Elektromobilität
05.09.2018

Lithium in Europa: die Wette auf den Schatz im Berg

Foto: European Lithium
Geologen von European Lithium im Bergwerk Wolfsberg in Österreich. Dort soll im Jahr 2020 die Förderung beginnen.

Mindestens vier europäische Batteriezellenwerke werden entstehen. Auch die Suche nach dem Batterierohstoff Lithium ist im Gange. Aber haben Minen in Sachsen und Kärnten eine Chance gegen die Konkurrenz aus Südamerika?

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Verlassen steht er da, der „Sächsische Reiter“. Schiefer bröselt vom Dach, Farbe blättert von den Mauern, hinter den Fenstern türmt sich Gerümpel. Als Johann Wolfgang von Goethe in dem Gasthaus übernachtete, dürfte es einladender gewirkt haben. Der Dichter und Universalgelehrte weilte im Sommer 1813 hier. Angelockt von den Bodenschätzen des Erzgebirges betrieb er geologische Studien in der nahen Mine von Zinnwald. Deren Einfahrtshaus schmiegt sich noch immer an den Hang unterhalb des Dorfes. Doch heute holt niemand mehr Zinn- und Wolframerz aus dem Berg. Stattdessen lassen sich Touristen in gelben Regenmänteln durch die feuchtkalten Stollen führen.

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Seit Kurzem wird aber wieder gebohrt im Besucherbergwerk „Vereinigt Zwitterfeld zu Zinnwald“. Gesteinsproben werden genommen, Gutachten für Investoren verfasst. Der promovierte Chemiker Armin Müller hat Daten aus insgesamt 15.000 Metern Bohrkernmaterial in Archiven und aus 23 frischen Bohrungen analysiert.

Größtes europäisches Lithium-Vorkommen

Müller ist überzeugt davon, dass unter Zinnwald und dem tschechischen Nachbarort Cinovec die größten europäischen Vorkommen jenes Stoffes schlummern, nach dem die Welt zu gieren scheint: Lithium – Energieträger des mobilen, digitalen Lebensstils, wichtigster Bestandteil moderner Lithium-Ionen-Akkus in E-Autos, E-Bikes, Drohnen, Smartphones, Elektrowerkzeugen und vielen anderen batteriebetriebenen Geräten. Wird die explodierende Nachfrage nach dem Leichtmetall eine Renaissance des Bergbaus im Erzgebirge auslösen?

Ja – wenn es nach Müller geht, der das Unternehmen Deutsche Lithium im sächsischen Freiberg leitet. Der frühere Bayer-Manager will unter der historischen Mine von Zinnwald ein hochmodernes Bergwerk anlegen und ab 2021 Lithium-Glimmer fördern. Das Fachleuten auch als Zinnwaldit bekannte Mineral birgt den begehrten Batterie-Rohstoff: „Wir werden für europäische Abnehmer sehr wettbewerbsfähig produzieren“, sagt der 56-Jährige. Aber auch für die Welt: „Wir können ebenso gut in den globalen Vertrieb gehen.“ Seinen Daten zufolge liegen unter Zinnwald und Cinovec rund 300.000 Tonnen Lithiummetall, ein Drittel davon auf der deutschen Seite.

Projekte von Finnland bis Portugal

Bisher wird Lithium vor allem in Südamerika, Australien und China abgebaut. Riesige Vorkommen liegen in der chilenischen Atacama-Wüste und der Salzpfanne Salar de Olaroz in Argentinien. Aus solchen oberirdischen Lagerstätten versorgen sich führende Batteriezellenproduzenten wie Panasonic in Japan, LG Chem in Südkorea und CATL in China. Die steigende Nachfrage macht für so manchen Investor inzwischen aber auch eine teurere Unter-Tage-Förderung in Europa attraktiv. Der Lithiumpreis hat sich seit 2015 fast verdreifacht, wie Statistiken des Londoner Marktforschungsunternehmens Benchmark Mineral Intelligence zeigen. Geldgeber wetten auf weitere Preisrallys und treiben Minenprojekte von Finnland bis Portugal voran. (Lesen Sie auch: „Der Markt geht durch die Decke“ – Lieferengpässe bei Batteriezellen)

Bohrarbeiten der Deutschen Lithium im bei Zinnwald im sächsischen Erzgebirge. Foto: Deutsche Lithium

 

Im Vergleich zu den südamerikanischen Vorkommen werden die europäischen Projekte zwar winzig und wesentlich riskanter sein, doch der Wettlauf in den Berg hat begonnen. Jeder will rasch liefern, denn alle wissen: Das Zeitfenster der hohen Preise wird sich schließen, sobald die emsig forschenden Institute und die Entwicklungsabteilungen der Industrie leistungsfähigere und umweltfreundlichere Batterietypen zur Marktreife gebracht haben. Bis dahin gilt es zu graben, was das Zeug hält. Im Rennen sind kleine, mehr oder weniger gut kapitalisierte Projektgesellschaften, die vorwiegend aus Australien stammen. Aber auch der globale Rohstoffriese Rio Tinto ist mit einem Minenvorhaben in Serbien angetreten, das Zinnwald und Cinovec an Lithium-Ausbeute noch übertreffen könnte. (Lesen Sie auch: Studie – Lithium und Kobalt könnten knapp werden)

Den Deutsche-Lithium-Chef Müller machen solche Wettbewerber nicht bange – vor allem dann nicht, wenn die EU-unterstützten Pläne für eine europäische Batteriezellenfertigung Wirklichkeit werden: Northvolt, gegründet von zwei früheren Tesla-Managern, errichtet eine solche Fabrik im schwedischen Skellefteå und erhält dafür einen 50-Millionen-Euro-Kredit der Europäischen Investitionsbank. Das deutsche Konsortium TerraE sammelt Investorengeld für ein Zellenwerk. CATL will eine Fabrik in Thüringen bauen, LG Chem noch in diesem Jahr im polnischen Breslau mit der Produktion beginnen. Samsung SDI plant ein Werk in Ungarn, und Tesla sondiert Standorte in Deutschland und den Niederlanden.

2,5 Kilometer lange Schrägrampe

Bis der Fels unter Zinnwald das Lithium für solche Abnehmer freigibt, liegt noch viel Arbeit vor Armin Müller und seinem derzeit sechsköpfigen Team. Gerade fertigen sie gemeinsam mit der börsennotierten Muttergesellschaft Bacanora Minerals aus Kanada eine „bankfähige Machbarkeitsstudie“ an, die bis März 2019 fertig werden soll. Wenn alle bergrechtlichen Genehmigungen vorliegen, will die Deutsche Lithium vom nahen Altenberg aus eine Schrägrampe 2,5 Kilometer weit unter den Ort treiben. In 250 Meter Tiefe sollen Stollensysteme ins Gestein gesprengt werden, aus denen Radlader das lithiumhaltige Material holen. Per Förderband oder Lkw soll es an die Oberfläche gelangen, in einer Anlage in Altenberg aufbereitet und schließlich auf dem Gelände des BASF-Standorts Schwarzheide in der Lausitz von der Deutschen Lithium zu marktfähigen Verbindungen verarbeitet werden. Dabei schaffe man im Erzgebirge 150 Arbeitsplätze, sagt Müller.

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Keywords:
Lithium | Batteriefabrik | Elektromobilität
Ressorts:
Markets

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