Elektromobilität
05.07.2018

Mehr Ladesäulen: Siemens warnt vor Stromausfall in der Stadt

Foto: Maven Drive
Für die General-Motors-Tochter Maven soll in den USA ein eigenes Ladesäulennetz entstehen. Experten warnen vor einem unkontrollierten Ausbau der Ladeinfrastruktur in den Großstädten der Welt. Das Foto zeigt ein Maven-Elektroauto in Austin, Texas.

Ein schlecht gesteuerter Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Autos könnte die Stromnetze in Städten überlasten. Nach Ansicht des Siemens-Konzerns vor allem dann, wenn große Flottenbetreiber im Alleingang vorpreschen.

Mit dem Einzug der Elektromobilität wächst der Stromhunger der Städte. Der Siemens-Konzern warnt, viele Kommunen setzten beim Ausbau der Ladeinfrastruktur die Sicherheit ihrer Stromversorgung auf Spiel: „Es gibt kein koordiniertes Vorgehen“, sagt Martin Powell, der Leiter der Abteilung für Stadtentwicklung von Siemens im Gespräch mit dem Magazin bizz energy. „Niemand durchdenkt die Integration der Elektromobilität in den Städten genau genug.“

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Probleme drohen nach seiner Einschätzung vor allem dann, wenn große Mobilitäts- oder Logistikunternehmen Ladeinfrastrukturen in Eigenregie aufbauen und betreiben: „Dann haben Sie hier Ladestationen von diesem Paketlieferdienst, dort welche von jenem Autohersteller und wieder andere von einem Fahrdienst wie Uber oder Lyft“, schildert Powell das Negativszenario. „Es entsteht das Risiko, dass das Stromnetz nicht robust auf Belastungen reagieren kann und zusammenbricht“, warnt der Siemens-Experte für urbane Entwicklung und Infrastruktur.

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Uber will eigene Schnellladesäulen

Stellenweise preschen solche Mobilitätsdienstleister bereits vor: In London installiert der Fahrdienst Uber ein Schnelladesäulennetz unter eigener Marke. Der Ladedienstleister EVgo will Säulen in Los Angeles, San Francisco, San Diego und Boston aufstellen, die exklusiv dem Programm „Maven“ von General Motors (GM) vorbehalten sein werden. Maven stellt Fahrdiensten wie Uber und Lyft elektrische Mietfahrzeuge von GM-Pkw-Marken zur Verfügung.

Auch in Deutschland ergreifen Flottenbetreiber die Initiative: Der Paketlieferdienst DHL etwa lässt sich von der RWE-Tochter Innogy mit Ladesäulen für seine E-Fahrzeuge der Marke Streetscooter ausrüsten. Der DHL-Konkurrent Hermes hat bei Mercedes 1500 Elektro-Transporter bestellt – die Ladeinfrastruktur will der Autohersteller gleich mitliefern.

Kampf gegen Luftverschmutzung

Angesichts dieses Trends steigt nach Powells Worten der Beratungsbedarf der Städte. Viele Stadtverwaltungen sähen in Elektroautos ein Instrument, um die urbane Luftverschmutzung unter Kontrolle zu bringen, sagt der Siemens-Manager. Doch damit dies geordnet und ohne Risiken fürs Netz geschehen könne, bräuchten sie einen „Energie-Masterplan, der die Zukunft der integrierten Elektromobilität widerspiegelt“.

Nachdem der Ausbau der Ladeinfrastruktur lange stockte, zieht das Tempo inzwischen an. Beinah im Wochentakt geben Kommunen oder Unternehmen neue Projekte bekannt. Mitte Juni etwa erhielt der bayerische Ladedienstleister ChargeIT den Zuschlag für die Einrichtung von 220 Ladepunkten in den Tiefgaragen eines Regensburger Stadtquartiers.

Wie viele Ladestationen gibt es?

Wie viele Ladestationen es in Deutschland gibt und wie schnell ihre Zahl steigt, ist unklar. Die Statistiken sind lückenhaft: Der Bundesnetzagentur ist die Anzahl privater Ladestationen nicht bekannt. Eine gesetzliche Meldepflicht besteht nur für öffentlich zugängliche Geräte, und das erst seit März 2016. Von diesen waren bei der Bonner Behörde Anfang Juni 5.011 Stück mit insgesamt etwa doppelt so vielen Ladepunkten registriert.

Tatsächlich sind es wohl mehr: Ende 2017 gab es nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) 12.500 Ladepunkte. Das Fachportal „Going Electric“ beziffert die deutsche Ladeinfrastruktur derzeit gar auf 12.265 Stromtankstellen mit insgesamt 35.499 Ladepunkten. Der Going-Electric-Statistik zufolge stieg die Zahl der Stromtankstellen zwischen Mitte 2014 und Mitte 2018 um rund 350 Prozent.

Studie: Netz schon bald überlastet

Der zügigere Ausbau ist im Sinne der Bundesregierung: Getrieben von der Diesel-Debatte und drohenden Fahrverboten drängt sie zur Eile und öffnet ihre Fördertöpfe: Im Rahmen des „Sofortprogramms saubere Luft“ will sie bis 2020 knapp 393 Millionen Euro in den Aufbau von Ladeninfrastruktur und in Projekte zur Elektrifizierung des Stadtverkehrs stecken. Die jüngsten Förderbescheide über 50 Millionen Euro übergab Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer Ende Juni verschiedenen Kommunen. Neben 650 Elektroautos sollen mit dem Geld 435 neue Ladepunkte finanziert werden.

Manche Stromnetz-Manager verfolgen die neue Dynamik mit Sorge. Einer Studie zufolge droht schon bald eine Netzüberlastung, wenn die Zahl der Ladeplätze rasch weitersteigt: Die Unternehmensberatung Oliver Wyman rechnet damit, dass in fünf bis zehn Jahren in Stadtrandlagen immer wieder der Strom ausfällt, weil E-Auto-Ladevorgänge das Niederspannungsnetz zu sehr strapazieren. Ab 2032 drohe diese Gefahr dann flächendeckend. Ein E-Auto-Anteil von 30 Prozent werde die deutschen Netze überfordern, warnen die Berater. Um den urbanen Blackout zu verhindern müssten nun entweder die Netze deutlich ausgebaut werden oder die Ladevorgänge flexibilisiert und aufeinander abgestimmt werden.

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Christian Schaudwet
Keywords:
Elektromobilität | Ladesäulen | Stromnetz | Ladeinfrastruktur
Ressorts:
Technology | Markets

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