Elektromobilität
24.10.2018

E-Tretroller: Lime und Tier Mobility bereiten Start in Deutschland vor

Foto: Lime
Nicht unumstritten: E-Tretroller des kalifornischen Anbieters Lime.

Tretroller-Start-ups sammeln Millionen ein und halten Einzug in die Großstädte der USA und Europas. In Deutschland kann sich das dafür fehlende Gesetz noch bis Mitte 2019 verzögern.

vorherige SeiteSeite 1Seite 2

Unter den Geldgebern der Start-ups sind die Technologieriesen und Großinvestoren aus dem Silicon Valley: Die Google-Mutter Alphabet und der Taxi-Konkurrent Uber beteiligten sich an Limes jüngster Investitionsrunde im Juli von 335 Millionen US-Dollar. Bird sammelte in zwei Runden insgesamt 415 Millionen Dollar ein, unter anderem vom Silicon-Valley-Fonds Sequoia Capital. Beide Unternehmen haben bereits „Einhorn“-Status erreicht.

Anzeige

So werden Start-ups mit einer Bewertung von mehr als eine Milliarde US-Dollar bezeichnet, bei Bird sind es inzwischen sogar zwei Milliarden. Das Geschäftsfeld scheint so lukrativ zu sein, dass Uber inzwischen einen eigenen Tretroller entwickelt – zusammen mit dem Leihrad-Anbieter Jump, den der Taxi-Schreck im April kaufte.

Anzeige

„Mehr als ein Hype“

Von einem Hype will Lime-Manager Götz dennoch nicht sprechen. „Wenn auf lokaler und globaler Ebene so ein großes Interesse herrscht, dann ist das mehr als nur ein Hype“, sagt er. Bei den Konsumenten scheinen die Scooter gut anzukommen. Götz beobachtet wachsendes Interesse und steigende Akzeptanz seitens der Kunden. In den USA, wo Lime bereits Anfang des Jahres startete, flache die Nutzer-Kurve nicht ab – im Gegenteil: „Am Anfang haben die Kunden die Scooter vielleicht aus Spaß ausprobiert, aber mittlerweile sind sie Teil ihres Alltags geworden“, sagt Götz. Ein großer Teil der Kunden nutze die Tretroller, um von Knotenpunkten des öffentlichen Nahverkehrs zu Bürokomplexen, Einkaufsmeilen und Restaurants zu kommen.

Tier-Mobility-Tretroller
Der Berliner Anbieter Tier Mobility startet jetzt mit einem
25-Millionen-Investment in Europa durch. Foto: Tier Mobility

Der Manager betont aber: „Wir wollen keine Konkurrenz zu öffentlichen Verkehrsmitteln sein, sondern komplementär.“ Die Nutzer sollten die Möglichkeit haben, mit den Rollern den kompletten Weg zum Arbeitsplatz oder Restaurant ohne Auto zurückzulegen. Im Idealfall meldeten sie ihr Privatauto eines Tages ab, hofft Götz.

Auch Tier-Mobility-Mitgründer Blessin berichtet von positiven Erfahrungen aus Wien. „Die Anmeldungen gleich am ersten Wochenende haben unsere Erwartungen übertroffen.“ Blessin glaubt, dass die Kick-Scooter für die Mobilitätswende noch wichtiger sind als die bisherigen E-Leihroller von Anbietern wie Coup oder Emmy. Diese hätten das Verhalten vieler Nutzer bereits „nachhaltig“ verändert. Die E-Floater könnten jedoch noch einfacher genutzt werden, weil für sie kein Führerschein nötig ist.

Dass Bird und Lime in Wien bereits angefangen haben, den Markt untereinander aufzuteilen, stört Blessin wenig: „Wir glauben, dass der Markt sehr groß ist und sich gerade erst öffnet.“ Manchmal sei es „gar nicht so schädlich, wenn jemand den Markt schon bereitet und den Nutzern eine neue Art der Fortbewegung erklärt hat“. Tier Mobility unterscheide sich von anderen Unternehmen in seiner Vorgehensweise. „Wir haben mehr Sensibilität und weniger Aggressivität im Umgang mit den Städten und Kommunen als beispielsweise amerikanische Firmen wie Uber“, sagt Blessin.

Obergrenzen für Roller festgelegt

Bereits mit dem jüngsten Leihrad-Boom in Großstädten kam so mancher Anbieter in Verruf, weil er die Innenstädte mit teils kaputten Drahteseln zustellte. Auch E-Tretroller-Anbieter pflasterten unangemeldet US-Städte mit den Vehikeln zu, die zum Teil die Gehwege blockierten. Sogar auf dem Pentagon-Gelände in Washington sorgten liegengelassene Gefährte für Wirbel.

Viele Städte haben als Reaktion auf die Schwemme Obergrenzen für die Zahl der Roller festgelegt. San Francisco beispielsweise ließ im August von zwölf Bewerbern nur die kleineren Anbieter Skip und Scoot zu, Lime und Bird gingen leer aus. Die Auserwählten dürfen in den ersten sechs Monaten jeweils maximal 625 Tretroller anbieten, danach ist eine Steigerung auf je 2.500 Stück möglich. Auch in Wien gelten strenge Regeln – so dürfen die Betreiber nur maximal 1.500 Scooter anbieten und müssen Strafen zahlen für Roller, die Wege versperren. 

Das Laden wird gecrowdscourct

„Als Unternehmen, das seinen Hauptsitz in San Francisco hat, möchte Lime der Gemeinschaft dienen, akzeptiert aber die Entscheidung der Stadt“, sagt Götz. In vielen Metropolen in den USA müssten die neuen Regularien für die E-Tretroller und Räder erst noch implementiert werden. Wo das noch nicht geschehen sei, arbeite Lime mit der Stadt daran, die rechtlichen Rahmenbedingungen für neue Mobilitätskonzepte zu erarbeiten.

Grundsätzlich haben die Anbieter offenbar verstanden: Sowohl Lime und Bird als auch Tier sammeln die Rollbretter, deren Reichweite zwischen 25 und 40 Kilometer liegt, abends ein, laden sie auf und verteilen sie morgens wieder in der Stadt. „Bei wachsender Flotte ist das ein extremer operativer Aufwand“, sagt Götze. Als Lösung hat sich das Unternehmen das „Juicer“-Programm erdacht, um das Laden zu „crowdsourcen“.

Fester Bestandteil des Geschäftsmodells

Soll heißen: Kunden oder andere Freiwillige, die sich registrieren, übernehmen das Laden für Lime und werden dafür bezahlt. Sie sammeln Stehroller mit niedrigem Batteriestand in ihrer Nachbarschaft ein und laden sie zuhause mit Ladegeräten auf, die ihnen Lime zuschickt. Am nächsten Tag verteilen sie die Kick-Scooter wieder auf den Straßen. Je nach Stadt und Standort erhalten sie dafür eine Vergütung von fünf bis zehn Euro pro Fahrzeug.

„Das Programm hat sich als gutes Mittel herausgestellt, um auch größere Flotte in Städten vernünftig zu managen und sicherzugehen, dass die Scooter frisch aufgeladen am richtigen Ort stehen“, sagt Götz. Juicer werde sehr gut angenommen und sei bereits fester Bestandteil des Geschäftsmodells.

Wartung frisst CO2-Einspareffekt auf

Er hebt auch den Umweltaspekt hervor: Denn normalerweise kommen Lieferwagen mit Verbrennungsmotor zum Einsatz, um Tretroller oder andere Sharing-Zweiräder einzusammeln, zu laden und zu warten und wieder zu verteilen. Um bei seinen E-Leihrädern, deren Batterien regelmäßig ausgetauscht werden müssen, zusätzliche Emissionen zu vermeiden, hat Lime bereits auf Lastenräder umgestellt. Mit ihnen werden die Batterien verteilt.

Tier arbeitet beim Einsammeln, laden und Warten in Wien derzeit noch mit einem lokalen Logistikpartner zusammen. Blessin zufolge testet es aber ebenfalls, wie sich die Nutzer an manchen Standorten beim Laden einbeziehen lassen.

Lesen Sie auch: E-Roller-Sharing: Experiment in der Provinz

Jutta Maier
vorherige SeiteSeite 1Seite 2
Keywords:
Elektromobilität | E-Tretroller | Tier Mobility | Lime | Bird
Ressorts:
Governance | Technology | Markets

Kommentare

Keiner denkt darüber nach, dass man auch mit einem einfachen Roller - ohne E-Antrieb - durchaus seine Bahn oder Bus erreichen kann. Und DAS ist umweltfreundlich! Diese "Elektrofahrzeuge" sind alles andere als umweltfreundlich. Wer die ganze Entwicklungskette kennt, weiß das. Ich habe auch keine Lust, von pubertierenden Späthippies mit Pferdeschwanz und Trottelbrille über den Haufen gefahren zu werden (Berlin-Mitte). Ja, tatsächlich, ich laufe tatsächlich noch zu Fuß über den Bürgersteig!Ich hoffe, dass die neue, harte STVZO kommt, denn sie hat durchaus Sinn.

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen