Umfrage
21.02.2019

Kritik an Umsetzung der Energiewende nimmt zu

Foto: iStock
Die Bürger wollen die Energiewende, kritisieren aber mehr und mehr die Umsetzung durch die Politik.

Die Deutschen halten die Energiewende für teuer und chaotisch. Sie wollen zwar Klimaschutz, aber auch soziale Gerechtigkeit – so das Ergebnis einer Umfrage des IASS.

Eine große Mehrheit der Bevölkerung steht weiterhin hinter der Energiewende, doch sie will auch einen sozialen Ausgleich beim Klimaschutz. Das ist das zentrale Ergebnis des Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers zur Energiewende, das vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS), der 100 Prozent Erneuerbar Stiftung und der Innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft vorgestellt wurde. Über 6.500 Bürger in Deutschland wurden zu ihren Einstellungen, Erfahrungen und Präferenzen der Energiewende befragt.

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Im Vergleich mit dem ersten Sozialen Nachhaltigkeitsbarometer von 2017 schätzen mehr Menschen die Umsetzung der Energiewende als Gemeinschaftsaufgabe ein, an der sie selbst mitwirken möchten. Mehr Kritik gibt es allerdings an der Umsetzung durch die Bundesregierung: drei Viertel der Befragten bewerten die Energiewende in Deutschland als „teuer“, über die Hälfte als „chaotisch“ und „ungerecht“. Die Bevölkerung wünscht sich zudem, dass es beim Klimaschutz schneller vorangeht – aber auch, dass soziale Gerechtigkeit stärker als bisher berücksichtigt wird. Skepsis gibt es noch bei der Bereitschaft, mehr für den Klimaschutz zu zahlen. Eine relative Mehrheit möchte dafür eine Entlastung. Auch bei der Zustimmung zur Elektromobilität und der Investition in eine eigene Wind- oder Solaranlage gibt es Zurückhaltung.

Der Konsens erodiert

„Bemerkenswert ist, dass es vielen schlicht und ergreifend mit der Energiewende nicht schnell genug vorangeht“, sagt Ortwin Renn, geschäftsführender Direktor am IASS. „Gleichzeitig wollen sie aber, dass diejenigen, die unter den möglichen Belastungen der Energiewende leiden, auch solidarisch von den anderen unterstützt werden.“ Die soziale Dimension der Energiewende sei mehr als Strukturwandel und führe bislang ein Schattendasein, sagt Renn bei der Präsentation der Ergebnisse in Berlin. Die kritische Sicht auf die Energiepolitik der Parteien habe stark zugenommen.

Bei der AFD würden sich diejenigen versammeln, die der Energiewende ablehnend gegenüberstehen, erläutert Studien-Autorin Daniela Setton. Der Konsens erodiere aber auch insgesamt – vor allem bei den Anhängern der CDU/CSU gebe es eine deutliche Verschlechterung. Auffällig dabei: Die Kritik an zu hohen Kosten steht mit 41 Prozent nur an dritter Stelle. Mit 58 Prozent gibt der größte Teil der Befragten eine zu langsame Umsetzung beim Klimaschutz als einen der wichtigsten Gründe für die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung an. Knapp mehr als die Hälfte sieht die soziale Gerechtigkeit nicht ausreichend berücksichtigt. 

Kein Windausbau von oben

Weitere Ergebnisse: Die Grünen werden in Sachen Klimaschutz und Energiewende als besonders kompetent wahrgenommen, AFD und FDP als eher inkompetent. Während Solar-Dachanlagen beliebt sind, ist Windenergie an Land umstritten – insbesondere bei denjenigen, die viele Anlagen in der Nähe haben. Ein von oben verordneter Windausbau werde zunehmend auf Protest stoßen, prognostizieren die Wissenschaftler. Die Anzahl der Windkraftanlagen in Wohnumgebung sollte möglicherweise beschränkt werden.

Ähnliches gilt für das Thema Kohleausstieg: Dort, wo die Menschen sich negativ betroffen fühlten, sei die Skepsis besonders groß, erläutert die wissenschaftliche Mitarbeiterin Setton. So verstärkt sich in der Braunkohleregion Lausitz die Ablehnung des Kohleausstiegs, für den aber bundesweit unverändert eine Mehrheit votiert.

Weckruf für Politik

Die Kosten seien zwar bislang nicht der zentrale Punkt, könnten aber im Zuge der Diskussion um den CO2-Preis wichtiger werden, sagen die Wissenschaftler. „Die Einführung von CO2-Preisen dürfte nur mit einem für die Mehrheit überzeugenden und sichtbaren Kompensationsmechanismus ausreichend Akzeptanz finden“, so Setton. Eine zentrale politische Aufgabe sei zudem, für die Menschen im Alltag praktikable und bezahlbare Alternativen zum Verbrauch fossiler Energien zu schaffen. Diese würden bislang fehlen, beispielsweise beim Heizen oder der Mobilität. Eine Mehrheit lehnt einen möglichen Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor bis 2030 dann auch ab, auch wenn sie den Ausbau der Elektromobilität grundsätzlich befürwortet.

„Eine dezentrale, auch auf neuen technologischen Lösungen basierende Energiewende kommt ohne Menschen, die offen sind für neue Rollen, nicht aus“, sagt Innogy-Geschäftsführer Stephan Muschick. Daher seien die Ergebnisse des Barometers auch als Weckruf für die Politik zu verstehen.

 

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Carsten Kloth
Keywords:
Energiewende | Klimawandel
Ressorts:
Governance

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