Porträt
03.12.2019

Hildegard Müller: Eine Meisterin für politische Kehrtwenden

Foto: Innogy SE
Die frühere CDU-Politikerin und Strommanagerin Hildegard Müller wird neue Chefin des Auto-Verbands VDA.

Der einflussreiche Verband der Automobilindustrie (VDA) wird ab dem 1. Februar von Hildegard Müller geführt. Wer ist die Frau, die maßgeblich dazu beitragen soll, die deutsche Autoindustrie zu retten?

Die Schlagzeilen, die Hildegard Müller nach Bekanntwerden ihres neuen Postens als Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA) bekam, verkündeten eine schwierige Mission: Die Frau an der Spitze der deutschen Autoindustrie müsse wohl eine „Managerin der Kehrtwenden“ sein, um Erfolg zu haben.

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Das klingt fast verharmlosend mit Blick auf ihre künftige Aufgabe, die wohl wichtigste deutsche Branche, die Autoindustrie mit 800.000 Beschäftigten, wieder auf einen gemeinsamen, halbwegs harmonischen Kurs zu bringen – einen Kurs hin zur Elektromobilität, hin zur Verkehrswende, wieder hin zu politischem Einfluss, der zuletzt sehr gelitten hat. Hildegard Müller benötigt daher in der Tat viel Talent in Sachen Kehrtwende.

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Die Kunst, Interessen auszugleichen

Die bisherigen beruflichen Stationen der 52-jährigen Diplom-Betriebswirtin aus Rheine im Münsterland sprechen allerdings für die Entscheidung der Auto-Bosse, dieser Frau eine zentrale Steuerungsfunktion zuzuweisen. Sie beherrscht vor allem die Kunst, unterschiedliche politische und wirtschaftliche Interessen auszugleichen. Müller ist zudem politisch sehr erfahren, glänzend vernetzt – und im Konfliktfall auch zu mutigen Entscheidungen bereit.

1983, schon mit 15 Jahren, trat die Beamtentochter in die CDU-Nachwuchsorganisation Junge Union (JU) ein, deren erste weibliche Bundesvorsitzende sie von 1998 bis 2002 war. 1986 erwarb sie auch das CDU-Mitgliedsbuch. Der Aufstieg der inzwischen studierten Betriebswirtin und Bankkauffrau ging zügig voran: 2001 saß sie bereits im Bundesvorstand der Mittelstandsvereinigung von CDU/CSU. Über die CDU-Landesliste von NRW zog sie 2002 in den Bundestag ein und 2005 eroberte sie das Direktmandat in Düsseldorf mit 44,6 Prozent Erststimmen. Die Belohnung: Schon im November 2005 rückte sie als Staatsministerin und Beauftragte für die Bund-Länder-Beziehungen bei der neuen Kanzlerin Angela Merkel ins Kanzleramt auf.

Berufliche Wechsel – hohe Gehaltssprünge

Die Politikerin saß damit im einflussreichen „Girls' Camp“ der Kanzlerin, zusammen mit Beate Baumann und Eva Christiansen. Die CDU-Herren ertrugen derweil das neue weibliche Machtsystem nur zähneknirschend. „Weiberwirtschaft“ habe im politischen Geschäft nichts verloren, jammerten sie damals.

Müller, jetzt verheiratet mit dem Rechtsanwalt Johannes Bickel, wurde in dieser Zeit Mutter einer Tochter. „Deutschland wandelt sich zu einem kinderfreundlicheren Land, und im Kanzleramt leben wir das vor“, schwärmte sie damals. Dieses verließ Müller schließlich aber doch. Nicht weil sie die erhöhten Testosteron-Werte der Männer nicht mehr ertragen hätte, sondern weil ihr der Posten der Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) angeboten wurde – garniert mit mehr als einer Verdoppelung ihres bisherigen Gehalts.

Das liegt exakt auf der Karrierelinie der Hildegard Müller – Wechsel in ihrem beruflichen Leben sind stets auch Gehaltssprünge: Als oberste Lobbyistin der Autoindustrie soll sie beim VDA mehr als eine Million Euro im Jahr verdienen. Erwartet wird von den Autobossen allerdings, dass ihre Organisation dafür auch wieder auf eine überzeugende politische Linie zurückfindet. Eine Aufgabe, für die auch Ex-Außenminister und Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel und der ehemalige EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) im Gespräch waren. Doch Müller setzte sich durch.

Müller passt zum Trend Schwarz-Grün

Die künftige VDA-Chefin bringt vor allem aus ihrer Vergangenheit im Kanzleramt viel für den neuen Job mit. Ihre gemeinsame Zeit mit der Kanzlerin hinterließ eine hervorragende persönliche Beziehung zwischen den beiden Frauen. Ebenso dürften die damals geknüpften Kontakte zur Politik-Elite von Union, SPD, FDP und Grünen viel dazu beigetragen haben, Müller an die Spitze des Automobil-Verbandes zu berufen.

So bescheinigt ihr auch Johannes Kempmann, grüner Politiker und Präsident des BDEW, für den sie acht Jahre als Hauptgeschäftsführerin gearbeitet hat, „herausragendes geleistet“ zu haben – unter anderem für die staatlich garantierte Abnahme von Ökostrom. Womit Hildegard Müller auch zum derzeit stärksten parteipolitischen Trend passt: zu Schwarz-Grün.

Gefragte Kenntnisse über Lade-Infrastruktur

Und noch etwas spricht für Hildegard Müller: Ihr letzter Arbeitgeber war der Energiekonzern Innogy, wo sie verantwortlich war für die Netze und auch für den Ausbau der Lade-Infrastruktur – gefragte Kenntnisse für das kommende Zeitalter der Elektromobilität.

Bei ihrem Abschied von der ehemaligen RWE- und jetzigen Eon-Tochter erklärte sie selbstbewusst: „Ich habe dazu beigetragen, das Stromnetz fit zu machen und den Weg zu ebnen für eine moderne und digitale Lebenswelt.“ Und sie fügt im Sinne ihrer neuen Arbeitsgeber mit Blick auf die Zukunft hinzu: „Jetzt muss ich dafür sorgen, dass in dieser Welt weiterhin noch Autos fahren – und zwar Made in Germany.“

Müllers zentrales Ziel als VDA-Chefin klingt beinahe pathetisch: „Wir wollen dazu beitragen, die Erde jeden Tag zu einem besseren Ort zu machen.“ Und dies im Sinne der Automobilindustrie, die in ihren Augen schließlich „das Rückgrat der deutschen Wirtschaft“ ist und endlich wieder „mit einer Stimme sprechen soll.“ Auch in Sachen Klimaschutz.

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Hans Peter Schütz
Keywords:
Autoindustrie | VDA | Verkehrswende
Ressorts:
Markets
 

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