Smart Grid
20.06.2012

Intelligent einsammeln und auf Sicht fahren

RWE
Ein Techniker liest den Zählerstand ab.

Die Verteilnetze müssen immer mehr Ökostrom aus PV- und Windkraftanlagen aufnehmen. "Smart Country" ist das erste Pilotprojekt für ein intelligentes Netz auf einer niedrigeren Spannungsebene. Energieriese RWE steckt sogar doppelt soviel Geld in den smarten Ausbau wie in Erneuerbare selbst.

In Bitburg startet eine Energierevolution. Das kleine Städtchen in der Eifel war bisher höchstes für Brauereierzeugnisse bekannt. Auf 170 Quadratkilometern ländlichen Raums läuft seit Mitte 2011 das erste intelligente Verteilnetz in Deutschland. Denn immer öfter sind die 869 Verteilnetzbetreiber in Deutschland „nicht mehr allein Verteiler, sondern Stromeinsammler“, erklärt Jürgen Grönner, Leiter für Asset Management beim Essener Energieriesen RWE.

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Pilotprojekt Smart Country

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Ein Konsortium aus vier Projektpartnern - darunter RWE, der schwedisch-schweizer Konzern ABB, das Beratungsunternehmen Consentec aus Aachen und die Forscher der Technischen Universität Dortmund - will die neue Energieversorgung voranbringen. Das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt das Pilotprojekt Smart Country mit insgesamt 6,2 Millionen Euro, der Hälfte der Gesamtkosten. Neben dem Kreis Bitburg-Prüm sind Essen und Recklinghausen dabei sowie zwei ländliche Gemeinden von Steinfurt und Bernkastel-Wittlich. Am 22. Mai 2012 wurde das Projekt für sein Gesamtkonzept mit dem neuen hessischen Preis für intelligente Energie ausgezeichnet, denn 90 Prozent des Ökostroms wird derzeit auf dem Land erzeugt.

Das alte Paradigma, bei dem der Strom nur in eine Richtung fließt, gilt immer seltener. Photovoltaik, aber auch Windkraftanlagen speisen ihre Energie vor Ort ein und stellen die alten Verteilnetze vor Probleme. Seit Ende 2010 sind in Deutschland mit 83 Gigawatt mehr Kapazitäten in Verteil- als in Übertragungsnetzen angeschlossen. Grund dafür sind unter anderem die vielen neuen PV-Anlagen am Versorgungsnetz mit rund 25 Gigawatt installierter Leistung.

Das Netz misst, plant, steuert und speichert

Modernste Technik in Bitburg-Prüm misst, plant, steuert und speichert künftig den Ökostrom, damit er zuverlässig abrufbar ist. Denn Versorgungsnetze in ländlichen Regionen waren von vornherein weniger belastbar für den Ökoenergie-Boom. Vier Bausteine sind im Pilotprojekt entscheidend: Spannungsregler sind vor oder hinter Ortsnetztransformatoren oder direkt beim Kunden installiert, um die Spannung und damit die Frequenz von 50 Hertz im Netz konstant zu halten. Andernfalls können technische Geräte beschädigt werden, wenn beispielsweise ein Wert von 50,2 Hertz überschritten wird. Und das lohnt sich: Laut einer BDEW-Studie können regelbare Ortsnetztransformatoren rund 90 Prozent aller Spannungsabweichungen beheben.

Als zweiten Baustein liefert die Biogasanlage eines Landwirts immer dann Strom, wenn keine Sonne scheint oder der Wind nicht weht. Denn Gas lässt sich im Gegensatz zu Strom problemlos speichern und durch ein Blockkraftheizwerk effizient in Strom umwandeln. Drittens, wird an 20 Stellen im Netz und 48 PV-Anlagen Verbrauch und Einspeisung gemessen. Der Netzbetreiber RWE kann dann deutlich besser planen, wie er einzelne Anlagen ansteuert und einsetzt – ein naher Stromerzeuger beim Verbraucher spart Stromtrassen. Viertens, kommen stärkere und unterirdisch verlegte Kabelstrecken zum Einsatz. Die neuen 110 Kilovolt-Autobahnen sollen die kleinen Landstraßen entlasten. Installierte Pausenschalter sollen zudem verhindern, dass sich Fehler weiter ausbreiten.

Investitionen in Netze

Betreiber, die beim Ausbau des Verteilnetzes zu kurz denken, müssen langfristig höhere Kosten stemmen. Zum Vergleich: Während der RWE-Konzern zwei Milliarden Euro in die Erneuerung der Versorgungsnetze steckt, investiert die Erneuerbare-Energien-Sparte rund eine Milliarde in den Ausbau von Ökostromanlagen. „Durch innovative Ansätze wie regelbare Ortsnetzstationen bleiben die Kosten geringer", so Grönner. „Durch sie lässt sich die Netzaufnahmefähigkeit erhöhen und das Spannungsband über längere Strecken aufrechterhalten.“ In Verbindung mit neuen Wechselrichtern kann eine um 20 bis 25 Prozent verbesserte Auslastung erzielt werden, besagt eine aktuelle BDEW-Studie.

Als Blaupause für andere Landkreise sieht Grönner die Brauereihochburg jedoch nicht: Es gebe keinen Königsweg für einen effizienten Netzumbau und -ausbau. Die Erkenntnisse können deshalb nicht eins zu eins übertragen werden. Der dynamische Ausbau von dezentralen Ökostromanlagen müsse jedes Jahr neu überprüft und bewertet werden. Man fahre deshalb besser „auf Sicht“.

Niels Hendrik Petersen
Keywords:
Netzausbau | smart Grids | Stromnetz | RWE
Ressorts:
Technology

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