Kolumne
10.07.2014

Japanische Vorreiter

Die Regierung in Tokio setzt konsequent auf Brennstoffzellen – für stationäre und mobile Zwecke. Warum Börsianer können da nur applaudieren, schreibt unser Kolumnist Gerard Reid.

 

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Davon träumt der Venture Capitalist, und der Finanzanlyst reibt sich verwundert die Augen. Wer vor einem Jahr an der US-Technologiebörse Nasdaq in Plug Power investierte, hat seinen Einsatz heute glatt verzehnfacht.

Der zweitgrößte Produzent von Industrie-gasen weltweit, Air Liquide, rettete die angeschlagene Hightech-Firma als Hauptinvestor vor Jahresfrist. Nicht nur der Börsenwert von Plug Power ist seitdem in die Höhe geschnellt. Alle zwölf großen börsennotierten Brennstoffzellen-Firmen, darunter AFC Energy, Proton Power, Ceres Power, Hydrogenics und Ballard Power entfachten Kursfeuerwerke. Die Börsen-Performance des Fuel-Cell-Sektors ist die weltweit beste aller Branchen. 

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Der französische Wasserstoff-Produzent McPhy Energy schaffte in Paris den ersten erfolgreichen Börsengang in diesem Sektor seit über fünf Jahren. Zwei weitere große IPOs stehen dieses Jahr noch an: Bloom Energy in den USA und Intelligent Energy in Großbritannien. Ist das alles nur Hype oder rechtfertigen die Fundamentaldaten dieses Sektors so viel Kursphantasie?

Brennstoffzellen sind hocheffiziente elektrische Generatoren, die Strom und Wasser erzeugen, indem sie die Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff nutzen. Nachdem der deutsch-schweizerische Physiker Christian Friedrich Schönbein und der walisische Forscher William Grove das Prinzip 1838/39 unabhängig voneinander postuliert hatten, galten Fuel Cells ein Jahrhundert lang als akademische Kuriositäten. Das änderte sich in den 1960er-Jahren, als die NASA begann, Brennstoffzellen in Raumschiffe zu integrieren, damit ihre Astronauten Strom erzeugen und Wasser aufbereiten können. Heute finden sich Fuel Cells nicht nur in U-Booten und Gabelstaplern, sondern dienen auch der netz-unabhängigen Energieversorgung.

Aber der echte Wendepunkt war die Entscheidung der Regierung in Tokio, konsequent auf Brennstoffzellen zu setzen. Die korporatistisch organisierte „Japan Inc.“ hält rund 60 Prozent aller weltweiten Patente für Brennstoffzellen und nutzt Fuel Cells nicht nur zur stationären Energieerzeugung, sondern auch für grüne Mobilität. 

Toyota konnte die Kosten seiner Fuel-Cell-Produktion im vergangenen Jahrzehnt um 95 Prozent senken. Schon nächstes Jahr will der Konzern sein erstes kommerzielles Brennstoffzellen-Auto mit 100 KW Leistung auf den Markt bringen. Es wird vermutlich mit dem Lexus-Emblem um wohlhabende Kunden werben, ähnlich wie Tesla mit seinem batteriebetriebenen Elektroauto. Wer hätte vor ein paar Jahren prognostiziert, dass sich das Tesla Model S in den USA besser verkaufen würde als der 7er BMW oder die S-Klasse von Mercedes? Aber genau so ist es gekommen.

Wird Toyota ein ähnlicher Coup mit Brennstoffzellen gelingen wie mit dem Prius, seinem ersten Hybridauto? Die Chancen stehen gut. Fuel Cells ermöglichen Performance und Komfort, alles mit null Emissionen. Das Tanken dauert drei bis fünf Minuten, die Reichweite liegt bei über 500 Kilometern.

Natürlich kann man argwöhnen, dass es an ausreichender Infrastruktur fehlt – hauptsächlich Ladestationen –, allerdings steht die japanische Regierung voll hinter Toyota und Honda, den Brennstoffzellen-Vorreitern.

Japan will die weltweite Führungsrolle bei der Brennstoffzelle auf lange Sicht verteidigen. Es geht um viele Jobs und Geschäftschancen, nicht nur für die großen Zulieferer, sondern auch für innovative Werkstoffhersteller. Brennstoffzellen lösen eines der größten Probleme Japans: den Mangel an natürlichen Ressourcen. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel noch Oppositionsführerin war, sprach sie gerne über das große Potenzial einer Wasserstoff-Wirtschaft. Japan verwirklicht diese Vision gerade. Und wer würde gegen diese innovative Nation wetten wollen? Die Kapitalmärkte sicherlich nicht. Sie haben das riesige Potenzial der Fuel-Cell-Firmen längst entdeckt. Zwei der aufregendsten Beispiele – SFC Energy und Heliocentris – notieren übrigens an der Deutschen Börse.

 

 

Gerard Reid zählt weltweit zu den Top-Analysten im Bereich Energie. Für die Investmentbank Jefferies baute er den Bereich Renewables auf. Anschließend gründete er mit Alexa Capital seine eigene Beratungsgesellschaft. 2011 erschien sein Buch „Asiens Energiehunger – Rohstoffe am Limit“. Reid hat am Imperial College in London eine Finance-Professur inne. Und schließlich: Gerard Reid ist Chefökonom von BIZZ energy today.

Gerard Reid
Keywords:
Brennstoffzelle | Wasserstoff | Börse | Elektromobilität
Ressorts:

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