Interview
05.06.2019

„Künstliche Intelligenz braucht mehr Datentransparenz“

Foto: iStock
Künstliche Intelligenz gilt als ein Hoffnungsträger der Energiewirtschaft.

Kann Künstliche Intelligenz die Energiewende beschleunigen? Wie die Energiewirtschaft von KI profitieren kann und wo sie dazulernen muss, erläutert Philipp Richard von der Deutschen Energie-Agentur.

Künstliche Intelligenz (KI) – was verstehen man eigentlich darunter?

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Das ist tatsächlich nicht leicht, den Begriff genau abzugrenzen. Aber wenn wir von der Intelligenz des Menschen ausgehen – also der Fähigkeit, abstrakt und rational zu denken und daraus zweckvolles Handeln abzuleiten – dann will KI diese Entscheidungsstrukturen und Denkweisen mit digitalen Mitteln nachbilden. Je autonomer und eigenständiger das dann läuft, desto höher der Grad der KI.

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Wie kann die Energiewirtschaft von KI profitieren?

Da gibt es entlang der Wertschöpfungskette etliche Möglichkeiten, wie auch in anderen Branchen. In der Energiewirtschaft kann KI etwa zu einer effizienteren Energieerzeugung führen: durch clevere Abstimmung und Vernetzung der vielen dezentralen Solar- oder Windkraftanlagen. Bei der Energieverteilung wiederum können wir mit KI – zumindest perspektivisch – weitere Optimierungspotenziale heben, als Alternative zum Aus- oder Umbau der Netze. Und im Energiehandel kann KI helfen, Preissignale treffsicherer vorherzusagen, auch durch Analyse von Wetterdaten. Das passiert schon, da gibt es eine stetige Entwicklung.

Wie profitieren Verbraucher?

Verbraucher profitieren dann von KI, wenn Services im digitalen Raum durch sie besser werden, sich Abläufe beschleunigen. Wenn sie nicht mehr minutenlang in Warteschleifen stecken, sondern schnell eine Lösung für ihr Anliegen bekommen, zum Beispiel von Chat-Bots, die schon KI nutzen …

… und meist relativ standardisierte Antworten liefern.

KI kann immer nur so gut sein, wie die Daten, die für ihr Training zur Verfügung standen. Und da sind wir bei einem wichtigen Thema: Was für Daten sind das überhaupt, woher kommen die? Sind die sogar personenbezogen? Dann finde ich das nicht unkritisch, um es milde zu formulieren.

Philipp Richard
Philipp Richard arbeitet bei der Deutschen Energie-Agentur
als Teamleiter Energiesysteme und Digitalisierung. Foto: Dena
Was wünschen Sie sich?

Ich möchte wissen, woher die Daten stammen, mit der Unternehmen ihre KI trainieren. Da wünsche ich mir Transparenz. Verbraucher sollten wissen, dass auf vielen Geräten, die sie nutzen, Daten aufgezeichnet werden, die vielleicht Zwecken dienen, von denen sie nichts ahnen. Diese Datenherkunft ist ein großes Thema in Sachen KI, mit Blick auf Haftungsfragen, im Hinblick auf die Fairness gegenüber den Verbrauchern und den Wert der Daten, die sie bereitstellen. 

Die Energiebranche zählt zu den kritischen Infrastrukturen. Ist das klug, da Verantwortung an Maschinen zu delegieren?

Da muss man sicher immer genau hinschauen. Doch wenn wir davon ausgehen, dass wir die Klimaziele nur erreichen, wenn wir die Erneuerbaren global massiv ausbauen, dann haben wir es mit einer neuen Komplexität des Energiesystems zu tun. Um das dann zu steuern, braucht es vermutlich viele digitale Lösungen. Erachtet man das Energiesystem gleichzeitig als kritische Infrastruktur, muss die Branche Sicherheit neu buchstabieren.

Inwiefern?

Anlagen zur Energieerzeugung müssen künftig nicht nur physischen Angriffen standhalten können. Ihre Sicherheit muss sich in Zukunft auch im digitalen Raum beweisen. Und da muss die Energiewirtschaft meines Erachtens noch dazulernen. Sie muss Digitalisierung und IT-Sicherheit aktiv angehen. Aktiver als heute. Noch lehnen sich zu viele Unternehmen zurück.

Wie intelligent ist KI heute denn schon?

Aktuell unterscheiden wir noch starke und schwache KI. Schwach heißt: Die KI lernt aus Daten etwa Bilder zu erkennen. Das ist nach Ansicht mancher Experten keine KI, sondern algorithmisches Lernen und insofern nichts Neues. Tatsächlich basieren heute noch alle KI-Formen und -Einsatzfelder auf solchen schwachen Verfahren.

Und starke KI?

Von starken KI können wir dann sprechen, wenn wir Maschinen haben, die an unsere intellektuellen Fertigkeiten herankommen oder sie sogar übertreffen. So weit sind wir aber noch nicht. Trotzdem sollten wir uns heute schon Gedanken machen, wie wir mit einer solchen starken KI umgehen, auch wenn sie vielleicht erst in 20, 30 Jahren Wirklichkeit wird.

Worüber sollten wir nachdenken?

Welche Erwartungen wir an KI haben, was wir ihr erlauben wollen, welche Grenzen wir ihr geben. Das sind wichtige gesellschaftliche Fragen, deren Beantwortung wir nicht den großen, hier schon sehr aktiven Digitalfirmen überlassen sollten. Meines Erachtens sollten sich bei der Beantwortung dieser Fragen alle Menschen einmischen und teilhaben können.

Spielt diese Debatte in Ihrem Projekt EnerKI eine Rolle?

Wir wollen das Thema KI zunächst versachlichen. Also zeigen, was KI tatsächlich ist, welche Formen es gibt und acht bis zehn Anwendungsfelder in aller Tiefe analysieren. In dem Forschungsprojekt wollen wir untersuchen, was KI da bringt, ob sie hilft, die Transformation der Energiewirtschaft zu unterstützen, ob sie neue Geschäftsmodelle schafft und ob das, was für Unternehmen gut ist, auch der Energiewende dient und umgekehrt. Und selbstverständlich werden wir die Datendebatte weiterführen. Weil neue Geschäftsmodelle auf Basis einer Künstlichen Intelligenz immer zu einem Gutteil auf Daten gründen werden – und es da weit mehr offene Fragen als Antworten gibt.

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Interview: Thomas Wischniewski
Keywords:
Digitalisierung
Ressorts:
Technology

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