Kolumne Ferdinand Dudenhöffer
07.02.2013

Jagd auf das E-Auto

Valentin Kaden, Top-Teaser: Ford
BIZZ-energy-today-Kolumnist Ferdinand Dudenhöffer

Die Kanzlerin will mehr Elektroautos auf deutsche Straßen bringen. Doch manche Kommunalverwaltung stellt sich stur – und zeigt, wie zäh Innovationsprozesse sein können.

In Deutschland ist viel darüber philosophiert worden, wie unser Land zum Leitmarkt für Elektromobilität werden kann. Auf höchster Ebene lud Angela Merkel Industriekapitäne und Energieversorger zu Gipfeltreffen ins Kanzleramt ein. Im Regierungsprogramm Elektromobilität setzte sie eine klare Zielmarke: Bis zum Jahr 2020 sollen eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen fahren. Doch die Bilanz ist bisher ernüchternd. Zieht man die von den Herstellern und Händlern im letzten Jahr selbst zugelassenen Elektroautos ab und schaut auf die „echten“ Verkäufe, wurden im Jahr 2012 nur 1.605 neue Elektroautos auf Deutschlands Straßen gebracht. Geht es in diesem Tempo weiter, kommen wir in den verbleibenden sieben Jahren auf insgesamt 15.000 Elektroautos. Das Ziel der Kanzlerin wäre um 98 Prozent verfehlt. 

Anzeige

Anzeige

Woran liegt das? Geld allein genügt nicht, das war von Anfang an politischer Konsens. Neben Investitionen in Forschung, Modellregionen und Schaufensterprojekte wollte die Bundesregierung daher Elektroautos durch Vorteile im Straßenverkehr besser positionieren. Diskutiert wurden die Nutzung von Busspuren durch Elektroautos, Sondergenehmigungen für Innenstädte, kostenlose Parkplätze, kostenloser Strom und vieles mehr. In der Realität angekommen sind nach vielen Verwaltungsschleifen lediglich ein paar Schilder vor einigen wenigen Ladesäulen. Dort weist das Kleingedruckte darauf hin, dass der Parkplatz an der Ladesäule für Elektroautos reserviert ist. Im besten Fall, denn meistens sind diese Zusatzschilder nicht vorhanden. Aber selbst wenn die Schilder mit dem Kleingedruckten vorhanden sind, werden Ladesäulen gnadenlos zugeparkt.

Menschen für das Elektroauto begeistern

Was die Kanzlerin auf höchster Ebene propagiert, kommt nur langsam oder gar nicht auf der Ebene der Kommunalverwaltungen an. Dies zeigt sich etwa im Projekt ‚RUHRAUTOe‘ in Essen. Die Idee dahinter: Menschen ohne Verpflichtung mit der Technik vertraut zu machen und für das Elektroauto zu begeistern. Nur durch überzeugte Menschen kann die Vision der Kanzlerin realisiert werden. 20 Opel Ampera sind in Essen für kleines Geld im Carsharing-Einsatz. Gemeinsam mit einer großen Wohnungsbaugesellschaft, den öffentlichen Verkehrsbetrieben, einem Carsharer und der Universität Duisburg-Essen startete das Projekt im November 2012. Nahezu alle Einzelhändler und Essener Unternehmen unterstützen dieses Innovationsangebot. Das ist die schöne Seite der Medaille.

Weniger schön ist der Kampf mit der Stadtverwaltung. Relativ zügig hat der Ordnungsamtsleiter seine Politessen regelrecht auf die Jagd nach Elektroaus geschickt. Vergisst der Carsharing-Kunde, das Kabel anzuschließen, gibt es ein Verwarngeld. Oft ist die Ladebox zugeparkt und das Elektroauto steht deshalb ein paar Meter weiter – daraufhin kommt der Abschleppwagen.  Wir baten das Essener Ordnungsamt, die Parkplätze mit etwas Farbe auffälliger gestalten zu dürfen, um der Abschlepperei vorzubeugen. Diese Bitte wurde an das Regierungspräsidium in Düsseldorf weitergeleitet. Dort liegt „der Vorgang“, wie es im Amtsdeutsch heißt, jetzt seit geschlagenen zwei Monaten. Ob und wann eine Antwort kommt, weiß niemand. Möglicherweise braucht es eine Grundgesetzänderung. 

Innovationsfeindliche Ruhrgebiets-Posse

Ein weiterer Tiefschlag: Anfang dieses Jahres teilte die Essener Stadtmarketing – ein Tochterbetrieb der Stadt – mit, dass die Ansprache der Bürger und Informationen auf Postkärtchen auf Innenstadtplätzen kostenpflichtig sei. Zwei Stunden für 251 Euro. Mit Studenten hatten wir auf öffentlichen Plätzen für das Projekt geworben. Alle Studenten und Projektpartner sind selbstredend im höchsten Maße bestrebt, mit den Elektroautos nicht gegen die öffentliche Ordnung der Großstadt mit seinen 575.000 Einwohnern zu verstoßen. Dennoch rufen offenbar die 20 Elektroautos unter den insgesamt mehr als 200.000 Autos der Essener Bürger die geballte Mannschaft der Stadtverwaltung auf den Plan. 

Man wäre geneigt, das Ganze als Ruhrgebiets-Posse abzutun. Aber leider ist es mehr als das. Der Fall offenbart gnadenlos, wie komplex und widersprüchlich Innovationsprozesse in Deutschland verlaufen können – wenn lokale Verwaltungen ignorieren, was die Kanzlerin ausruft.

 

 

Ferdinand Dudenhöffer

...ist Direktor des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen sowie Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.

Ferdinand Dudenhöffer
Keywords:
E-Mobilität | Elektroautos | Ferdinand Dudenhöffer
Ressorts:
Technology | Markets

Kommentare

Der von der Uni Duisburg-Essen gestartete Großversuch mit 20 OPEL-AMPERA`s ( ELEKTRO-Auto ) halte ich für angebracht. Der "normale " Autokunde kann hier an die Elektromobilität herangeführt werden und somit wird dem potenziellen Kunden die Angst vor einem "Liegenbleiber" ( = leere Batterie ) genommen. Bekanntlich ist der innovative OPEL-AMPERA mit einem "Range Extender" ausgestattet, mit dem eine Mindestreichweite von ca. 500 Kilometern möglich ist. Schade, dass sich nicht noch weitere Städte an einem solchen Grossversuch beteiligen.

Prof. Dudenhöffers Frust ist sofort nachvollziehbar. Die gleichen Erfahrungen mache ich in Münster und Osnabrück. Es fehlen zentrale privilegierte Parkplätze und Stromtankstellen für E-Autos. Die wenigen gekennzeichneten Parkplätze werden sehr häufig zweckentfremdet benutzt. Die Stadtwerke genehmigen das Stromtanken an den wenigen Stromtankstellen nur den eigenen Stromkunden.

Welch ein Widersinn: gerade die von auswärts kommenden E-Fahrer haben Stromnot, nicht diejenigen am Ort, die können i.d.R. zu Hause tanken. Die Verwaltungen sind nicht nur arbeits- und denkfaul, nein, nein, da liegt der Hase woanders im Pfeffer. Als ich 1982 im Kreis Steinfurt das erste netzeinspeisende Windrad Deutschlands errichtete, musste ich 1 Jahr lang vorher wöchentlich beim Kreisbauamt nach dem neuesten Genehmigungshindernis fragen, bis ich herausfand, dass der Chef der Verwaltung von RWE 30.000,- DM p.a. erhielt. Da habe ich unter das Windradfundament einen Atombunker einzeichnen lassen: nach 14 Tagen hatte ich die Baugenehmigung. So sollten wir als Elektro-Fahrer kreativ werden und durch einen listigen Schachzug den Strom-Parkplatzvorrang anmahnen und mit geeigneten Mitteln die Rückständigkeit der Bürokraten öffentlich machen.

Dietrich Koch
dh.koch@osnanet.de

Die Klagen von Herrn Prof. Dudenhöffer kann ich durchaus nachvollziehen. Aber man muss auch die Situation genauer analysieren und differenzierter widergeben.

Ja, die Situation mit den Ladesäulen und den Parkplätzen in den Kommunen ist nicht schön. Dortmund hat über 120 Ladepunkte im gesamten Stadtgebiet - öffentlichen Raum - aufbauen lassen. 14 wurden auch gemäß den bekannten Vorgaben beschildert. Nur fehlt die gesetzliche Grundlage in StVO und StVG, um ein Freischleppen zu ermöglichen (Aussage des VG Gelsenkirchen). Also liegt der schwarze Peter nicht bei der Kommune, da ihr die Handlungsgrundlage entzogen ist.

Kostenlose Parkplätze sind ebenfalls schön. Da aber sehr viele Kommunen klamm sind, entscheiden höhere Instanzen darüber, ob sie überhaupt auf Einnahmen verzichten dürfen, egal wie hoch sie sind. Unter dem Sparzwang fallen nicht nur Parkplätze vor Ladestationen, die ansonsten Tausende Euros pro Jahr einbringen könnten, sondern auch Parkplätze im Allgemeinen, wo die Beträge deutlich geringer liegen. Zudem fehlt auch noch die Kennzeichnung der Fahrzeuge, damit die Verkehrsüberwachung weiß, dass es sich um ein e-Fahrzeug handelt. Auch hier ist wieder Land oder Bund gefragt. Alles andere wären Insellösungen, die nicht sehr technologiefördernd wirken würden.

Aber die Kommunen kann in den kleinen Dingen wirken. Wir haben einen zentralen Ansprechpartner für Fragen der Elektromobilität, die sich den täglichen Problemen u.a. in Genehmigungsfragen annimmt. Wir engagieren uns selbst in Bürgeraktivitäten, da dies ein elementares Interesse unsererseits ist. Dies kostet den Partnern nichts. Wir sprechen mit den Ordnungsbehörden, wie welche Kulanz gewährt werden kann (z.B. gegen die Fahrtrichtung vor Säulen parken, um zu tanken). Warum? weil wir selbst e-Fahrzeuge in der Verwaltung fahren und die gleichen Probleme erleben, die andere e-Mobilisten haben.

Zynismus alleine hilft an dieser Stelle nicht. Nur im Miteinander können Lösungen geschaffen werden. Und das demonstrieren die Dortmunder in ihrem Masterplanprozess, zu dem auch das Thema Mobilität gehört.

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen