Kapazitätsmärkte
21.04.2017

Kampf um Gaskraftwerke

Foto: www.siemens.com/presse
Das hochmoderne Gaskraftwerk Irsching 5 in Bayern steht seit Jahren still.

Noch wenige Tage, dann fällt eine weitreichende Entscheidung für den Energiemarkt. Die Bundesnetzagentur legt fest, ob die großen Netzbetreiber in Eigenregie Reservekraftwerke bauen sollen. Die Stadtwerke wehren sich.

Mit einem scharfen Angriff auf die Übertragungsnetzbetreiber versuchen die Stadtwerke Nürnberg, den Bau neuer Gaskraftwerke in Süddeutschland zu verhindern. „Den volkswirtschaftlichen Sinn kann ich nicht erkennen, einen betriebswirtschaftlichen schon“, wetterte Josef Hasler, Vorstandsvorsitzender des Nürnberger Kommunalversorgers N-Ergie, in dieser Woche in Berlin.

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Die Netzstabilitätsanlagen würden als Reservekraftwerke gegen Stromausfälle von den Übertragungsnetzbetreibern gebaut, die auch die Einnahmen aus dem Betrieb der Anlagen erhielten. Hasler unterstellte, dass der Kapitaleinsatz möglicherweise genauso hoch verzinst werden könnte wie bei Investitionen in neue Leitungen, wofür die Netzbetreiber gesetzlich festgelegte Renditen von 6,91 Prozent erhalten.

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Die Stadtwerke Nürnberg fürchten offenkundig, dass neue Meiler ihrem eigenen Gaskraftwerk Irsching Konkurrenz machen, an dem N-Ergie mit 25,1 Prozent beteiligt ist. 

Zwei Gigawatt neue Kraftwerke

Noch hat die Bundesregierung allerdings überhaupt noch nicht geregelt, wie Netzstabilitätsanlagen von den Stromkunden vergütet werden. Mit dem Strommarktgesetz hat der Bundestag im vergangenen Sommer zunächst einen Prüfauftrag geschaffen. Die  Übertragungsnetzebetreiber und die Bundesnetzagentur sollen ermitteln, ob in Süddeutschland überhaupt neue Erzeugungskapazitäten benötigt werden, wenn bis 2022 die letzten Kernkraftwerke abgeschaltet werden.

Mitte Februar legten die Übertragungsnetzbetreiber ihr Gutachten in eigener Sache vor: benötigt würden 2 Gigawatt neuer Kraftwerke – also genau die Höchstgrenze, die der Bundestag bereits ins Gesetz geschrieben hatte. Bis Ende April muss die Bundesnetzagentur nun festlegen, ob und in welcher Höhe tatsächlich neue Kraftwerke gebaut werden sollen.

Im Interview mit bizz energy verteidigt der Chef von Tennet in Deutschland, Urban Keussen, die Bedarfsprognose der Netzbetreiber: „Die Versorgungssicherheit muss in jeder Situation gewährleistet sein. Wir brauchen deshalb Kraftwerksleistung in einem Umfang, wie sie die Netzstabilität erfordert. Aus diesem Grund sieht der Gesetzgeber auch die Errichtung von Netzstabilitätsanlagen vor.“

Zweistellige Millionenverluste

Stadtwerke-Chef Hasler verweist dagegen auf Irsching 5. Erst wenige Wochen zuvor hatte N-Ergie Alarm geschlagen, weil das moderne Kraftwerk im vergangenen Jahr einen zweistelligen Millionenverlust eingefahren habe. Die Gesellschafter wollen es wegen der niedrigen Strompreise stilllegen. Als Netzreserve wird es jedoch auf Anforderung der Übertragungsnetzbetreiber in Betrieb gehalten und nach gesetzlich festgelegten Regeln vergütet.

Hasler verwies darauf, dass Irsching 5 im vergangenen Jahr von Tennet an nur zwei Tagen eingesetzt worden sei. Weil das Kraftwerk derzeit kaum in Betrieb sei, habe es genug Möglichkeiten, den bevorstehenden Wegfall des bayerischen Kernreaktors Isar II zu kompensieren.

Manuel Berkel
Keywords:
Irsching V | N-Ergie | Tennet
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Kommentare

Der Strombedarf muss in Deutschland zu 100% abgesichert sein. Es müssen sich Einspeisung und Entnahme zu jeder Zeit die Waage halten. Wer liefert nun den benötigten lastdeckenden Strom?
Wind- und PV-Anlagen liefern fluktuierenden Strom, sie sind überhaupt keine verlässlichen Lieferanten. Ihre Lieferungen lassen sich bei der benötigten Kraftwerksvorausberechnung nicht berücksichtigen, dass ist ja der Grund, warum hauptsächlich die Kohlekraftwerke in der Berechnung zum Einsatz kommen. Nun müssten diese Kohlekraftwerke sobald Wind-und PV-Anlagen einspeisen umgehend heruntergefahren werden. Das funktioniert aber nicht, denn Kohlekraftwerke sind nicht flexibel, sie brauchen viel zu lang zum rauf und runterfahren, deshalb lässt man sie durchlaufen. Die Netzbetreiber planen nun Gaskraftwerke als Reservekraftwerke zu bauen, um das Netz zu stabilisieren, denn nur wenige Abnehmer in Europa können Zufallsstrom gebrauchen. Gaskraftwerke sind die einzigen konventionellen Kraftwerke die sich dafür eignen die Regelenergie zum Wind- und PV-Strom zu liefern, da sie schnell genug einsatzbereit sind. Nun jammern die Stadtwerke. Warum sagen sie nicht wir machen unseren eigenen lastdeckenden Strom d.h. Wind- und PV-Anlagen Besitzer gründen mit einem Gaskraftwerk ein Kombikraftwerk, so dass ihr gemeinsames Produkt lastdeckend ist. Dabei müsste natürlich das Gaskraftwerk für die Zeit wo es nicht zum Einsatz kommt entschädigt werden und zwar für die Bereitstellung als Serviceleistung. Dieses Gemeinschaftsprodukt würde dazu führen, dass unser teuer subventionierter Strom nicht weiterhin an der Börse verschenkt wird. Es müssten dann auch Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, denn 2x lastdeckender Strom im Netz, das wäre wie bei den Schildbürgern. Umso mehr Wind weht und umso mehr Sonne scheint, umso mehr wird Gas gespart.
Also nicht jammern sondern einmal durchrechnen, ob sich ein Kombikraftwerk bezahlt macht, dann würden sich auch die Trassen erübrigen. Denn wenn im Netz keine Überschüsse sind, dann wird dieses auch nicht destabilisiert. Die Kosten für den Bau von Gaskraftwerken hält sich in Grenzen, vielleicht würde es sich rentieren ein eigenes Gaskraftwerk zu bauen, so dass man keinen Investor braucht.

Warum kauft man nicht über die bestehenden Märkte gezielt 2 GW an Minutenreserve zu die bisher nicht am Markt aktiv agieren? Es stehen im Lande tausende von grossen Notstromdieseln mit vielen GW Gesamtleistung herum, die sowiso 2 mal im Jahr einen Probelauf absolvieren müsssen.
Die anzuwerfen kostet fast nichts, und sichert das Netz zuverlässig ab - und schneller reagieren als vergleichsweise träge Gaskraftwerke können die auch.
Jedes Krankenhaus, jedes Rechenzentrum, jede kritische Fabrik oder Chemieanlage, jede Leitwarte etc. hat einige hundert KW bis einige MW Stromerzeugungskapazität, die zuverlässiger arbeitet wenn sie regelmässig ein paar Stunden arbeiten darf.

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