Es gebe auf Twitter genauso viele Wirkungsgrad- und Effizienz-Experten wie Bundestrainer, sagte kürzlich Kurt-Christoph von Knobelsdorff, Chef der Nationalen Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie (NOW), auf einer Veranstaltung. Die Effizienz-Debatte habe etwas von Gehirnwäsche – das Gerede vom Wasserstoff als "Champagner der Energiewende" sei gefährlich. Von Knobelsdorff ärgerte sich sichtlich darüber, dass das Umweltministerium im Entwurf zur Umsetzung der europäischen RED II-Richtlinie den Straßenverkehr "außen vor gelassen habe".

Doch reden wir tatsächlich die ganze Zeit nur über Elektromobilität? Oder reden wir nicht vielmehr die ganze Zeit über Wasserstoff, wie ein weiterer Diskutant anmerkte? Auch das Mantra der Technologieoffenheit klingt nach Gehirnwäsche. Und sollte es ausgerechnet der Mineralölwirtschaft überlassen werden, die Klimalücke im Verkehr zu schließen? Vertrauen wir der Tabakindustrie die Lungenkrebs-Vorsorge an?

Der Streit um alternative Kraftstoffe geht derweil munter weiter: Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sagte am Freitag, Klimaschutzziele im Verkehr seien nicht allein durch Elektromobilität und Verkehrsverlagerung erreichbar. Solange die E-Mobilität noch kein Massenphänomen geworden sei, brauche es eine Vervierfachung der heutigen Mengen an CO2-neutralen Kraftstoffen. Dagegen hielt der Umweltverband BUND: alternative Kraftstoffe seien als "künstliche Lebenserhaltungsmaßnahme" für den Verbrennungsmotor ungeeignet.

Physik nimmt keine Rücksicht auf alte Geschäftsmodelle

Am Freitag legte dann eine Arbeitsgruppe der von der Bundesregierung eingesetzten Expertenkommission Nationale Plattform Zukunft der Mobilität einen neuen Bericht vor. Darin heißt es, die Kosten alternativer Kraftstoffe würden signifikant höher ausfallen als die fossiler Kraftstoffe. Nach jetziger Einschätzung der technologischen Machbarkeit und der Dauer von Planungsverfahren sei erst ab der zweiten Hälfte des Jahrzehnts mit einem industriellen Hochlauf zu rechnen.

Ja, wir brauchen grünen Wasserstoff – vermutlich auch im Verkehr. Zum Beispiel bei Zügen und in der Schifffahrt. Aber schon bei Lkw wird es fraglich, erst recht bei Pkw. Und es ist nicht die Politik, die Wasserstoff und E-Fuels im Technologie-Wettbewerb benachteiligt. Alternative Kraftstoffe sind im Nachteil – sowohl in Hinblick auf die Energieeffizienz, als auch in Hinblick auf den fortschreitenden Klimawandel. Die Physik nimmt nun einmal keine Rücksicht auf alte Geschäftsmodelle.

Elektromobilität ist noch kein Massenphänomen, aber zweifellos präsent. Neue Fahrzeugmodelle und Ladesäulen werden gebaut, wenn auch mitunter zu langsam. Nach Brennstoffzellenfahrzeugen und Wasserstofftankstellen muss hingegen gesucht werden. Dabei ist es jedem unbenommen, auch auf Wasserstoff im Verkehr zu setzen. "Viel Glück dabei“, wünscht Elon Musk. Am wichtigsten ist aber, dass die Verbrenner schnell von der Straße verschwinden. Der Streit um den Champagner verzögert dies nur.

mit dpa

Ist grüner Wasserstoff der Champagner der Energiewende? Darüber wird derzeit gestritten. (Copyright: Harald Bischoff/Creative Commons)