Wasserstoff-Antrieb
16.04.2018

Hessen lässt ersten Brennstoffzellen-Zug fahren

Foto: Jutta Maier
Der Coradia iLint auf dem Gleis in Wiesbaden.

Weltpremiere: In Hessen war zum ersten Mal ein Brennstoffzellen-Regionalzug mit Passagieren unterwegs. Die Fahrt verläuft reibungslos – nur die Geräuschentwicklung ist noch gewöhnungsbedürftig.

Der Coradia iLint hat einen blauen Grund, der mit „H"- und "O" -Symbolen übersät ist – für die chemischen Elemente Wasser- und Sauerstoff. Sonst wäre er weder innen noch von außen von einem anderen Regionalzug zu unterscheiden. Es ist ein umgebauter Triebwagen des deutsch-französischen Unternehmens Alstom, der sonst mit Diesel fährt. Die Brennstoffzellen und Wasserstoff-Tanks sind auf dem Zugdach in einem schwarzen Gehäuse versteckt, die Batterie befindet sich im Boden. Sie speichert die an Bord erzeugte elektrische Energie sowie Bremsenergie zwischen.

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Als der Zug dann auf der Strecke von Wiesbaden nach Frankfurt Höchst beschleunigt, macht sich der alternative Antrieb aber doch noch bemerkbar: Die Lüftung, die die Brennstoffzellen kühlt, beginnt immer wieder heftig an zu heulen. Dabei hatten die Organisatoren der Jungfernfahrt gerade noch damit geworben, das Fahren mit Wasserstoff sei praktisch geräuschlos.

Regelbetrieb in vier Jahren

Jörg Nikutta, Geschäftsführer von Alstom in Deutschland und Österreich, verspricht nachzubessern. „Was Sie heute gehört haben, ist noch ein Teil des Prototyp-Status“, erklärt er hinterher. „Wir arbeiten daran, die Abstimmung der Brennstoffzelle aufs Fahrzeug noch deutlich zu optimieren.“ Unter anderem würden die Ingenieure eine „Geräusch-Reduktionsschicht“ zwischen der Stahldecke des Zuges und der Brennstoffzelle einziehen. Es ist die erste öffentliche Fahrt eines Brennstoffzellenzuges weltweit, bisher waren Einzelexemplare nur stehend zu betrachten.

Statt Feinstaub, Stickoxiden und CO2 spuckt dieser Zug nur Wasserdampf aus. Bis er in Hessen jedoch in den Regelbetrieb geht, werden noch vier Jahre vergehen: Erst ab Ende 2022 sollen bis zu 26 Fahrzeuge auf Strecken im Taunus fahren. Die Ausschreibung bereitet der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) momentan vor. Wer den Zuschlag bekommt, ist noch offen. In Niedersachsen ist Alstom da schon weiter: Dort hat das Unternehmen bereits den Auftrag für 14 Brennstoffzellen-Züge, im Sommer fahren die ersten Prototypen im Testbetrieb. Auch Schleswig-Holstein hat Interesse bekundet.

Günstige Alternative zur Oberleitung

„Der Brennstoffzellen-Antrieb ist eine interessante Alternative zur kostspieligen Elektrifizierung“, sagt Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir. Weil der Verkehr ein Drittel der Treibhausgasemissionen in dem Bundesland verursacht, soll er auch auf der Schiene klimafreundlicher werden. Oberleitungen für elektrisch betriebene Züge zu bauen, ist zwar immer noch das Mittel der Wahl. Sie sind jedoch nicht nur teuer, sondern bedeutet auch einen Eingriff in die Natur entlang der Schiene. Deshalb sieht RMV-Geschäftsführer Knut Ringat auf nicht- oder nur teilweise elektrifizierten Strecken Potenzial für Brennstoffzellenzüge.

Im Industriepark Höchst sollen in Zukunft alle H2-Fahrzeuge zum Tanken stoppen. Zu diesem Zweck wird – gefördert vom Land Hessen – eine neue Wasserstofftankstelle gebaut, an der sich mehrere Züge gleichzeitig tanken lassen. Höchst bezeichnet Al-Wazir als Glücksfall für das Vorhaben: Eine Wasserstoff-Infrastruktur gibt es dort bereits, weil das Gas als Nebenprodukt aus der Chlorproduktion in großen Mengen anfällt: 50 Millionen Kubikmeter pro Jahr.

Zunächst nur "grauer" Wasserstoff

Der Industriepark-Betreiber Infraserv Höchst liefert bereits seit mehr als zehn Jahren Wasserstoff an Tankstellen. Komplett emissionsfrei sind Brennstoffzellen-Antriebe allerdings nur mit grünem Wasserstoff, der per Wasser-Elektrolyse aus überschüssigem Wind- oder Sonnenstrom erzeugt wird. In Niedersachsen, wo der Gasehersteller Linde den Treibstoff liefern wird, soll zu dessen Erzeugung auch Windstrom verwendet werden. Perspektivisch hofft man auch in Hessen darauf, zunächst gehe es aber darum, den vorhandenen Wasserstoff überhaupt zu nutzen.   

Mit einer Tankfüllung legt der Zug laut Hersteller bis zu 1.000 Kilometer zurück, er müsse einmal täglich betankt werden. Wie sein Diesel-Pendant fährt er bis zu 140 Stundenkilometer schnell. Alstom stellt den Brennstoffzellenzug im niedersächsischen Salzgitter her. In dem hessischen Prototyp sind zudem mehrere Komponenten hessischer Hersteller verbaut – die Batterie etwa stammt von dem Darmstädter Mittelständler Akasol. Der iLint kostet in der Anschaffung zwar mehr als ein Zug mit Diesel-Antrieb, die Tankstelle verursacht weitere Kosten. Laut Alstom amortisiert er sich jedoch bereits nach einem Drittel seiner Gesamtlaufzeit von 30 Jahren.

Lesen Sie auch: Daimler-Chefentwickler – Batterie hat Vorteil gegenüber Brennstoffzelle

Jutta Maier
Keywords:
Elektromobilität | Alternative Antriebe | Brennstoffzelle | Wasserstoff | Zug
Ressorts:
Technology

Kommentare

Weder Ruß noch CO2 stößt ein Dieselzug mit PtL-Kraftstoff auf Grünstrombasis aus. Als Hybrid nutzt er Bremsenergie ebenso wie der ILint. Nicht allein der teure BZ-Antrieb hat Zukunft.

"Die Lüftung, die die Brennstoffzellen kühlt, beginnt immer wieder heftig an zu heulen. Dabei hatten die Organisatoren damit geworben, das Fahren mit Wasserstoff sei praktisch geräuschlos."
Ja, der Kühlleistungsbedarf der BZ ist viel größer als beim Dieselantrieb. Die Betriebstemperatur der BZ liegt unter der des Verbrenners und die Abwärme geht primär in den Kühler und nicht in den Auspuff.

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