Porträt
21.08.2019

Kerstin Andreae: Die Super-Reala der Grünen

Foto: Deutscher Bundestag
Die künftige BDEW-Chefin Kerstin Andreae sitzt seit 2002 für die Grünen im Bundestag.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft bekommt eine neue Vorsitzende: Kerstin Andreae. Wer ist die Frau, die als Grünen-Politikerin oberste Energielobbyistin wird?

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung titulierte sie als „Systemwechsler der Woche.“ Sie charakterisierte Kerstin Andreae als Verräterin, die „womöglich aus finanziellen Gründen“ zum Feind übergelaufen sei. Denn ihr neuer Posten als Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) werde mit einem Jahresgehalt von 600.000 Euro vergütet, spekulieren Medien. 

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Das harte Urteil kommt nicht von ungefähr. Denn bislang ist es bei den Grünen noch nicht vorgekommen, dass eine ihrer renommiertesten Bundestagsabgeordneten in dieser Weise ihr berufliches Umfeld wechselt. Seit Februar 2012 sitzt Andreae, 1968 im malerischen Schwarzwaldstädtchen Schramberg geboren, für die Grünen im Parlament. Zudem ist sie Vize-Vorsitzende der grünen Fraktion. Nun geht sie im November zum BDEW, dem Spitzenverband der Energiekonzerne und der Wasserwirtschaft, in dem mehr als 1800 Unternehmen versammelt sind. Der Verband hat sich lange als Interessenwahrer vor allem der Atom- und Kohlewirtschaft verstanden.

Ökonomie und Ökologie nähern sich an

Natürlich stellen die vielen Kritiker dieser auffälligen Personalie unverzüglich die Frage, wie stark wohl der Sprung auf ihrem Gehaltskonto ihre Motivation beflügelt haben könnte. Die Frage richtet sich an eine Politikerin, die seit 1990 Mitglied der Grünen ist und zuletzt bei der Bundestagswahl 2017 in Freiburg das bundesweit beste Ergebnis bei den Zweitstimmen für die Grünen (21,2 Prozent) erreichen konnte. Andreae hatte zudem beste Chancen, im gar nicht mehr so unwahrscheinlichen Fall einer künftigen schwarz-grünen Bundesregierung einen Sitz im Kabinett zu erobern.

Vor dem Hintergrund einer wachsenden politischen Annäherung von CDU, CSU und Grünen wird Schwarz-Grün im Bund längst nicht mehr ausgeschlossen. Zwar muss die zuweilen bemühte Behauptung, die „vernünftigen Grünen fliehen bereits in die Wirtschaft“ als eine polemische Übertreibung gelten. Aber Kerstin Andreae ist derzeit der exemplarische Fall dafür, dass Ökonomie und Ökologie sich schnell annähern und einander nicht länger als Schreckgespenster betrachten.

Anders ist es beispielsweise kaum zu erklären, dass der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) im Juli die grüne Parteichefin Annalena Baerbock zu ihrem „Tag der deutschen Industrie“ als Rednerin eingeladen hat. „Da blüht was“, argwöhnen wirtschaftsnahe Medien bereits.

Lobbyarbeit „für die Energiewende"

Kerstin Andreae, die ihren Standpunkt mit der Formel „Ökologie gehört ins Zentrum der Ökonomie“ beschreibt, freut sich dagegen auf ihre neue Aufgabe. Für sie geht es nicht darum, ob die Energiewende stattfindet, sondern wie dies geschieht. Trotz der neuen politischen Aussichten für die Grünen wolle sie noch einmal „etwas Neues anfangen.“ Sie werde sich „mit voller Kraft für die Interessen der Energie-und Wasserwirtschaft einsetzen.“ Dabei sehe sie gute Chancen, in der Branche, die vor einem ökonomischen Umbau stehe, Rahmenbedingungen zu schaffen, die stabile neue ökologischen Chancen böten. Eine einseitige Lobbyarbeit, die sich nur an ökomischen Vorteilen für die Branche orientiert, lehnt die Diplom-Volkswirtin ab. Sie mache Lobbyarbeit „für die Energiewende, für die Lebensadern Wasser und Energie, für den Klimaschutz.“

Dass die Grünen-Politikerin so schnell aus einer zentralen politischen Funktion zum einflussreichsten deutschen Energieverband wechselt, wird vom gemeinnützigen Verein Lobbycontrol massiv kritisiert: Damit kaufe sich ein Lobbyverband wieder einmal ohne jeden Abstand Einfluss in der Politik ein. Das schade der Demokratie und sei enttäuschend, weil ja die Grünen bisher mehr Distanz zwischen Politik und Wirtschaft gefordert hätten. Lobbycontrol räumt aber ein, dass die so oft geforderten Wartezeiten für den Umstieg von der Politik in die Wirtschaft vorerst nur für Bundesminister gelten können, nicht aber für jeden der 700 Bundestagsabgeordneten.

Ein Typ moderner Frauen

Dass der neue Job nicht stressfrei sein dürfte, ist Kerstin Andreae klar. Sie ist verheiratet mit Volker Ratzmann, ebenfalls ein renommierter Grüner. Ratzmann war lange Fraktionsvorsitzender der Partei im Berliner Abgeordnetenhaus und hat ebenfalls enge Verbindungen zum Land Baden-Württemberg. Dieses vertritt er seit 2012 als Staatssekretär und Leiter der politischen Abteilung der Landesvertretung in Berlin.

Das Ehepaar hat drei Kinder. Eine Kinderfrau hilft der Familie, so dass sich die Frage „Kinder oder Politik“ nicht stellt. Sie stehe, sagt Andreae, „für einen Typ moderner Frauen, die die Vereinbarkeit leben – und das auch in einem politischen Amt.“

Wirtschaft für eine ökologischere Welt gewinnen

Kerstin Andreae bringt in den neuen Job viele politische Kontakte aus dem Bund und dem „Ländle“ mit – beispielsweise zu Winfried Kretschmann, dem bislang einzigen grünen Ministerpräsidenten, oder zum Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Sie hat zudem den Wirtschaftsbeirat der Grünen initiiert, in dem Unternehmenschefs, Manager und Verbandsvertreter eng zusammenarbeiten, um die deutsche Wirtschaft ökologisch voran zu bringen.

Dafür sieht Kerstin Andreae auch in ihrem neuen Job beste Chancen: Nämlich die Grünen für die Unternehmen noch stärker zu öffnen. Sie arbeitet seit langem als grüne Reala um die Wirtschaft für eine ökologischere Welt zu gewinnen. So sitzt Andreae mit dem früheren Daimler-Chef Dieter Zetsche im Kuratorium der Baden-Badener Unternehmergespräche, einem Netzwerk von Managern zur Ausbildung von Führungskräften deutscher Spitzenunternehmen. Dort wird auch über Zukunftsfragen der Wirtschaft diskutiert. Zetsche hat zudem schon als Gastredner auf dem grünen Bundesparteitag 2016 auftreten dürfen. Kerstin Andreae kommentierte diese Entwicklung mit dem Satz: „Wir sind nicht links, wir sind nicht rechts. Wir sind vorne.“

Lesen Sie auch: Vier Argumente gegen die Energiewende – und was von ihnen zu halten ist

Der Artikel wurde am 22.08.19 um 16:30 Uhr geändert.

Hans Peter Schütz
Keywords:
BDEW | Die Grünen
Ressorts:
Governance

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