Mobilität
10.06.2016

Handzahm in der Box-Arena

Foto: Wikipedia/Dan Taylor/Heisenberg Media; pexels/CCC
Uber-Chef Travis Kalanick gab sich bei einem Treffen mit Daimler-Boss Dieter Zetsche in Berlin handzahm.

Eigentlich sollten Uber-Boss Travis Kalanick und Daimler-Chef Dieter Zetsche bei der NOAH-Konferenz als Gegner in den Ring steigen. Doch anstatt sich einen Schlagabtausch zu liefern, loteten die beiden „Frenemies“ lieber gemeinsame Positionen aus und machten sich gegenseitig Komplimente.

 

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Als die beiden Männer in einem leuchtendgelben Trabi-Cabrio zum Rocky-Song „The eye of the tiger“ auf die Bühne des Berliner Tempodroms kutschiert werden, glauben viele noch an ein Streitgespräch. Doch Travis Kalanick hat dazu gelernt. Der Mann, der mit Uber von San Francisco aus die Taxibranche weltweit dezimiert und damit heftige Proteste ausgelöst hat, gibt sich handzahm im Duell mit Daimler-Chef Dieter Zetsche, der beim Aufeinandertreffen auf der von Axel Springer organisierten Technologie-Konferenz NOAH die „alte“ Autowelt vertreten soll. Der Kalifornier hat verstanden, dass er mit rüpelhaftem Auftreten und seiner disruptiven Strategie – erst mal ohne Rücksicht auf Politik und Gesetze auf den Markt drängen und Tatsachen schaffen – in Deutschland nicht weiterkommt. 
Und Daimler-Chef Dieter Zetsche, von Moderator und Ex-Bild-Chefredakteur Kai Diekmann als „Dr. Z.“ eingeführt, hätte zwar viele Gründe, um den Kalifornier hart anzugehen: Schließlich will Kalanick mit Uber dafür sorgen, dass die Menschen sich weniger Autos anschaffen, außerdem ist in Deutschland das Gros aller Taxis ein Mercedes. Doch Zetsche präsentiert sich lieber als einer, der die Zeichen der Zeit verstanden hat und nun – unter anderem mit selbstfahrenden Autos – die Zukunft seiner Branche mitgestaltet. „Natürlich sind wir Wettbewerber, aber es gibt auch Felder, in denen wir zusammen arbeiten könnten.“ Denn eines sei klar: „Die Autoindustrie wird sich gewaltig verändern, und Uber wird einer der Treiber sein“, sagt „Dr. Z.“ .

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Finanzspritze aus Saudi-Arabien

Der Fahrdienst, wenngleich immer noch nicht profitabel, wird nach dem Einstieg des Saudi-arabischen Staatsfonds (3,5 Milliarden Dollar) inzwischen mit 62,5 Milliarden Dollar bewertet. Damit ist Uber auf dem Papier inzwischen fast genauso viel wert wie Daimler. Doch auf dem deutschen Markt musste Kalanick bisher vor allem Niederlagen einstecken. Derzeit ist sein Fahrservice nur noch in München und Berlin aktiv. In München vermittelt er Fahrer von Mietwagenfirmen, in der Hauptstadt reguläre Taxen, alle Fahrer haben eine Lizenz. Es ist das Ergebnis mehrerer Gerichtsurteile in Deutschland, in deren Folge Kalanick vorerst klein beigab. Auf der Tempodrom-Bühne gibt sich der Kalifornier denn auch friedfertig: „Das ist nicht nur eine europäische Frage. Wir haben dasselbe in den USA erlebt.“

Doch Kalanick wäre nicht er selbst, hätte er nicht eine Antwort darauf gefunden. Seitdem er sich den ehemaligen Obama-Chefberater David Plouffe an Bord geholt hat, verfolgt der Kalifornier die Strategie, Uber als grünes Unternehmen zu präsentieren. Er wolle dazu beitragen, die Staus in den Städten zu reduzieren, die Luft sauberer zu machen und den Menschen „ihre Zeit und einen Teil ihrer Stadt wieder zurückzugeben“, sagt er. Mit diesem Image will Kalanick die Behörden davon überzeugen, die Gesetzgebung Stück für Stück in seinem Sinne anzupassen. „Ich bin sehr geduldig in Deutschland“, sagt er.

Also spricht er nicht über den Hauptteil seines Geschäfts, den Taxi-Ersatz UberX, mit dessen niedrigen Preisen er der Taxi-Branche das Wasser abgräbt. Auch nicht über die Millionen, mit denen er eine Sammelklage von Uber-Fahrern in San Francisco beilegen will, die auf die Anerkennung als Angestellte anstatt als selbstständige Unternehmer prozessieren. Sondern über den Mitfahrdienst UberPool, der weltweit nur 20 Prozent aller Fahrten ausmacht. Autos seien für zwölf Prozent des CO2-Ausstoßes in Europa verantwortlich, sagt Kalanick, vier der zehn verstopftesten Städte befänden sich in Deutschland. „Ich habe mich gefragt: Wie können wir Autos nutzen, um Staus zu reduzieren?“ Seine Antwort: Indem man aus zwei Autos mit demselben Ziel eines macht.

 

Klimaschutz-Argumente sollen in Deutschland überzeugen

In der Heimatstadt San Francisco funktioniert das schon ziemlich gut: 40 Prozent aller Fahrten dort, so Kalanick, seien geteilte UberPool-Fahrten. Das heißt, ein Fahrer transportiert mehrere Gäste in die gleiche Richtung, der Preis liegt entsprechend niedriger als im regulären UberX. Weltweit wird der Dienst bislang in 18 Städten angeboten und jede Woche von rund 100.000 Menschen genutzt. In China verzeichnet Uber bereits 300 Millionen UberPool-Fahrten monatlich. „Wir haben Carsharing nicht erfunden, aber bisher ist es nie richtig abgehoben“, sagt Kalanick. Damit das nun passiert, will er die Pendler an Bord holen und dazu bringen, beispielsweise Nachbarn im Auto mit zur Arbeit zu nehmen. „Das ist unser nächstes, großes Ding.“ In Deutschland verhindert dies derzeit allerdings unter anderem die Rückkehr-Pflicht für Mietwagen, die nach jeder Fahrt an den Betriebssitz zurückkehren müssen, um eben kein Taxi zu sein. Aus Kalanicks Sicht ein „merkwürdiges Gesetz“. Es fehle in Deutschland an den nötigen Anreizen, um andere im eigenen Auto mitzunehmen. „Es wäre eine Art von Gemeinschaftsdienst“, wirbt der Uber-Gründer.

Mittlerweile setzen ihm aber nicht mehr nur Gesetze zu, es ist auch der technologische Fortschritt, der Uber in Form des selbstfahrenden Autos nun selbst zu „disruptieren“ droht. Kalanick versucht nun ebenso wie Zetsche, bei dem Thema vorne mit dabei zu sein: Daimler mit der teil-autonomen, neuen E-Klasse, dem vollautonomen Konzeptauto FO15, das der Autobauer bereits in Nevada vorstellte, sowie mit seiner Carsharing-Flotte Car2Go. Die Kunden müssten in Zukunft nicht mehr zu den derzeit 50.000 Fahrzeugen hinlaufen, so Zetsche, sondern diese kämen auf Knopfdruck vom Smartphone zu ihnen gefahren. „Aus Car2Go wird Car2come“, erklärt der Daimler-Chef. Dank den Fortschritten im Deep Learning, mit dem das „Gehirn“ selbstfahrender Autos entwickelt wird, werde man autonome Fahrzeuge bereits in fünf bis sieben Jahren in den ersten Regionen im Einsatz sehen. Bis sie flächendeckend Realität werden, dauere es jedoch noch „Jahrzehnte“, meint Kalanick, der in Pittsburgh gerade ein eigenes Forschungs- und Entwicklungszentrum zum autonomen Fahren bauen lässt. Er hat bereits einen Ford Fusion als selbstfahrenden Prototyp vorgestellt, und soll mit Fiat-Chrysler über eine Partnerschaft zum Bau autonomer Fahrzeuge sprechen.

 

Die Automobilbranche auf Partnersuche

Viele traditionelle Autokonzerne gehen derzeit Partnerschaften mit Technologie-Firmen ein, um am Puls der Zeit zu bleiben. Volkswagen investierte 300 Millionen in den Uber-Konkurrenten Gett, General Motors verpartnerte sich mit dem Taxi-Service Lyft, Toyota investierte massiv in Uber. Daimler steckte einen zweistelligen Millionenbetrag in den Limousinen-Dienst Blacklane, investierte in die Mobilitätsplattform Moovel und kaufte die Vermittler-App Mytaxi. Allerdings nutzen weder Zetsche noch Kalanick das Treffen dazu, eine künftige Partnerschaft bekannt zu geben. Ein Investment in Uber sei zu teuer, da müsse er bestimmt 35 Milliarden Dollar investieren, um einen dominierenden Einfluss wie bei Blacklane zu haben, sagt Zetsche. Umgekehrt dementiert Kalanick das Gerücht, er habe bei Daimler 100.000 E-Klasse-Fahrzeuge geordert. Zudem habe er kein Interesse an einem dominierenden Einfluss von Daimler. „Die 35 Milliarden würde ich allerdings nehmen“, so der Uber-Chef. Auf die Frage, ob er darüber nachdenke, einen Autokonzern zu kaufen, sagt Kalanick: „Autos werden in nächster Zeit nicht verschwinden, und Uber wird sie nicht herstellen. Der Herstellungsprozess ist nicht unser Ding, sondern wir wollen mit den besten Herstellern der Welt kooperieren.“ Deren Handwerkskunst, insbesondere die von Daimler, preist er als „Magie“. Und so erweist sich die Begegnung der beiden „Frenemies“ am Ende eher als nachdenkliches Gespräch über die Zukunft der Autoindustrie. Auf die Frage, ob Uber oder Daimler in 15 Jahren größer sein werde, gibt „Dr. Z“. eine denkwürdige Antwort: „Vielleicht sind wir bis dahin ein einziges Unternehmen.“

Jutta Maier
Keywords:
Uber | Daimler | Berlin | Dieter zetsche | car2go | Taxi | Carsharing | Travis Kalanick
Ressorts:
Technology | Markets

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