Diesen Freitag will die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg wieder zu den Fridays-for-Future-Protesten nach Berlin kommen. Möglicherweise sorgt ihre Präsenz auch dafür, dass sich wechselwillige Stromkunden für einen Ökotarif entscheiden.

Aber der Reihe nach: Das Vergleichsportal Verivox stellt seit Anfang 2019 eine Trendwende beim Interesse der Verbraucher für Ökostrom fest. Seit 2012 sei dieses kontinuierlich gesunken, konstatierte Verivox kürzlich. Entsprechend hätten sich im letzten Monat, im Juni 2018, nur noch ein Drittel (33 Prozent) der auf Verivox wechselnden Verbraucher für einen Ökostromtarif entschieden. Im Juni 2019 nun, also ein Jahr später, sei dieser Anteil auf bereits mehr als die Hälfte (58 Prozent) gestiegen.

Verivox fragt in dem Zusammenhang, ob diese Trendwende an einem „Greta-Effekt“ liege. Schließlich sei der Klimawandel und seine Folgen dank Greta Thunberg gerade in aller Munde – und Ökostrom rücke verstärkt in den Fokus der Verbraucher.

Umfrage bestätigt wachsenden Kundenzuspruch

Wie groß die Zahl derjenigen ist, die in einen Ökotarif wechseln, ist aber nicht ganz klar. Nach vorliegenden Angaben wechseln jährlich etwas mehr als sechs Millionen Verbraucher ihren Stromanbieter. Fast zwei Drittel davon tun das über Vergleichsportale wie Verivox oder Check 24. Wie groß davon wiederum der Marktanteil von Verivox ist, dazu macht das Portal selbst keine Angaben. Was die Trendwende also wirklich in konkreten Kundenzahlen wert ist, bleibt fraglich.

Eine Umfrage unter den vier großen Ökostromanbietern EWS Schönau, Naturstrom, Greenpeace Energy und Lichtblick bestätigt zumindest den wachsenden Kundenzuspruch. Allerdings datieren diese den Beginn der Trendwende weit eher: auf dem Hitzesommer 2018.

Mehr Kunden bei EWS und Naturstrom

„Die Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst, die wenig zufriedenstellende Arbeit der Kohlekommission und nicht zuletzt die verheerende Sommerdürre haben viele Menschen bewogen, zu einem ökologischen Stromanbieter zu wechseln“, fassten beispielsweise die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) kürzlich das Geschäftsjahr 2018 zusammen.

2017 und 2018 habe EWS jeweils knapp 11.000 Kunden gewinnen können, ergänzt Sprecherin Petra Völzing. Zum Jahreswechsel 2019 sei dann die 200.000er-Marke bei den Kunden überschritten worden.

Proteste im Hambacher Wald als Wechselgrund

Seit den Protesten im Hambacher Wald im letzten Herbst verzeichnet auch Naturstrom steigende Kundenzahlen. Dies zeige, dass sich in der Gesellschaft „etwas gedreht hat“, sagt Naturstrom-Vorstand Oliver Hummel. „Das Bewusstsein wächst, dass wir beim Klimaschutz langsam ernst machen müssen, bevor es zu spät ist.“

Konkret lagen bei Naturstrom im ersten Halbjahr 2019 die Vertragseingänge um ein Drittel über denen des Vorjahreszeitraums, teilt das Unternehmen mit. Jede Woche gebe es „Vertragseingänge im mittleren bis hohen dreistelligen Bereich“.


Ein weiterer Ökostromanbieter verbindet das gewachsene Interesse mit den Protesten gegen das Abholzen des Hambacher Forstes im letzten Herbst: „Seitdem haben wir eigentlich keine Delle mehr bei der Kundennachfrage gehabt“, erklärt Michael Friedrich von Greenpeace Energy.

„Auch wegen des Hitzesommers 2018 fragen sich die Leute stärker, was sie selbst im eigenen Land gegen den Klimawandel tun können – und wechseln zu Ökostrom.“ In diesem Jahr, so Friedrich, seien die Erwartungen des Unternehmens ebenfalls schon deutlich übertroffen worden.

Beim größten Ökostromanbieter Lichtblick lag die Kundenzahl laut den Angaben in den letzten Jahren ziemlich stabil um 530.000 – seit Jahresanfang sei sie auf knapp 550.000 gestiegen. Ziel sei es, in Zukunft eine Million Verbraucher mit Lichtblick-Strom zu versorgen.

Niedrige Preise bei Ökotarifen

Dass sich Verbraucher öfter für Ökostrom entscheiden, hat aber offenbar nicht nur mit dem Klimabewusstsein zu tun: Michael Friedrich von Greenpeace Energy erklärt das auch damit, dass inzwischen die Preise selbst hochwertiger Ökotarife in der Regel unter denen des jeweiligen regionalen Grundversorgers liegen. Wer von diesem zu einem Ökoanbieter wechsele, könne bares Geld sparen.

Auch Verivox wirbt damit, dass sich mit einem Wechsel vom jeweiligen Grundversorger zu einem Ökotarif mit empfehlenswerten Bedingungen und Gütesiegel kräftig sparen lässt. Ein Vier-Personen-Haushalt könne so seine jährliche Stromrechnung zurzeit um 194 Euro senken, gibt das Portal an.

CO2-Abgabe könnte Preistrend verstärken

Selbst wenn die Kunden nicht bei den meist teureren Grundversorgern sind, würden sie zu Ökotarifen wechseln: „Gerade weil der Preisunterschied zwischen den günstigsten Anbietern und den günstigsten Ökostromanbietern nicht allzu groß ist, steigt jetzt der Ökostromanteil wieder“, meint Verivox-Energieexperte Valerian Vogel. „Wer zu einem günstigeren Stromanbieter wechseln möchte und gleichzeitig ökologisch eingestellt ist, greift jetzt wieder verstärkt zu Ökostrom.“

Das Preisargument könnte übrigens noch stärker wirken, sofern die Bundesregierung nach der Sommerpause eine sektorenübergreifende CO2-Abgabe auf den Weg bringt, bemerkt Naturstrom-Vorstand Hummel. „Es ergibt einfach keinen Sinn, dass zum Beispiel der Endverbraucherpreis für Heizöl mit deutlich weniger Steuern und Abgaben belastet wird als der Preis für Ökostrom.“

Tarifdetails und Herkunft werden wichtiger

Neben Klimaschutz und Preis interessiert die Kunden auch stärker die Details der Tarife und die ökologische Herkunft des Stroms, sagt Michael Friedrich von Greenpeace Energy. Vielen Verbrauchern sei inzwischen klar, dass es große Unterschiede zwischen tatsächlichen und nur „vermeintlich grünen“ Stromangeboten gebe.

Mit dem Hinweis zielt Friedrich auf den Umstand, dass Börsenstrom – auch mit einem hohen Anteil an Kohle- und teils auch Atomstrom – durch zugekaufte Herkunftszertifikate etwa aus norwegischer Wasserkraft zu Ökostrom deklariert wird. Im Unterschied dazu stamme tatsächlicher grüner Strom, wie Friedrich betont, aus erneuerbaren Energien, vor allem Wind und Sonne, samt entsprechender Nachweise.

Verivox seinerseits rät denjenigen, die sich für Ökostrom entscheiden und tatsächlich etwas für den Klimaschutz tun wollen, nach den Gütesiegeln zu schauen. „Sie stellen sicher, dass ein Teil der Einnahmen in den Bau neuer Anlagen zur regenerativen Stromerzeugung zurückfließt“, sagt Vogel. Die strengsten Kriterien legten dabei das OK-Power- und das Grüner-Strom-Label an. Eine Vorauswahl so gekennzeichneter Ökotarife bietet das Vergleichsportal jedoch noch nicht.

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Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg war bereits im März bei Protesten in Berlin. (Foto: CC)