Erneuerbare Energien
18.10.2018

Krypto-Schürfer Northern Bitcoin erwartet Verteilungskampf um Strom

Foto: Christian Schaudwet
Nutzt Strom aus Wasserkraft: Northern-Bitcoin-Chef Mathis Schulz vor Mining-Containern für die Kryptowährung Bitcoin im früheren Olivin-Bergwerk Lefdal in Norwegen.

Trotz des Bitcoin-Wertverlusts baut Northern Bitcoin sein Krypto-Schürfgeschäft mithilfe norwegischer Wasserkraft aus. Dabei bekommt das Frankfurter Unternehmen jetzt Unterstützung aus China – und sagt einen Wettbewerb um Strom voraus.

Der renommierte New Yorker Ökonom Nouriel Roubini lässt kein gutes Haar an Bitcoin und anderen Kryptowährungen. In einer Anhörung vor dem US-Senat hat er sie kürzlich als „Mutter allen Schwindels“ bezeichnet. Der Kurs des Bitcoin ist seit seinem Höchststand Ende 2017 um mehr als 60 Prozent abgerutscht. 

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Das kann Mathis Schultz' Optimismus nicht trüben. Für den Vorstandschef von Northern Bitcoin steht die Kryptowährung kurz vor dem Durchbruch. Er begründet seine Zuversicht mit dem steigenden Transaktionsvolumen und mit dem Plan der New Yorker Börse, eine eigene Handelsplattform für Kryptowährungen zu eröffnen. Northern Bitcoin erzeugt mithilfe seines Rechner-Pools Datenblöcke im dezentralen Zahlungssystem der Bitcoin-Blockchain und will dieses Geschäft jetzt mit chinesischer Hilfe ausweiten.

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Die ASIC-Miner genannten Spezialrechner verbrauchen riesige Mengen Strom und müssen permanent gekühlt werden. Deshalb hat das Frankfurter Unternehmen seine Miner in einem stillgelegten, zum Rechenzentrum ausgebauten Bergwerk in Norwegen installiert. In der Lefdal-Mine nahe dem Städtchen Nordfjordeid werden die Computer – in Containern gestapelt – mit günstigem grünem Strom aus umliegenden Wasserkraftwerken gespeist und mit neun Grad kaltem Wasser aus einem 500 Meter tiefen Fjord gekühlt.

Für diese Kombination aus Finanz-, Daten- und grüner Energiewirtschaft interessiert sich nun auch die chinesische Rawpool-Gruppe. Sie verfügt über einen der größten Mining-Pools der Welt. Anfang Oktober ist sie eine Partnerschaft mit Northern Bitcoin eingegangen. Die Vereinbarung sieht unter anderem vor, dass Rawpool und Northern Bitcoin in Nordeuropa weitere Mining-Standorte einrichten und mit Stromversorgern Energiepreise aushandeln. Rawpool interessiert sich dabei besonders für Lefdal. Konkrete Angaben zu weiteren Standorten macht Northern Bitcoin bisher nicht.

Schürfer konkurrieren mit Industrie

Außerhalb Chinas neue Mining-Möglichkeiten zu erschließen, ergibt für Rawpool durchaus Sinn. Die Regierung in Peking hat die Branche der digitalen Goldschürfer wegen ihrer gefräßigen Rechner in die Schranken gewiesen und droht, sie ganz zu verbannen. Denn Chinas Energiebedarf wächst, und Krypto-Schürfer machen der produzierenden Industrie den Strom streitig. Weltweit werden Bitcoin-Miner dieses Jahr 140 Terawattstunden Strom verheizen, prognostiziert die Bank Morgan Stanley. Das entspräche dem Jahresverbrauch von ganz Argentinien.

Einen Verteilungskampf um Strom sieht Mathis Schultz auch auf Europa zukommen, deshalb habe sich Northern Bitcoin für das an Wasserkraft reiche Norwegen entschieden: „Hier in Norwegen haben wir nicht das Risiko, mit anderen Industrien um Energie zu konkurrieren“, sagt Schultz. „Zum Beispiel mit der Autoindustrie in Deutschland“. Gegen die, glaubt der 35-Jährige, würde ein Bitcoin-Schürfer im Zweifel den Kürzeren ziehen. „Wie viel Energie den Bitcoin-Mining-Unternehmen zusteht“, das muss in einer gesellschaftlichen Diskussion geklärt werden, sagt Schultz. Der frühere Banker ist deshalb überzeugt, dass das Bitcoin-Schürfen nur mit erneuerbaren Energien eine Zukunft hat.

Gesichert wie eine Festung: Eingang zum Lefdal Mine Datacenter am norwegischen Nordfjord. Das
ehemalige Bergwerk beherbergt heute Datenserver und Mining-Rechner. Foto: Christian Schaudwet
Die Menge der verfügbaren Energie für die Rechner ist eines der wichtigsten Erfolgskriterien, denn: „Die Chance, einen neuen Block für die Blockchain zu finden, steigt proportional zum Energie- aufwand“, sagt Moritz Jäger, Technologievorstand bei Northern Bitcoin. Je mehr Miner weltweit am Werk sind, desto aufwändiger und energieintensiver wird es, einen neuen Block zu erzeugen. Die Mining-Unternehmen werden für diese Arbeit mit Bitcoins belohnt.

Northern Bitcoins Rechner verbrauchen rund 43 Gigawattstunden Strom im Jahr. Der Bedarf dürfte steigen: Die börsennotierte Gesellschaft, die zu 59,6 Prozent dem Leipziger Wagniskapitalgeber Singularity Capital gehört, will mit anderen Bitcoin-Unternehmen einen grünen Mining-Pool aufbauen und auch für sie Rechner in dem Bergwerk 60 Meter unter der Erdoberfläche betreiben. Dort stehen bereits Server-Container weiterer Unternehmen mit hohem Rechen- und Energiebedarf, darunter IBM und der Frankfurter Cloud-Anbieter Innovo. Gesellschafter der 2015 eröffneten Datenmine in dem ehemaligen Olivin-Bergwerk sind der staatliche Energieversorger SFE, regionale Investoren und der deutsche Unternehmer Friedhelm Loh, Eigentümer des Schaltschrank- und Klimatechnikherstellers Rittal.

Absturz des Mining-Unternehmens Envion

Auch andere Mining-Unternehmen setzen auf grünen Strom: Island etwa hat niedrige Temperaturen und Strom aus Erdwärmekraftwerken im Überfluss. Das Land gilt in Fachkreisen deshalb als Paradies für Krypto-Mining-Unternehmen. Genesis Mining beispielsweise betreibt seine Rechner in der Hauptstadt Reykjavik. Das Unternehmen wurde von dem Deutschen Marco Streng gegründet und ist auf den British Virgin Islands registriert.

Die in der Schweiz ansässige, ebenfalls von Deutschen gegründete Envion AG setzt auf mobile Mining-Container, die stets dorthin gebracht werden sollen, wo grüner Strom besonders günstig zu haben ist. Aber Envion gilt unter Investoren inzwischen als abschreckendes Beispiel und als Imagerisiko für gesamte Mining-Branche.

Das Unternehmen veranstaltete Anfang 2018 ein Initial Coin Offering, einen virtuellen Börsengang. Bei dieser Finanzierungsmethode erhalten Anleger keine Aktien, sondern virtuelle Münzen, sogenannte Tokens. Envion sammelte mit hohen Renditeversprechen rund 100 Millionen Dollar ein. Doch der Wert der Tokens brach danach ein. Das Envion-Management sieht sich als Opfer von Betrügern: Es teilte mit, ohne Wissen des Managements seien zusätzliche Tokens im Wert von 40 Millionen Dollar verteilt worden. Man habe Strafanzeige erstattet. Die Schweizer Finanzaufsicht ermittelt.

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Christian Schaudwet
Keywords:
Bitcoin | Wasserkraft | Norwegen | Datenzentrum
Ressorts:
Finance | Markets

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