Gebäudetechnik
23.08.2019

Klimaanlagen: Kühlen mit schlechtem Gewissen

Foto: iStock
Dank der Hitzesommer boomt der Markt für Klimaanlagen. Das ärgert Umweltschützer.

Der heiße Sommer bringt Herstellern von Klimaanlagen einen Boom. Umweltschützer kritisieren nicht nur den hohen Stromverbrauch der Geräte.

Der Besitzer der Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg war früher in der Umweltbewegung aktiv, doch heute wird er manchmal fast schwach. „Es wäre doch wunderbar, wenn es hier auf Knopfdruck kühl werden könnte“, erklärt er seinen aufkeimenden Wunsch nach einer Klimaanlage. Denn hier im oberen Stockwerk staut sich jetzt in den Sommermonaten die Hitze. „Früher waren es ja höchstens ein paar Tage im Jahr, an denen die Temperatur über 25 Grad stieg.“ Heute wird es oft wochenlang nie richtig kühl. Als Gutverdiener könnte er sich den Aufschlag auf die Stromrechnung von rund 100 Euro im Jahr durchaus leisten. Allein das schlechte Gewissen gegenüber den Klimaschützern hält ihn von der Anschaffung ab. Bisher zumindest.

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Viele andere private und professionelle Hausbesitzer haben jedoch schon nachgegeben: Das Geschäft mit Klimaanlagen boomt in Deutschland. „In den letzten beiden heißen Sommern 2018 und 2019 hatten wir eine überdurchschnittlich hohe Nachfrage“, sagt Bernhard Schöner, Marketingleiter bei Daikin Airconditioning Germany. Dabei handelt es sich um die deutsche Tochtergesellschaft des japanischen Weltmarktführers für Raumkühlgeräte. Für das laufende Jahr erwartet Schöner erneut zweistelliges Wachstum. Die Monate April, Mai und Juni waren bereits das stärkste zweite Quartal in der Unternehmensgeschichte.

Komfort auf Kosten der Atmosphäre

Doch was bei Daikin den Umsatz hochtreibt, bereitet Umweltschützern Sorgen. Denn Klimaanlagen schaffen Komfort auf Kosten des Schutzes der Atmosphäre. Das Umweltbundesamt weist hier vor allem auf den hohen Stromverbrauch hin: Ein Gerät, das ein Wohnzimmer mit 30 Quadratmetern Fläche gut kühlen kann, zieht rund 2000 Watt. Das ist so viel wie ein großer Wasserkocher, der ununterbrochen läuft. Der Strom kommt jedoch im heutigen Deutschland etwa zur Hälfte aus der Verbrennung von Kohlenstoff. Ein wichtiges Ziel der Klimaschützer ist daher auch die Senkung des Gesamtverbrauchs. Dem läuft der Trend zur Klimatisierung direkt entgegen.

Das Bundesumweltamt warnt auch vor schädlichen Folgen der Kältemittel, die in der Mehrzahl der konventionellen Geräte zirkulieren. Das Kältemittel ist ein Gas, das ein Motor mit hohem Druck zu einer Flüssigkeit zusammenpresst. Dabei entsteht Wärme, die ein Lüfter an die Außenluft abgibt. Die Flüssigkeit fließt durch einen Schlauch in die Kühleinheit im inneren des Raumes. Dort wird sie durch eine Düse innerhalb des geschlossenen Kreislaufs verdampft, wobei sie der Umgebung Wärme entzieht.

Umweltbundesamt empfiehlt Verzicht

Bisher kamen als Kältemittel verschiedene Varianten der berüchtigten Verbindungen von Fluor mit Kohlenstoffen zum Einsatz. Auch das als modern und umweltfreundlich beworbene Kältemittel R32 gehört in diese Substanzklasse: Es durchlöchert zwar nicht mehr die Ozonschicht, wirkt in der Atmosphäre aber immer noch als starkes Treibhausgas. Die Umstellung auf das weniger klimaschädliche Gas Propan kommt nur langsam voran, obwohl die EU mit der sogenannten „F-Gase-Verordnung“ eine Trendwende bewirken will.

Im Gesamtbild empfiehlt das Umweltbundesamt den Bürgern, nach Möglichkeit auf die Klimatisierung von Privaträumen zu verzichten. „Für ein angenehmes Raumklima sind Außenrollläden oft die effizientere und kostengünstigere Lösung gegenüber Klimaanlagen“, lautet der amtliche Rat. Doch zugleich erkennen die Experten dort auch die steigenden Bedürfnisse nach Komfort an. Kaum ein Gebäude in Deutschland ist an die heißen Sommer angepasst, die wir derzeit erleben.

Vermieter haben kein Interesse

Die Klimaanlage wird damit von einer Domäne der Hotels, Bankfilialen und großen Bürogebäude immer mehr zu einem Alltagsgegenstand. „Die Geschäftsentwicklung in Deutschland zeigt, dass die Klimaanlage sich vom Luxusprodukt zum Must Have entwickelt“, sagt Daikin-Marketingchef Schöner. Großes Wachstum sehe er auch für „kleinere gewerbliche Einheiten“ wie Arztpraxen.

Ein großer Hemmschuh bei der privaten Verbreitung liegt jedoch darin, dass die meisten Deutschen zur Miete wohnen. Die Vermieter haben in der Regel kein Interesse daran, dem Einbau einer festen Klimaanlage mit Außen- und Innenteil zuzustimmen. Kompaktgeräte, die Wärme nur über einen Schlauch abführen, sind dagegen nur wenig energieeffizient.

Daikin sieht sich dabei durchaus als ein Vorreiter der Umwelttechnik. Im Zeitalter der Energiewende hat das Unternehmen ein gutes Argument auf seiner Seite: Die Klimasysteme des Unternehmens können auch heizen – und zwar mit Strom. Was früher als besonders teuer galt, wird in einer klimaneutralen Zukunft die absolute Notwendigkeit sein. Denn auch das „saubere“ Erdgas ist nichts anderes als ein Energieträger auf Kohlenstoffbasis. Die umweltfreundlichen Energiequellen wie Wind oder Sonne stellen aber erst einmal nur Strom bereit. „Mit Ökostrom lässt sich so ein System ganzjährig CO2-frei betreiben“, betont Schöner.

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Finn Mayer-Kuckuk
Keywords:
Klimaanlage | Stromverbrauch
Ressorts:
Markets

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