Finance
23.10.2012

Meine smarte Oma

Illustration: Valentin Kaden; Topteaser: pixelio, Gerd Altmann
Gerard Reid ist Chefökonom bei BIZZ energy today.

Smart Meter erfassen den Stromverbrauch und helfen beim Sparen. Die intelligenten Zähler wecken bei unserem Kolumnisten Gerard Reid Erinnerungen an die brachialen Spar-Methoden seiner Großmutter.

Kürzlich fand ich einen Brief von Vattenfall auf meinem Schreibtisch. Eine Zahlungserinnerung für meine Stromrechnung, dachte ich mir und beschloss, den Brief nicht zu öffnen. Meine fehlende Empathie für deutsche Energieversorger rührt wohl daher, dass ich in Irland aufgewachsen bin. Monatliche Abrechnungen des Versorgers waren die Norm, ebenso wie stark schwankende Rechnungsbeträge. Eine meiner prägendsten Kindheitserinnerungen ist, dass meine Großmutter die elektrische Heizung in meinem Schlafzimmer kaputt schlug: Ich heizte zu oft und die Rechnung vom Januar übertraf die vom Juni um das Dreifache.

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Natürlich macht es mir der Energieversorger hier angenehmer, indem er den Konsum über das Jahr schätzt. So kann ich besser kalkulieren und zahle jeden Monat denselben Betrag. Aber diese Bequemlichkeit geht zu Lasten des Verbrauchers, weil er sich nicht mehr mit seinen Energiekosten auseinandersetzen muss. Monatliche Kostenschwankungen würden dagegen zum Nachdenken anregen und zu drastischen Einsparlösungen, die ja nicht gleich so brachial wie die meiner Großmutter damals ausfallen müssen. Aber Energiesparen ist natürlich schlecht für das Geschäft der Unternehmen. Zudem schätzt der Versorger den Verbrauch oft zu hoch ein und erhält so einen zinslosen Kredit, mit dem er ein Jahr lang arbeiten kann.

Meine Großmutter schlug den Strom­fresser kaputt

Als meine Frau erzählte, dass wir neue Besitzer eines Smart Meters werden, las ich den Brief von Vattenfall schließlich doch. Im Kopf spulte ich die Vorteile eines digitalen Zählers ab: Die direkte Erfassung meines Stromverbrauchs würde eine exakte Abrechnung ermöglichen. Und auch Vattenfall könnte sich das Personal sparen, um die Zähler abzulesen. Endlich könnte ich meine Waschmaschine so programmieren, dass sie bei einem niedrigen Strompreis anspringt, dachte ich. Umso mehr wurde ich vom Inhalt des Briefs enttäuscht. 

Ich wurde nur informiert, dass ein digitaler Stromzähler auf meinem Grundstück installiert worden sei. Dazu bekam ich eine PIN-Nummer. Im Brief stand, der Vertrag über den neuen Zähler sei unabhängig von meinem bestehenden Vertrag – das war‘s. Nicht verraten wurde, wo sich der Zähler befand und was ich mit der PIN machen sollte. Nach eigener Recherche auf der Webseite von Vattenfall erfuhr ich, dass die PIN nicht zum weiteren Strombezug notwendig war, sondern nur, um meine Verbrauchsdaten vor neugierigen Blicken zu schützen. Wo waren also die erhofften Vorteile für mich? Ich hatte nach der digitalen Umstellung auf Zugang zu meinen Daten am PC oder per Smartphone gehofft. Vergeblich. Aber es kam noch schlimmer. Nicht einmal der Versorger hat Zugang zu den Daten und muss deshalb im September wieder jemanden vorbeischicken, um vor Ort abzulesen. 

Die Zurückhaltung ist logisch: Versorger verdienen am Stromverkauf

Warum installiert Vattenfall den Smart Meter dann überhaupt? Sicherlich nicht freiwillig, sonst hätte der Versorger Werbematerial beigelegt, eine Kampagne gestartet oder die Infos auf seiner Webseite leichter zugänglich gestaltet. Er tut es ganz einfach, weil der Gesetzgeber ihn dazu zwingt. Diese Zurückhaltung ist eigentlich logisch. Das Geschäftsmodell der Versorger basiert auf dem Verkauf von Strom, sie wollen nicht weniger absetzen. Der Verbraucher sollte aber ein Interesse an direkter Erfassung haben, denn er muss jedes Jahr Preiserhöhungen hinnehmen und zahlt im europäischen Vergleich bereits heute Spitzenpreise pro Kilowattstunde. Transparenz beim Verbrauch wäre für ihn ein Vorteil. Technisch ist eine mobile Steuerung der Geräte möglich und für mich als Berufspendler auch eine praktische Lösung.

Mancher Energieversorger scheint den Zug zu verpassen. Wer auf meine Bedürfnisse eingeht, dem bleibe ich doch als Kunde eher treu. Zusätzlich könnten Versorger neue, nützliche Dienstleistungen anbieten, so wie das moderne Telekommunikations-Dienstleister heute schon praktizieren. Damit könnten sie ihre Gewinne steigern und so dem schrumpfenden Kerngeschäft vorbeugen. Denn dort werden die Margen sicher sinken, wenn Smart Meter erst einmal flächendeckend Standard sind und von den Kunden auch genutzt werden. Vielleicht ändert Vattenfall im nächsten Brief seine Strategie. Wenn nicht, hätte ich gern meinen mechanischen Zähler mit dem kleinen Laufrad wieder: „Give me back my old fashioned Ferrari-Meter.“ 

 

Gerard Reid

... zählt zu den Top-Finanzanalysten für erneuerbare Energien weltweit. Für die Wall-Street-Investmentbank Jefferies baute er den Bereich Renewables auf. Anschließend gründete er mit Alexa Capital seine eigene Beratungsgesellschaft. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch „Asiens Energiehunger – Rohstoffe am Limit“. Reid hat am Imperial College in London eine Finance-Professur. Privat wohnt er seit einigen Wochen in Berlin-Friedrichshain und macht dort seine Erfahrungen mit Stromrechnungen. Last but not least: Gerard Reid ist  Chefökonom bei BIZZ energy today.

 

Gerard Reid
Keywords:
Smart Home | Strompreis | Stromkosten | Energiekosten
Ressorts:
Technology | Markets

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