Für die Bundesländer Hamburg und Kiel wird die Zeit knapp. Bis Ende Februar müssen sie die mit Steuergeld gerettete HSH Nordbank gemäß EU-Beschluss veräußern. Den knapp 2000 Mitarbeitern soll es nicht ergehen wie denen der einst mächtigen WestLB in Düsseldorf - sie wurde 2012 aufgelöst.

Die Gespräche mit einem Investorenkonsortium aus Cerberus Capital Management und dem seit Jahren an der Bank beteiligten US Investor Christopher Flowers laufen in Hamburg auf Hochtouren. Cerberus und Flowers geben sich branchentypisch verschwiegen. Wie die Kieler Nachrichten unter Berufung auf Quellen bei den verhandelnden Bundesländern berichten, soll das Preisgebot inzwischen bei über einer Milliarde Euro liegen. Für Hamburg und Kiel wäre das fast schon ein Glücksfall, galt doch vor einiger Zeit noch als denkbar, dass die Bank für einen symbolischen Euro den Eigentümer wechseln könnte.

1,1 Milliarden Euro Neugeschäft

Die neue Wertschätzung für die HSH erklärt sich damit, dass die Bank unter ihrem seit 2016 amtierenden Vorstandsvorsitzenden Stefan Ermisch massiv Kosten und Altlasten gesenkt und für das Geschäftsjahr 2017 einen stabilen Vorsteuergewinn auf Vorjahresniveau von 120 Millionen Euro angekündigt hat. Dabei ist es dem ehemals führenden Schiffsfinanzierer gelungen, andere Geschäftsfelder zu entwickeln, darunter vor allem den Bereich Energie und Infrastruktur, den seit 2016 Lars Quandel leitet. Quandel kam 1993 zur HSH Nordbank und entwickelt seit 2008 in verschiedenen Positionen deren Geschäft mit erneuerbaren Energien. Anfangs belächelt, verantwortet Quandel heute Kredite über fünf Milliarden Euro für Wind- und Solaranlagen in Deutschland und anderen europäischen Ländern.

Lars Quandel leitet bei der HSH Nordbank den Geschäftsbereich Energie und Infrastruktur. Foto: HSH Nordbank
Das Neugeschäft erreichte 2017und 2016 jeweils 1,1 Milliarden Euro und wird dabei von gerade einmal 50 Mitarbeitern gestemmt. Für 2018 ist Quandel zuversichtlich: "In diesem Jahr wollen wir beim Neugeschäft wieder deutlich über einer Milliarde Euro liegen." Die Begleitung deutscher Kunden ins Ausland sei dabei der Schlüssel zum Erfolg.

Die Finanzierung von erneuerbaren Energien und der dazugehörigen Energieinfrastruktur setzt bei den Bankern viel technisches Verständnis voraus, aber auch gute, über Jahre gewachsene Kundenbeziehungen. Quandel hat die Bank inzwischen unter die fünf größten Finanzierer von erneuerbaren Energien in Europa gebracht, mit Schwerpunkten in Deutschland, Skandinavien, Irland und Frankreich. 2017 drang die HSH zudem mit Erfolg in die Niederlande und nach Portugal vor, sie führt Projektgespräche in den USA und in Kanada. Das alles, obwohl Kreditnehmern und Projektentwicklern bekannt ist, dass die Bank vor einer ungewissen Zukunft steht.

Schiffe und Windräder

Finanzinvestoren wie Cerberus und Flowers verdienen ihre Milliarden damit, unterbewertete Immobilien oder ungeliebte Geschäftsbereiche von Industriekonzernen günstig zu übernehmen und ertragreich zu verwerten. Die notleidenden Schiffskredite der HSH sind interessant, wenn sie günstig genug zu haben sind.

In Zeiten, in denen die internationalen Finanzmärkte bei der Beurteilung von Unternehmenswerten und Krediten klimapolitische Erwägungen einfließen lassen, wird aber auch das HSH-Standbein in den erneuerbaren Energien attraktiv. Die Finanzierung von Erneuerbaren mit fünf Milliarden Euro gehört zu den großen Kreditportfolien der HSH Nordbank, vergleichbar mit dem Firmenkundengeschäft und nur übertroffen von der Immobilienfinanzierung.

60 Projekte auf dem Tisch

Cerberus und Flowers oder der immer noch auf seine Chance lauernde New Yorker Investor Apollo Global Management setzen bei der Übernahme von Unternehmen und Banken so wenig eigenes oder ihnen anvertrautes Kapital ein wie nötig. Die Übernommenen sollen sich so weit wie möglich selbst refinanzieren. Sollte nach einer Übernahme frisches Fremdkapital gebraucht werden, könnte die HSH Nordbank ihr Kreditengagement im Bereich erneuerbare Energien mit einer grünen Anleihe refinanzieren. Sie würde damit in Deutschland dem Beispiel von KfW oder DKB folgen. Grüne Anleihen oder Green Bonds sind bei internationalen Investoren gefragt und zudem gut fürs Image.

Außerdem mögen Investoren Geschäftsbereiche mit Zukunftspotenzial. Während die HSH Nordbank im Firmenkundengeschäft oder in der Immobilienfinanzierung nur schwer Marktanteile dazugewinnen kann, bieten sich bei Erneuerbaren noch viele Möglichkeiten.

Wie Energie- und Infrastruktur-Chef Quandel Anfang Januar 2018 erläuterte, liegen bei ihm 60 Projekte mit einem Volumen von über zwei Milliarden Euro auf dem Tisch. Das bedeutet, dass der künftige Eigentümer der Bank sich nicht mit einem Neugeschäft von 1,1 Milliarden Euro bescheiden muss, sondern deutlich stärker wachsen kann. Auch die angekündigten Projekte in den USA und Kanada sollen zeigen, dass dort für die HSH Nordbank einiges möglich ist – obwohl sich die Bank während der Sanierungsphase auf Druck der EU von diesen Märkten zurückziehen musste.

Die Finanzierung eines Windparks in Nordschweden zählt zu den wichtigsten Abschlüssen der HSH Nordbank im Geschäftsjahr 2017. (Foto: iStock)