Neue Mobilität
14.08.2019

Kritik an "Entmystifizierung" des Carsharings

Foto: Pixabay
Eine Unternehmensberatung meint, Carsharing lohnt sich in den meisten Städten in Deutschland nicht.

Carsharing lohne sich nicht und führe auch nicht dazu, dass Pkw-Besitzer ihr Auto abschaffen, behauptet eine Unternehmensberatung. Die Branche und Verkehrsforscher Andreas Knie widersprechen.

Carsharing, das gemeinschaftliche Nutzen von Autos, wird oft als Mobilität der Zukunft gefeiert. Die Sharing-Angebote könnten langfristig dazu beitragen, das eigene Auto im Straßenverkehr zu ersetzen. Eine Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney will nun mit diesen Annahmen aufräumen und das Carsharing nach eigenen Worten "entmystifizeren".

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Laut der Studie sind die meisten Städte in Deutschland nicht dicht genug besiedelt, damit sich das Carsharing lohnt. Hierzulande fehle den meisten Kommunen die erforderliche Bevölkerungsdichte von mindestens 3.000 Personen pro Quadratkilometer. Gerade mal elf Städte böten solche Voraussetzungen, gewinnbringend lässt sich Carsharing nach Ansicht der Studie nur in Berlin, Hamburg und München betreiben.

Nur Teil des Marktes berücksichtigt

Renommierte Medien wie die Süddeutsche Zeitung und der Deutschlandfunk greifen die Aussagen der Studie bereitwillig auf. Ein Vertreter von "Share Now", Carsharing-Marktführer in Deutschland, darf die Thesen auch noch bestätigen.

Das Problem dabei: Die in der Studie berücksichtigen Anbieter "Share Now", ein Angebot der Autokonzerne Daimler und BMW, sowie die entsprechenden Dienste von Volkswagen und des Autoverleihers Sixt stehen nur für einen Teil des deutschen Carsharing-Marktes. Bei ihnen gibt es keine festen Leihstationen, sondern die Autos stehen im öffentlichen Straßenraum für die spontane Nutzung bereit.

Zwar stellen die genannten Anbieter zusammen beinahe die Hälfte der hierzulande verfügbaren geteilten Autos, aber sie bieten ihre Dienstleistungen in nur sieben Städten an. Dabei gibt es deutschlandweit in rund 740 Städten und Kommunen Carsharing-Angebote, von denen der Großteil auf festen Leihstationen basiert.

"Keine lukrativen Gewinnmargen"

Weil mehr als 170 Carsharing-Anbieter in Deutschland nicht berücksichtigt worden seien, sei die Studie nicht repräsentativ für Deutschland, befindet der Lobbyverband der Branche, der Bundesverband Carsharing (BCS). Er widerspricht dem Papier in weiten Teilen. Die Realität habe die Aussagen aus der Studie teils schon entkräftet.

So gebe es auch Carsharing-Dienste in weniger dicht besiedelten Städten. Demnach finde sich in rund 60 Orten mit 100.000 bis 500.000 Einwohner mindestens ein Carsharing-Dienstleister. Zum Teil operierten diese Anbieter seit 20 Jahren und länger. Zwar räumt der Lobbyverband ein: "Carsharing bietet keine lukrativen Gewinnmargen".

Doch es gebe durchaus mittelständische Anbieter, für die sich Carsharing rechnet. "Wir wachsen mit dem Carsharing-Markt und schreiben seit 15 Jahren schwarze Zahlen", sagt denn auch Joachim Schwarz, Geschäftsführer des stationsbasierten Anbieters Cambio.

"Einstiegsdroge in den Verkehrsverbund"

Auch der Verkehrsforscher Andreas Knie lässt kein gutes Haar an dem Papier. "Ich kann diese Behauptung, Carsharing kannibalisiere den öffentlichen Nahverkehr, langsam nicht mehr lesen", sagt Knie. Die Studie von A. T. Kearney sei nicht wissenschaftlich und gehe völlig am Thema vorbei.

Knie hält das Carsharing eher für eine "Einstiegsdroge in den Verkehrsverbund". Die Nutzer könnten erfahren, dass neben den flexiblen Carsharing-Modellen auch stationsbezogene Angebote interessant seien und Busse und Bahnen im Nah- und Fernverkehr Alternativen darstellen könnten.

Dass sich die Carsharing-Angebote in deutschen Städten so wenig lohnen, liege auch an den gesetzlichen Rahmenbedingungen, erklärt Knie weiter. Anders als private Nutzer müssen Anbieter von Carsharing oftmals hohe Parkgebühren zahlen. Dabei gebe es bereits Städte wie Mailand oder Rom, in denen durch entsprechende Rahmenbedingungen wie eine City-Maut Carsharing zum Erfolgsmodell werde.

Teilen ist "Autoentzugstechnik"

Damit nicht genug: Auch am Besitz des eigenen Pkw ändere das Carsharing nichts, heißt es in der "Entmystifizierungs"-Studie. von A. T. Kearney. Für den Branchenverband BCS ist das eine große Überraschung. Dass flexible Angebote ohne feste Leihstationen keine oder eine nur geringe verkehrsentlastende Wirkung hätten, sei bereits in anderen Studien bestätigt.

Anders aber die stationsbasierten Varianten. So habe eine Untersuchung in Bremen gezeigt, dass ein Auto von stationsbasierten Diensten sieben private Pkw ersetze. Auch Verkehrsforscher Knie bestätigt die verkehrsentlastende Wirkung des Carsharings. Studien hätten gezeigt, dass ein geteiltes Auto zwischen vier bis 16 Privat-Pkw ersetzen könne, Carsharing sei eine "Autoentzugstechnik".

Lesen Sie auch: Mobilitätsforscher Knie: „Wir suchen fast wie im Exzess nach Alternativen“

Sandra Kirchner
Keywords:
Carsharing | Neue Mobilität | Verkehrswende
Ressorts:
Markets

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