Digitalisierung
30.10.2018

Künstliche Intelligenz: Hoffnungsträger für die Energie­branche

Foto: Senvion
Senvion-Windkraftanlagen in der ­Nordsee: Die Rotorlager werden mithilfe künstlicher Intelligenz gewartet.

Selbstlernende Systeme sollen helfen, Kosten zu verringern und grünen Strom besser im Netz zu ver­teilen. Noch sind sie die Ausnahme – bald könnten sie die Regel sein.

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Dennoch wagen sich erst wenige Energie-Unternehmen an selbstlernende Systeme heran: Erst 23 Prozent der europäischen Energieversorger haben eine Strategie für den Einsatz künstlicher Intelligenz, obwohl 83 Prozent sich der Relevanz solcher Systeme durchaus bewusst sind. Zu diesen Ergebnis kommt die Beratungsfirma Roland Berger in einer Branchenumfrage. 40 Prozent gestehen sogar ein, noch nicht einmal ein grobes Konzept zu haben. Die Unternehmen seien „noch sehr vorsichtig und risikoscheu“, sagt Roland-Berger-Technologieexperte Torsten Henzelmann.

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Ähnlich ernüchternd sind Erkenntnisse der Unternehmensberatung Sopra Steria: Sie hat ermittelt, dass zwar die Hälfte der deutschen Energieunternehmen künftig Software zur vorausschauenden Analyse von Verbräuchen und Netzauslastungen einsetzen möchte (Predictive Analytics). Aber: Erst zehn Prozent tun es. Die größten Hemmnisse sind unausgereifte Technik und der schiere Mangel an Ideen für die Nutzung künstlicher Intelligenz.

"Wir sparen jeden Tag CO2 ein"

Noch bilden lernenden Maschinen in der Energieerzeugung eher die Ausnahme als die Regel. Dasselbe gilt für die Heizungs-, Lüftungs-und Klimatechnik. Doch die Resonanz auf KI-Systeme von Recogizer zeigt, dass sich dem 2014 gegründeten Start-up und dem Prinzip der vorausschauenden Gebäudesteuerung immer mehr Türen öffnen. Das „Energy Control“-System des Bonner Start-ups läuft bereits in Hotels, in Filialen einer Modehauskette und in der Zentrale eines großen Energiekonzerns. Erprobt wird es von einer Großmarktkette und in Werken zweier Industriekonzerne. Recogizer-Geschäftsführer Carsten Kreutze verrät die Namen seiner Kunden nicht – die Beziehungen seien noch zu frisch, um sie öffentlich zu machen. Über Wirkungen spricht er um so lieber: „Wir können den Energieverbrauch und die Kosten um 20 bis 30 Prozent senken. Wir sparen jeden Tag CO2 ein.“

KI im Gebäudesektor
Software des Bonner KI-Start-ups Recogizer visualisiert den „Lastgang“ der Heizungs-,
Lüftungs- und Klimatechnik in einer Gewerbeimmobilie. Foto: Christian Schaudwet
Dazu braucht das lernende System von Recogizer – ähnlich wie das bei Senvion eingesetzte – aktuelle Betriebsdaten. Zähler messen den Energieverbrauch, Sensoren registrieren  die Temperaturen und den Sauerstoffgehalt, erfassen das Kunden- oder Mitarbeiteraufkommen und die Belegung der Räume. Eine Kontrolleinheit übermittelt die Daten an Recogizers Server in einem Frankfurter Rechenzentrum. Hinzu kommen Prognosen von Wetterdiensten, insbesondere über Außentemperaturen und Bewölkungssituationen. Das Programm vergleicht die neuen Daten mit der ursprünglich erstellten Datenbasis und den seitdem hinzugewonnenen Informationen.

Virtuelle Zwillinge

„Aus all dem schaffen wir einen Digital Twin, ein virtuelles Abbild“, sagt Kreutze. In Bonn, von wo aus die Gebäudetechnik der Kunden zentral gesteuert wird, hat dieser Zwilling auf dem Computerbildschirm die Gestalt von Wellenlinien, die die Leistung der Anlagen abbilden. Er lernt automatisch dazu und entwickelt eine intelligente Regelstrategie. Nutzer können online permanent ablesen, wieviel Energie eingespart wird und in welchem Ausmaß CO2-Emissionen vermieden werden.

So abstrakt und futuristisch dieser Service auch anmutet – der Mannheimer Energieversorger MVV hält ihn für so handfest und nutzbringend, dass er sich mit 25 Prozent an dem derzeit 23 Mitarbeiter zählenden Unternehmen beteiligt hat. Das kommunale Unternehmen will Recogizers KI-Programm in eigene Dienstleistungen für mittelständische Gewerbekunden einfügen.

Möglichkeiten für Energieversorger

MVV und andere Versorger sehen in lernenden Maschinen eine neue Chance, in den lukrativen Markt des Gebäudemanagements zu expandieren. Dort ist das Volumen externer Dienstleistungen zwischen 2009 und 2017 in Deutschland von 43,6 Millionen Euro auf 53,4 Millionen Euro gestiegen. Doch die Facility-Management-Unternehmen leiden unter Personalmangel und versuchen, möglichst viele Tätigkeiten zu automatisieren. Das bietet Energieversorgern Einstiegsmöglichkeiten.

Gute Hausmeister zu finden, ist immer schwierig. Einen zu finden, der ein Gebäude so gut versteht, dass er dessen Energieverhalten für jede erdenkliche Wettersituationen vorausahnen kann, erst recht. Aber vielleicht ist die Suche in einigen Jahren nicht mehr notwendig – gut möglich, dass dann virtuelle Hausmeister mit seherischen Fähigkeiten in Tausenden von Gewerbeimmobilien die Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik steuern.

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Christian Schaudwet
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Keywords:
Digitalisierung
Ressorts:
Technology

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