-intensiv ist. Vielleicht schauen wir uns die künftig genauer an.

Interview: Thomas Wischniewski
Keywords:
Divestment | Finance | Kohleausstieg
Ressorts:
Finance

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