Klimaschutz
19.11.2018

IEEFA-Studie: Traum von der sauberen Kohle ist aus

US Department of Energy
Illustration des eingestellten CCS-Projektes FutureGen.

Mit milliardenschwerer staatlicher Förderung wollten die USA zum Vorreiter für klimafreundliche Kohleenergie werden. Eine Studie zieht nun vernichtende Bilanz.

Der Traum von der sauberen Kohle, deren Energie ohne Freisetzung des Treibhausgases CO2 genutzt werden kann, ist in den USA wohl endgültig geplatzt. Nachdem in den vergangenen Jahren viele Versuchsanlagen technische und wirtschaftliche Probleme gemeldet haben, hat das US-Forschungsinstitut IEEFA (Institute for Energy Economics and Financial Analysis) nun eine vernichtende Bilanz gezogen.

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Demnach haben alle Projektanlagen gezeigt, dass die Verfahren zur Vermeidung des C02-Ausstoßes bei der Gewinnung von Strom aus Kohle zu teuer und technisch kaum beherrschbar sind. Auch sei das Projekt saubere Kohle nicht mehr zeitgemäß. Gaskraftwerke und erneuerbare Energien seien inzwischen der Kohle wirtschaftlich überlegen und hätten deren Dominanz bei der der Stromerzeugung gebrochen. Während Anfang des Jahrhunderts noch die Hälfte der US-Stromerzeugung auf Kohle beruhte, ist deren Anteil inzwischen unter 30 Prozent gesunken, so das IEEFA.

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Projekt FutureGen scheiterte zweimal

David Schlissel, der die aktuelle Studie herausgegeben hat, ist überzeugt, dass die Forschungsergebnisse nicht nur für die USA gelten, sondern weltweit übertragbar sind. Alle Bemühungen, die Kohle um ihre klimaschädlichen Effekte zu bereinigen, seien technisch und wirtschaftlich zum Scheitern verurteilt. Allein die Kosten für ein flächendeckendes CO2-Pipeline-Netz von den Kraftwerken zu den Endlagerstätten seien in keiner Planung enthalten.

Kosten für die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS). Quelle: IEEFA
Die Pläne, klimafreundliche Kohleenergie zu gewinnen, gehen ursprünglich auf die Präsidentschaft von George W. Bush zurück. Seine Regierung stellte im Jahr 2003 eine Milliarde Dollar für das Projekt FutureGen bereit. Das bei der Kohleverbrennung austretende Treibhausgas Kohlendioxid sollte dabei durch zwei Verfahren geblockt werden, und zwar durch die Technik der Kohlevergasung bei hohen Temperaturen und durch das auch in Europa getestete CO2-Abscheide- und Endlagerungsverfahren CCS (carbon dioxide capture and storage).

FutureGen wurde zwar 2008 eingestellt, nachdem die Kosten auf 1,8 Milliarden Dollar explodiert waren, aber unter Präsident Barack Obama im Jahr 2010 neu gestartet. Sowohl Bush wie Obama hegten die Hoffnung, dass die US-Industrie bei der Entwicklung von klimafreundlichen Kohleverstromungsverfahren Weltmarktführer werden könnte. Auch FutureGen 2.0 wurde 2015 eingestellt, nachdem die Kosten von einer Milliarde auf 1,65 Milliarden gestiegen waren. Wie der wissenschaftliche Dienst des US-Kongresses im August 2018 errechnet hat, sind seit 2010 über fünf Milliarden Dollar an Steuergeld in die CCS-Forschung geflossen. Die Ergebnisse der führenden Projekte gelten jedoch als niederschmetternd.

Auch Kanadier scheitern

Der größte Hoffnungsträger der USA, das Kemper County Power-Kraftwerk im ländlichen Mississippi, teilte bereits im Sommer 2017 mit, anstelle von Kohle nun Gas zu verbrennen. Die Anlage sollte eigentlich sowohl durch das Kohle-zu-Gas-Verfahren wie auch das nachträgliche CO2-Abscheideverfahren als Leuchtturm der sauberen Kohleenergie den Weg weisen. Wie das Magazin Forbes berichtet, wurden sieben Milliarden Dollar in die klimatechnische Nachrüstung der Anlage investiert - mehr als das Doppelte der ursprünglichen Baukosten. Das Energieministerium stand bei dem Projekt mit 382 Millionen Dollar gerade und die Stromkunden mit einer Umlage von 800 Millionen Dollar.

Der staatliche Versorger SaskPower in der kanadischen Provinz Saskatchewan hat 1,5 Milliarden Kanadische Dollar in die CCS-Technologie bei seinem Boundary Dam Kraftwerk an der Grenze zu den USA gesteckt. Das dabei abgeschiedene CO2 wird überwiegend bei der Ölförderung wiederverwendet. David Jobe, bei SaskPower verantwortlich für CCS, räumte Mitte 2018 jedoch gegenüber dem Fachmagazin „The Chemical Engineer“ ein: „Offen gesagt, die Anlage hat niemals die Ziele erreicht, für die sie konzipiert wurde.“ Ursprünglich war geplant, 90 Prozent des CO2 zurückzuhalten. Im ersten Betriebsjahr 2014 waren es gerade 40 Prozent.

Auch ein Projekt des US-Versorgers NRG Energy und der japanischen JX Nippon Oil & Gas Exploration südwestlich von Houston liefert bislang nur zweifelhafte Ergebnisse. Die Anlage mit dem Projektnamen Petra Nova ist seit Anfang 2017 in Betrieb und soll in dieser Zeit 1,7 Millionen Tonnen CO2 durch CCS zurückgehalten haben, wie die Betreiber stolz berichten. IEEFA-Projektleiter David Schlissel hält dies jedoch nur für die halbe Wahrheit. Denn um den energieintensiven CCS-Prozess am Laufen zu halten, hätte NRG Energy eigens ein Gaskraftwerk installiert, das wiederum 450.000 Tonnen CO2 ausgestoßen habe. Im Ergebnis habe man also nur 1,25 Millionen Tonnen CO2 einbehalten und das bei Investitionskosten von einer Milliarde Dollar.

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Thomas Bauer
Keywords:
CCS | Kohlestrom | USA
Ressorts:
Technology

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