BIZZ-Exklusiv
03.07.2013

Keine Scheu vor Heuschrecken

Valentin Kaden/ Topteaser: depositphoto @Xalanx

Zur Finanzierung der Energiewende sind Private-Equity-Fonds notwendig, meinen Claudia Kemfert und Dorothea Schäfer vom DIW Berlin. In einem Beitrag für BIZZ energy today fordern die beiden Wissenschaftlerinnen dafür verlässliche Rahmenbedingungen von der Politik.

Die Energiewende braucht bedeutende Investitionen. Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion soll in den kommenden vier Jahrzehnten von heute 25 Prozent auf 80 Prozent steigen. Allein um diesen Anteil auf 50 Prozent zu verdoppeln, müssen laut Bundesumweltministerium bis zu 122 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren investiert werden. Für den Netzausbau veranschlagt die Bonner Bundesnetzagentur eine Größenordnung von bis zu 25 Milliarden Euro in den kommenden 15 Jahren. Für die energetische Gebäudesanierung werden pro Jahr bis zu fünf Milliarden Euro Fördermittel benötigt, zwei Milliarden Euro mehr, als das Förderprogramm der KfW-Bank vorsieht.  

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Als Back-up für die Erneuerbaren sind zusätzliche Gaskraftwerkskapazitäten von bis zu zehn Gigawatt notwendig; dafür müssen bis zu 15 Milliarden Euro investiert werden, und zwar von privaten Investoren, etwa von Stadtwerken oder Energie- und Infrastrukturunternehmen. In der Summe kommt man so auf Gesamtinvestitionen von knapp 200 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren. 

Derzeit finanzieren Privatpersonen die Energiewende zu 50 Prozent. Die Zahl der Energiegenossenschaften wächst rasant. Für die Bürger vor Ort könnte es künftig auch attraktiv sein, sich an dem Ausbau der Netze finanziell zu beteiligen, indem sie Fondsanteile zeichnen und dafür eine vom Bundesumweltminister in Aussicht gestellte Rendite von fünf Prozent erhalten. Und dennoch: Ohne Großinvestoren wird es nicht gelingen, die Energiewende zu stemmen. Verlässliche politische Rahmenbedingungen sind dafür unerlässlich, die permanenten Forderungen nach Abschaffung des EEG, nach Strompreisbremsen und Tempolimits dagegen allesamt sehr kontraproduktiv. Die finanziellen Risiken müssen ebenso wie Haftungsrisiken auf verschiedene Schultern verteilt werden. Dabei muss der Staat durch eine geeignete Brückenfinanzierung helfen.

Eigenkapital- und Fremdfinanzierung 

Infrastrukturprojekte wie Offshore-Windparks oder neue Stromtrassen brauchen einen substanziellen Anteil an Eigenkapitalfinanzierung. Private-Equity-Fonds sollten deshalb bei der Energiewende eine stärkere Rolle spielen. Das dazu passende Finanzierungsmodell kann sich an der strukturierten Buy-out-Finanzierung anlehnen: Der Private-Equity-Investor würde seine Mittel in eine Muttergesellschaft einbringen, die er etwa im Verbund mit anderen Beteiligungsgesellschaften und Förderbanken, wie der KfW und der Europäischen Investitionsbank, gründet. Diese Muttergesellschaft gründet dann ihrerseits eine neue Gesellschaft, die Projektgesellschaft, die ihr zu 100 Prozent gehört. Zur Finanzierung von Projekten wie Windparks erhält die Projektgesellschaft einerseits Eigenkapital von der Muttergesellschaft. Andererseits nimmt sie Fremdkapital auf, in Form von Darlehen unterschiedlichen Ranges und durch Mezzanine Finanzierung, also eine Mischung aus Eigen- und Fremdkapital. Mezzanine Finanzierung umfasst zum Beispiel Genussscheine oder stille Einlagen, die im Verlustfall keine Zinszahlung erhalten. Aufgrund dieser unmittelbaren Verlustteilhabe müssen für Mezzanine Finanzierungen die höchsten Risikoprämien gezahlt werden. 

Der zweite Bestandteil der Fremdfinanzierung sind nachrangige Anleihen. Diese nehmen nicht unmittelbar an den Jahresverlusten teil, behalten also ihren Zinsanspruch. Im Falle der Insolvenz werden sie jedoch nachrangig bedient. Zusätzlich können als Nachrangdarlehen auch Projektbonds eingesetzt werden; diese werden von privaten Schuldnern begeben, können aber über staatliche Institutionen wie etwa der Europäischen Investitionsbank garantiert werden. Mit den Projektbonds wird die Sicherheit der vorrangigen Anleihen weiter erhöht, sodass diese auch für eine Platzierung bei institutionellen Anlegern in Frage kommen. Vorrangige Anleihen behalten ihren Zinsanspruch und werden im Insolvenzfall auch vorrangig bedient. Wegen der starken Absicherung ist die Verzinsung dieser Anleihen auch am niedrigsten. 

Die Fremdfinanzierung besteht typischerweise zum Großteil aus endfälligen, vorrangigen Darlehen. Nur ein geringer Teil der vorrangigen Verschuldung wird über die Laufzeit getilgt. Der Vorteil von endfälligen Langläufern liegt im fehlenden Zinsdienst während der Laufzeit.  

Politik ist gefragt

Private-Equity-Gesellschaften haben üblicherweise einen Investitionshorizont von sieben bis höchstens zehn Jahren. Um ihre eigenen Investoren auszahlen zu können, müssen sie ihre Anteile an der  Gesellschaft und damit an der Infrastruktureinrichtung vermutlich noch während der Laufzeit der Langläufer verkaufen. Der Umgang mit den Alt-Darlehen ist üblicherweise ein wichtiger Bestandteil des Verkaufskonzepts eines Eigenkapitalinvestors. Die Absicherung der Kredite erfolgt allein über das Vermögen der Projektgesellschaft sowie gegebenenfalls über Gesellschaftergarantien. Die Projektgesellschaft bedient das Fremdkapital. 

Eigenkapitalinvestitionen bilden das Rückgrat dieses Finanzierungsmodells. Die Scheu vor den häufig als „Heuschrecken“ geschmähten Private-Equity-Fonds sollte daher unbedingt abgelegt werden. Dabei könnte die Bundeskanzlerin helfen, indem sie einen „runden Tisch“ einberuft, an dem ihre Minister mit Bankern, Fondsmanagern und Energiegenossenschaften zusammensitzen.

Claudia Kemfert und Dorothea Schäfer ehören zu den renommiertesten Köpfen auf dem Gebiet Energy and Finance. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert ist Professorin an der Hertie School of Governance und leitet seit 2004 die Energieabteilung am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Dorothea Schäfer ist dort Forschungsdirektorin für Finanzmärkte.

 
Claudia Kemfert
Dorothea Schäfer
Keywords:
Dorothea Schäfer | Claudia Kemfert | DIW | Private Equity | Energiewende | BIZZ-Exklusiv
Ressorts:
Governance

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