Analyse
20.03.2019

Klimaschutz: Gebäudesektor ist Deutschlands Achillesferse

Foto: iStock
Für die energietische Sanierung werden oft mit Wärmebildkameras Fotos vom Gebäude gemacht.

Die Bundesregierung droht bei der Umsetzung der EU-Richtlinie zur Energieeffizienz von Gebäuden zu scheitern. Ein Überblick zum Stand auf der Baustelle.

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Deutschland droht auf dem wichtigsten Schlachtfeld gegen den Klimawandel eine Niederlage. Bis zum 10. März 2020 muss die Bundesregierung die neue EU-Richtlinie zur Energieeffizienz von Gebäuden in deutsches Recht überführen – doch es fehlt eine erfolgversprechende Strategie. Über 40 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs entfällt auf Wohn- und Gewerbegebäude. Der Kampf gegen die Erderwärmung entscheidet sich deshalb maßgeblich auf diesem Terrain. Wirtschafts-, Finanz- und Umweltministerium sind jedoch über die Instrumente und finanzielle Ausstattung einer solchen Initiative zerstritten. Das für die Energiepolitik zuständige Bundeswirtschaftsministerium mauert auf Anfrage von bizz energy, wie die Richtlinie umgesetzt werden soll. „Wir haben den Eindruck, dass die Bundesregierung keine Strategie hat“, argwöhnt ein Berater von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.

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Dabei läuft die Zeit unerbittlich. Bis 2050 sollen nach den Brüsseler Vorgaben EU-weit alle Gebäude Niedrigstenergiehäuser und ihre Energieversorgung CO2-frei sein. Um dies zu erreichen, muss der gesamte Gebäudebestand binnen 30 Jahren gedämmt und die noch notwendige Energieversorgung auf erneuerbare Quellen umgestellt werden. Zudem müssen größere Mietshäuser über ein digitales Energiemanagement sowie über Ladepunkte für Elektroautos verfügen. Damit Brüssel die Fortschritte kontrollieren kann, sollen die Mitgliedsstaaten Umsetzungspläne mit Zwischenzielen für 2030 und 2040 vorlegen und regelmäßig Bericht erstatten. „Angesichts des langen Zeithorizonts von Gebäudesanierungen müssen jetzt die Weichen gestellt werden“, verlangt Thomas Drinkuth, stellvertretener Bereichsleiter Energieeffiziente Gebäude bei der Deutschen Energie-Agentur (Dena).

Politische Bremsklötze für Wärmesanierung

Der Plan ist im nächsten Jahr fällig – und er könnte für die Bundesregierung ein Offenbarungseid werden. Denn gut drei viertel des Gebäudebestands in Deutschland ist nach einer aktuellen Metastudie der Dena, des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) sowie mehrerer Forschungsinstitute kaum oder gar nicht saniert. Besonders alarmierend: Die Bereitschaft der Eigentümer, dafür viel Geld auszugeben, sinkt dramatisch. 2015 lag die Sanierungsquote noch bei 1,5 Prozent, inzwischen fiel sie auf 1 Prozent des Bestands pro Jahr. Bei diesem Tempo wären 2050 erst 54 Prozent der Gebäude vollständig saniert. Um den CO2-Ausstoß bis Mitte des Jahrhunderts um 95 Prozent zu reduzieren, müsste die Quote nach Berechnungen von BDI und Dena jedoch bei 2 Prozent liegen. Frankreich zeigt, dass dies machbar ist. Seit Jahren sind jenseits des Rheins die Sanierungsquoten fast doppelt so hoch wie in Deutschland.

Mehrere Gründe wirken wie Bremsklötze bei der Wärmesanierung des Gebäudebestands – und alle sind politisch bedingt. Da ist einmal die zersplitterte und ungenügende staatliche Förderung durch Bund und Länder. Zwar erhält ein Eigentümer beim Aufrüsten seines selbstgenutzten Altbaus zu einem Effizienzhaus von der Kreditanstalt für Wiederaufbau einen Zuschuss von bis zu 30.000 Euro pro Wohneinheit. Doch angesichts der dafür notwendigen Investitionen von teilweise über 100.000 Euro schrecken dennoch viele zurück. Teilsanierungen und Sanierungen unterhalb des Standards werden dagegen nur geringfügig gefördert.

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Keywords:
Gebäude | Klimaschutz | Wärmewende
Ressorts:
Governance

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