BIZZ energy today: Herr van Son, Ihre Co-Geschäftsführerin wurde beurlaubt, die Desertec-Stiftung ist nicht mehr Gesellschafterin Ihres Dii-Konsortiums. Welche Folgen hat das?

Paul van Son: Bildlich gesprochen: Unser Schiff nimmt an Fahrt auf, jetzt bestimmt ein Kapitän den Kurs. Der Ausstieg der Desertec-Stiftung aus dem Kreis der Gesellschafter war keine wirkliche Überraschung. Sie hat sich dort als einzige Non-Profit-Organisation unter lauter Unternehmen schon länger nicht wohlgefühlt. Wir werden aber weiter miteinander über Sachthemen reden. 

Wollen Sie den in Nordafrika produzierten Wüstenstrom dort verkaufen  – oder nach Europa exportieren?

Wir sehen das ganz pragmatisch und marktorientiert: Beide Regionen sollen den Wüstenstrom beziehen, der Strom soll zwischen Europa und Afrika in beide Richtungen fließen. Dabei wird  Süd-Nord im Laufe der Zeit eine immer dominantere Rolle spielen. Momentan stellt sich die Frage noch nicht wirklich, weil es in Europa, insbesondere in Spanien und Italien, Strom-Überkapazitäten und somit keine Nachfrage gibt.

Wieviel zusätzliche Leitungen zwischen Europa und Nordafrika peilen Sie an?

Zwischen Spanien und Marokko bestehen bereits Kapazitäten in Höhe von 1,4 Gigawatt. Bis 2050 müssen wir das vervielfachen, auf rund 20 Gigawatt. Insgesamt reden wir von mehr als 160 Gigawatt an Leitungen zwischen Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten. Auch innerhalb Europas müssen dringend neue Leitungen gebaut werden, insbesondere zwischen Spanien und Frankreich. Sonst drohen Netzengpässe. Diese Botschaft ist bei der EU-Kommission in Brüssel angekommen. 

Staaten wie Ägypten und Tunesien gehören zum Kern Ihres Projekts. Welche Folgen haben die Unruhen dort? Platzt der Traum vom Wüstenstrom?

Nein. Für viele nordafrikanische Staaten sind erneuerbare Energien alternativlos, nicht nur, weil fossile Quellen gar nicht zur Verfügung stehen. Diese Einsicht ist dort Konsens, unabhängig von Parteien und Religionen. Auch nach dem Sturz der Mursi-Regierung sind unsere Ansprechpartner in Ägypten geblieben. Die Ebene dieser technischen Spezialisten, die erneuerbare Energien in Ägypten und anderen Ländern vorantreiben, ist von der politischen Großwetterlage kaum betroffen.

Paul van Son leitet das Dii-Konsortium seit dessen Gründung 2009. Zuvor führte der Niederländer beim Stromversorger Essent die Handelssparte. Dii hat aktuell 19 Gesellschafter, u.a. ABB, Deutsche Bank, Eon, RWE, Munich Re und Unicredit. Die kürzlich ausgetretene Desertec-Stifung war Dii-Gründungsgesellschafter und hält weiterhin die Namensrechte an „Desertec“.

 

 

Der Chef der Dii-Konsortiums, Paul van Son (Dii)