Mobilität in Städten
25.09.2018

Logistik-Studie: Bürger wollen Liefer-Kooperativen

Foto: iStock
Der Online-Handel wächst, mehr Lieferverkehr in den Städten ist die Folge.

Höhere Steuern für unkooperative Lieferdienste und Anreize für Bürger, die gebündelt Pakete bestellen und abholen: Das ist das bevorzugte Szenario einer Befragung zur Zukunft der Stadtlogistik.

An Studien darüber, wie die Logistik der Zukunft aussehen könnte, herrscht eigentlich kein Mangel. In regelmäßigen Abständen präsentieren Autohersteller und Beratungsfirmen Ideen, die verhindern sollen, dass die wachsenden Städte unter dem extrem zunehmenden Lieferverkehr kollabieren. An der Logistik-Studie „What Cities want“ des Marktforschungsinstituts Kantar, im Auftrag der Lkw-Hersteller Man und Volkswagen Nutzfahrzeuge, waren hingegen auch Bürger und kommunale Entscheider beteiligt. Man und VW stellten die Studie auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover vor.

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Konkret arbeiteten zunächst 30 Teilnehmer – Bürger, politische Entscheider und Experten – in Workshops vier Szenarien aus. Diese wurden von rund 1.800 Bürgern und 175 Bürgermeistern bewertet. Das Ergebnis: Die Bürger entschieden sich knapp und die Bürgermeister deutlich für eine „Logistik-Kooperative“. Den Städten kommt dabei die Rolle zu, die urbane Logistik durch gesetzliche Rahmenbedingungen in die gewünschte Richtung zu lenken. Außerdem gibt es keine Fahrverbote in den Innenstädten, und die favorisierte Lösung ist kaum technisiert – im Gegensatz zu anderen Szenarien, in denen etwa der Personen- und Güterverkehr in unterirdische Tunnelsysteme verlegt wird.

Strafen für geringe Auslastung

In Rahmen der gewählten Lösung animieren beispielsweise Städte die Paketdienste dazu, freiwillig miteinander zu kooperieren. Dienstleister, die das nicht oder noch nicht wollen, müssen Gebühren für die Stadt- oder Straßennutzung zahlen. Oder auch Strafen, wenn sie mit geringer Auslastung fahren. Die teilnehmenden Paketdienstleister benötigen hingegen weniger Fahrer und müssen keinen eigenen Fuhrpark betreiben. Stattdessen gründet die Kommune eine Stadtlogistik-Zentrale, in der sich die Paketdienstleister als Kooperative zusammenschließen können.

Die Fahrzeuge dieser Kooperative liefern an Mini-Auslieferzentren in den Stadtteilen aus – zum Beispiel Räume von Einzelhändlern, leerstehende Gebäude oder Container, die in Parkhäusern untergebracht sind. Von dort aus werden die Bestellungen per E-Bikes zu den Empfängern gebracht, oder diese holen sie selbst ab.

Anreize für Bürger

Die Bürger werden über Belohnungen dazu animiert, ebenfalls zu kooperien und Bestellungen gemeinsam aufzugeben und gebündelt abzuholen. Dazu erlauben sie, dass ihre Daten bei einem Online-Einkauf an die Stadtlogistik-Zentrale weitergegeben werden. Diese organisiert dann die Sammelzustellung in ein Haus, einen Block oder an eine ganze Straße. Die Stadt schafft dazu einen Anreiz, indem sie Steuern rückerstattet, je mehr gesammelt bestellt wird.

An den Häusern werden Paketkästen angebracht – als  Alternative können Bewohner, die den ganzen Tag erreichbar sind, eine private Annahmestelle betreiben. Die jeweiligen Empfänger autorisieren sie dazu.

Großer Verbesserungsbedarf im Zustellverkehr

Die größte Zustimmung fand dieses Szenario in Städten mit bis zu 500.000 Einwohnern, sowie in der Altersklasse über 50 Jahren. In größeren Städten wurde bezweifelt, dass das Prinzip der Freiwilligkeit und Gemeinschaft tragfähig ist, außerdem waren die unter 40-Jährigen weniger bereit, ihre Freiheit beim Online-Kauf durchs Abstimmen mit anderen einzuschränken. 

Dass es bei der Effizienz im Zustellverkehr noch großen Verbesserungsbedarf gibt, zeigen Untersuchungen der Beratungsfirma Frost & Sullivan: Demnach fahren Logistikfahrzeuge in bis zu 27 Prozent der Einsätze leer durch die Gegend, die volle Kapazität wird nur bei rund 54 Prozent ausgenutzt.

Praxisnähe entscheidet

Radikaler als der Favorit waren die drei weiteren Szenarien der Studie: In einem Fall ersetzen die Städte die private Paketzustellung durch einen kommunalen Logistikservice, der damit zur öffentlichen Dienstleistung wird. In einem anderen Szenario bieten sich die Städte als Innovationslabor an und laden Partner aus Industrie und Digitalwirtschaft ein, neue Konzepte auszutesten – zum Beispiel Pakete im ÖPNV zu transportieren. Am weitesten geht das letzte Szenario: Darin werden Waren- und Personenströme komplett unter die Erde verlagert, wozu das bestehende U-Bahn-System ausgebaut werden muss. Diese Idee fand in der Befragung die geringste Zustimmung. 

Weniger spektakulär, dafür praxisnah ist das Projekt „Urbane Logistik“, das VW zum Jahreswechsel in Hannover gestartet hat: In Kooperation mit der Stadt, dem Energieversorger Enercity sowie drei Universitäten wurden Pilotquartiere benannt, in denen nun neue Konzepte zum Wirtschaftsverkehr erprobt werden. Sie überschneiden ich zum Teil mit Ideen aus der Studie – Elektrofahrzeuge und Ladeinfrastruktur spielen dabei eine zentrale Rolle.

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Jutta Maier
Keywords:
Mobilität | Logistik
Ressorts:
Governance

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