Digitalisierung
08.09.2016

Kein Anschluss beim Smart-Grid-Funk

Foto: Wikipedia / UR3IRS / CC BY-SA 3.0
Die 450-MHz-Frequenzen können Techniker von Stromnetzbetreibern auch bei Black-outs noch für den Betriebsfunk nutzen.

Für die Kommunikation in der digitalen Energiewirtschaft ist die 450-MHz-Technologie die eierlegende Wollmilchsau. Doch für den Aufbau eines flächendeckenden Netzes sind die Unternehmen zu zögerlich, kritisiert die Telekom.

 

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Über die Datenautobahnen werden in den nächsten Jahren immer mehr Informationspäckchen aus der Energiewirtschaft sausen: Wind- und Solarparks übermitteln in Echtzeit, wie viel Strom sie gerade erzeugen, Netzbetreiber regeln bei Engpässen Industrieöfen und Wärmepumpen ab, in den Haushalten melden Smart Meter, ob der Hausbesitzer gerade sein Elektroauto lädt. In seiner Digitalen Agenda fordert der größte Energieverband BDEW deshalb von der Politik eine „leistungsfähige digitale Infrastruktur“. Auf einen bestimmten digitalen Verkehrsweg hat es der Verband besonders abgesehen.

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Die Energiewirtschaft solle exklusiv das Recht erhalten, Funkfrequenzen im 450-Megahertz-Band zu nutzen, heißt es in der Digitalen Agenda der Branche. Es wäre eine Ausnahme von der sogenannten Netzneutralität, die eigentlich dafür sorgt, dass auf den Datenautobahnen niemand Vorfahrt erhält, sondern alle Nutzer ihre Informationen gleich schnell bekommen. Selbstbewusst verweist der BDEW auf die Rolle seiner Mitgliedsunternehmen als Betreiber kritischer Infrastruktur wie Strom- und Gasleitungen.

 

Internetanbindung für ICE-Züge

Über den 450-MHz-Funk wurden in den vergangenen Jahren beispielsweise die ICEs der Deutschen Bahn mit dem Internet verbunden. In einem Vergleich mit anderen Technologien wie ISDN oder Radiowellen beschreibt der BDEW das 450-MHz-Band gewissermaßen als Multitalent für Energieversorger. Besonders wichtig ist für die Betreiber von Energienetzen und Kraftwerken, dass die Technologie auch bei einem Stromausfall noch funktioniert. Im Vergleich zum öffentlichen Mobilfunk kommen diese Funkfrequenzen mit weniger Basisstationen aus, was die Kosten senkt. Auch Energieanlagen in ländlichen Regionen lassen sich mit den langen Wellen noch erreichen.

In Städten kann der 450-MHz-Funk selbst Smart Meter einbinden, die hinter dicken Kellermauern liegen und in jedem Haus einzeln mit den Telefonleitungen verkabelt werden müssten.

 

Die Stromleitung als Datenkabel

Deshalb schreibt der BDEW sehr überzeugt: „Es konnte im Verband ein breiter Konsens hergestellt werden, dass die Nutzung eines Frequenzbandes im 450-MHz-Bereich für Smart-Meter- und Smart-Grid-Anwendungen sehr gut geeignet wäre.“ Doch so geschlossen, wie sich der wichtige Branchenverband gibt, sind die Energieversorger gar nicht.

„Die Meinung der Energiewirtschaft zu einem 450-MHz-Netz ist keineswegs einheitlich“, sagt Edwin Fischer, Experte für die Weiterentwicklung von Netzinfrastrukturen bei der Deutschen Telekom. Einige Elektrizitätsversorger wollen ihre Stromleitungen als sogenannte Powerlines nutzen, über die sich auch Daten übertragen lassen. „Die Mehrheit der Energieunternehmen setzt aber auf den öffentlichen Mobilfunk“, berichtet Fischer.

Das Mobilfunknetz ist bereits vorhanden, Investitionen in neue Infrastruktur fallen nicht an. „In Ballungsgebieten kommt man damit häufig auch bis in die Keller“, sagt Fischer. Der Nachteil ist aus Sicht der Versorger allerdings die Netzneutralität. Wenn Millisekunden über einen Stromausfall entscheiden, wollen die Unternehmen mit ihren Daten nicht durch Handygespräche und Musik-Downloads behindert werden.

Die Telekom und das Kölner Unternehmen Inquam sind derzeit die einzigen in Deutschland, die die Lizenzen für 450-MHz-Frequenzen halten. Inquam hat bereits mehrere Pilotprojekte mit Energieversorgern umgesetzt. Derzeit gibt es nach Branchenschätzungen einige Dutzend Funkmasten für 450 Megahertz. Der Aufbau eines bundesweiten Netzes würde allerdings einen immensen Aufwand bedeuten.

 

Bis zu 3.200 Funkstationen nötig

„Für eine flächendeckende Versorgung wären in Deutschland mindestens 1.600 Basisstationen nötig. Wenn auch noch die Funkversorgung in den Kellern sämtlicher Gebäude gewährleistet werden soll, können es sogar doppelt so viele sein“, sagt Telekom-Experte Fischer. Die Kosten schätzt er selbst im ersten Szenario auf mindestens eine Milliarde Euro.

Doch die hohen Investitionen werden laut dem Kommunikationsriesen nicht nur durch die uneinheitliche Haltung der Energieversorger behindert. „Von den gesetzlich gedeckelten Endkundenpreisen für Smart Meter ist nur ein Bruchteil für die Telekommunikationsanbindung vorgesehen und im Smart Grid gibt es vielleicht gerade mal zwei Millionen Anlagen, die in ein Funknetz eingebunden werden müssten“, erklärt Fischer. „In unseren Gesprächen mit Energieversorgern hat es sich bisher nicht so dargestellt, dass es genug Anwendungsfälle gibt, um den Aufbau der Infrastruktur zu refinanzieren.“

 

Netzagentur hat nicht mal einen Zeitplan

Rein technisch hat das öffentliche Mobilfunknetz durchaus noch Potenzial. „Mit technischen Weiterentwicklungen ist es gut möglich, besser in Gebäude vorzustoßen oder auch weit draußen liegende Trafostationen anzubinden“, erklärt Fischer.

Der Energieverband BDEW legt trotzdem hohen Wert auf ein eigenes Netz, in dem Daten der Energieversorger Vorrang haben und verweist auf die langen Vorlaufzeiten für die nötigen Investitionen. „Da es sich um ein sehr langfristiges Projekt handelt, wäre es wünschenswert, die Zuteilung der Frequenzen so zeitnah wie möglich vorzunehmen oder wenigstens bereits jetzt für den Zeitraum ab 2020 zuzusagen, wenn die bisherigen Zuteilungen auslaufen“, sagt ein BDEW-Sprecher gegenüber bizz energy.

Dafür wäre zunächst eine europäische Regelung nötig. In Deutschland würde dann die Bundesnetzagentur die Frequenzen für die Zeit ab 2021 vergeben. Bis zu der Behörde in Bonn scheint das Thema jedoch noch nicht vorgedrungen zu sein. Auf Anfrage erklärte eine Sprecherin, dass es bis jetzt nicht mal einen Zeitplan für die Neuzuteilung gebe.

Manuel Berkel
Keywords:
BDEW | Digitalisierung | Telekom | Deutsche Telekom | 450 MHz | Funknetz | Smart Meter | Smart Grid
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