Interview
26.04.2016

"Mehr Frauen in den Chefetagen"

foto: RNE

Der Girls' Day soll Mädchen für Technik und Naturwissenschaften begeistern. Gasag-Chefin Vera Gäde-Butzlaff glaubt: Der Umgang mit technischen Geräten wie PCs und Smartphones gehört für Frauen mittlerweile zum Alltag. Ein Interview über Digitalisierung, Frauen in den Chefetagen, Gaspreise und die Wärmewende im Heizungskeller.

 

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bizz energy: Ihre Branche muss die Herausforderung der Digitalisierung meistern. Wo stehen Sie da?

 

Vera Gäde-Butzlaff: Auf halber Strecke. Prinzipiell unterscheiden wir zwei Arten der Digitalisierung. Bei der horizontalen Digitalisierung stellen wir bereits vorhandene Produkte um, zum Beispiel indem Kunden ihren Zählerstand im Internet eingeben können. Außerdem entwickeln wir ganz neue Produkte wie virtuelle Kraftwerke. Das nennen wir vertikale Digitalisierung. Auf diesen Markt strömen auch branchenfremde Akteure, unsere Wettbewerber werden künftig auch Google und andere Newcomer sein. Das wird uns herausfordern, aber niemand versteht von Energie mehr als die Energiebranche.

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Welche Konsequenzen folgen daraus?

 

Die konventionellen Versorger haben nur eine Chance, wenn sie sich umstellen – und zwar schnell. Damit meine ich nicht die technologische Umstellung. Die bereitet uns keine Sorgen. Aber wir müssen unsere Organisation so aufstellen, dass wir Kundenbedürfnisse schnell genug erkennen und quasi sofort darauf reagieren. Dazu muss die Branche eine neue Fehlerkultur entwickeln. Das heißt: Auch mal Dinge ausprobieren, die wir bisher nur zu 80 Prozent ergründet haben. Und wir müssen schneller und partnerfähiger werden. Sonst werden wir unsere Marktmacht irgendwann an neue Akteure verlieren, die das alles besser können. 

 

Steht der Energiewirtschaft ein Kulturschock bevor?

 

Den hat sie schon. Bisher wird er noch dadurch abgefedert, dass das alte Geschäft noch Ergebnisse bringt. Die Branche sieht zwar viele Entwicklungen klar voraus, versagt aber kläglich dabei, vernünftig und aktiv zu reagieren, bevor diese Prognosen tatsächlich eintreten.

 

Macht dieser Umbruch die Energiewirtschaft weiblicher?

 

Die gesamte gesellschaftliche Entwicklung wird dazu führen, dass wir mehr Frauen in den Chefetagen sehen. Das unterscheidet die Energiewirtschaft nicht von anderen Branchen. Gut ausgebildete jungen Frauen wollen heute beides: Karriere und Kinder. Und das Schöne ist: Auch die Männer wehren sich gegen die klassische Rollenverteilung. Sie wollen ihre Kinder aufwachsen sehen und nicht den ganzen Tag außer Haus sein. Dabei spielt uns auch die Digitalisierung in die Hände. Der Umgang mit technischen Geräten wie PCs und Smartphones gehört zum Alltag und birgt die  Chance zur Flexibilisierung – insbesondere für Frauen in Führungspositionen. Deshalb studieren auch immer mehr Mädchen naturwissenschaftliche Fächer. 

 

Jetzt zu Ihrem Kerngeschäft. Wird der Gaspreis steigen oder weiter fallen?

 

Wir gehen davon aus, dass er wieder steigt. Die aktuell niedrigen Preise sind unter anderem auf den warmen Winter zurückzuführen. Allerdings sind die Weltmarktpreise nicht alleine ausschlaggebend für den Endkundenpreis. Versorgungssicherheit ist bei einem Grundversorger ein wesentlicher Aspekt der Einkaufsstrategie. Dazu werden Erdgaskontingente teilweise schon Jahre im Voraus eingekauft. Neben den Einkaufskosten setzt sich der Preis auch aus den Netzentgelten sowie den Steuern und Abgaben auf Erdgas zusammen. Damit schrumpft der für die Energieversorger beeinflussbare Teil des Gaspreises auf nur noch etwa die Hälfte des Endkundenpreises.

 

Wie wirkt das Pariser Klimaabkommen auf den Gaspreis?

 

Das Abkommen ist eine große Chance für unsere Branche. Gas ist nun mal die emissionsärmste fossile Energie und wird im Übergang in eine Welt mit überwiegend Erneuerbaren an Bedeutung gewinnen. Erneuerbare können über Power-to-Gas zur Speicherung in das Gasnetz eingespeist werden. Das wird ein großes Geschäftsfeld – spätestens wenn die Kohle- und Kernkraftwerke tatsächlich abgeschaltet oder wirtschaftlich uninteressant sind.

 

Werden wir in Deutschland eine Wärmewende erleben?

 

Dazu muss die Bundesregierung umdenken. Sie begreift die Energiewende bisher zu sehr als Stromwende. Dadurch vernachlässigt sie den Wärmemarkt und damit das Potenzial von Erdgas. In Berlin stehen beispielsweise noch 70.000 klimaschädliche Ölheizungen in den Kellern. Würde man diese durch Erdgasheizungen austauschen, könnten jährlich rund 800.000 Tonnen CO2 eingespart werden. Bei dem aktuell niedrigen Ölpreis und ohne Förderprogramme werden Hausbesitzer diese nicht ohne Weiteres durch klimafreundlichere Gasheizungen ersetzen – obwohl solch eine Heizungsmodernisierung sinnvoller ist als etwa das Dämmen der Hauswand. 

 

Was haben Sie gegen Gebäudedämmung?

 

Fassadendämmung ist ganz einfach die teuerste Art, CO2 zu sparen. Bevor man daran denkt, sollte man erst einmal alle anderen, wesentlich günstigeren Optionen ziehen, schon aus sozialen Gründen. Und jeder, der schon einmal in einem Berliner Altbau gewohnt hat, weiß: Überall zieht es ein bisschen, die Luft zirkuliert. Wenn die Wände ganz abgeriegelt sind und die Menschen nicht genug lüften, fängt die Wohnung an zu schimmeln. Nun will ich nicht alle Dämmungen verteufeln, aber wenn wir über CO2-Minderung nachdenken, steht Dämmen eben nicht an erster Stelle.

 

Wie könnte die Bundesregierung eine Wärmewende in den Heizungskellern anschieben?

 

Wir fordern von der Politik zusätzliche Anreize in Form von Kaufprämien oder Steuernachlässen, um Hausbesitzern eine Motivation für den Austausch von Ölheizungen zu geben. Bisher kommen wir vor allem in Ballungsräumen mit einem Vermietermarkt nicht voran. Das liegt am historisch niedrigen Ölpreis und daran, dass die Möglichkeiten zur Mieterhöhung nach einer energetischen Modernisierung massiv eingeschränkt sind. Aber anders als im Strombereich brauchen wir bei der Wärme keine enormen Subventionen, sondern nur einen intelligenten Anstoß für bewährte Techniken, die sich früher oder später rechnen.

 

Vera Gäde-Butzlaff führt seit März 2015 das Berliner Energieunternehmen Gasag. Zuvor war sie sieben Jahre lang Chefin der landeseigenen Berliner Stadtreinigung. Die Mutter einer Tochter wurde 1954 in Bad Gandersheim in Niedersachsen geboren. Ihre Karriere startete die Juristin am Berliner Verwaltungsgericht. Anschließend war sie u.a. Umwelt-Staatssekretärin der SPD-Landesregierung Sachsen-Anhalt.  

 

 

Interview: Jana Kugoth
und Joachim Müller-Soares
Keywords:
Gäde-Butzlaff | Gasag | Berlin | Digitalisierung | Frauen | Gaspreis | Wärmewende | Sanierung
Ressorts:
Markets

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