Interview
02.07.2019

„Die Menschen müssen den Klimawandel wohl erst spüren“

Foto: iStock
Mit jeder Dürreperiode steigt die Sensibilität der Menschen für das Thema Klimawandel.

Gut Ding will Weile haben. Warum Menschen ökologisch korrektes Verhalten häufig schwer fällt und wie man es ihnen erleichtern könnte, weiß der Magdeburger Sozialpsychologe Florian Kaiser.

Herr Professor Kaiser, fragt man Menschen, ob sie fürs Klima oder die Umwelt zu Verzicht bereit seien, stimmen die meistens zu. Trotzdem plagen uns riesige ökologische Probleme. Wie passt das zusammen? Machen wir uns was vor?

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Das wir uns etwas vormachen, glaube ich nicht. Aber wir überschätzen, wie viel wir tatsächlich bereit sind zu tun. Zunächst wollen sich ja viele Menschen nachhaltiger verhalten. Allerdings tun sie das auf ziemlich rationale Art und Weise: In Umfragen zum Beispiel, indem sie von der Politik fordern, mehr zu tun. Sind sie etwas motivierter, werden die Leute auch selbst aktiv. Aber meistens so, dass es nicht sonderlich viel Aufwand, Geld oder Bequemlichkeit kostet.

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Wie sieht das dann aus?

Zum Beispiel so, dass wir Papier recyceln und zum Glascontainer fahren. Recycling wird uns in Deutschland ja recht leicht gemacht. Aufs Auto und auf Fleisch verzichten, die Wohnfläche verkleinern oder regelmäßig hundert Euro an Umweltschutzorganisationen spenden, brächte dem Umweltschutz zwar mehr, täte dem Einzelnen aber vermutlich auch deutlich mehr weh – weswegen wir solche Verhaltensweisen eher selten beobachten. Daraus ergibt sich dieses komische Bild: Dass umweltbewusste Menschen zwar mehr für die Umwelt tun, aber dass das nicht ansatzweise genug ist.

Wie ließe sich das ändern?

Nachhaltiges Handeln wird uns heute in vielen Fällen eher schwer gemacht, nicht-nachhaltiges Handeln hingegen eher leicht. Wenn Sie beispielsweise viel Wohnraum wollen, können Sie ins Umland ziehen. Das bedeutet dann Pendeln, was nicht gut fürs Klima ist, aber steuerlich begünstigt wird. Solche und ähnliche politisch gesetzte Rahmenbedingungen fördern „grüne“ Entscheidungen derzeit eher nicht.

Weg mit der Pendlerpauschale und alles wird gut?

Ich denke eher, wir sollten versuchen, die Motivation der Menschen für mehr Nachhaltigkeit grundsätzlich zu erhöhen. In der Regel sind sie ja motiviert, aber eben nicht genug. Wären wir alle motivierter, könnte das auch die Türen für schärfere Regulierungen seitens des Gesetzgebers öffnen. Denn in dem Moment, wo ich Nachhaltigkeit als wesentliches Ziel des Handelns einer Gesellschaft begreife, werde ich auch Maßnahmen akzeptieren und mittragen, die mich Zeit, Geld und Aufwand kosten.

Wie kann Nachhaltigkeit denn wesentliches Ziel menschlichen Handelns werden?

Da haben wir leider keine einfache Lösung. Ich denke, wir sollten viel mehr in Umweltbildung investieren, schon in der Schule Möglichkeiten schaffen, um Natur zu erleben. Warum nicht zum Sportunterricht raus in den Wald, statt rein in die Turnhalle? Wir wissen, dass Menschen, die Freude an der Natur haben, eher geneigt sind, Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit zu unterstützen. Beides gehört wohl zusammen.

Florian G. Kaiser
Florian G. Kaiser ist seit 2008 Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie
an der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität. An seinem Lehrstuhl wird u.a.
erforscht, warum sich Menschen ökologisch nachhaltig verhalten. Foto: OVGU
Klingt ein bisschen gemütlich. Müssten wir unser Verhalten angesichts einer drohenden Klimakatastrophe nicht viel schneller ändern?

Was ist die Alternative? Ein politisches System, das diktatorisch über Maßnahmen entscheidet? Ich denke, wir müssen akzeptieren, dass die Antizipation künftiger Schäden leider oft nicht hilft, uns im Voraus zu angemessenem Handeln zu aktivieren. Menschen müssen den Klimawandel vermutlich erst erleben, bevor sie ausreichend weit aus ihrer Komfortzone katapultiert werden und handeln. 

 

Wenn also unsere Motivation für mehr Nachhaltigkeit so entscheidend ist – wie steht es um die eigentlich?

Wir können da in den vergangenen zwanzig Jahren durchaus einen positiven Trend beobachten. Wenn ein bestimmtes „grünes“ Verhalten 1996 noch eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit hatte, gezeigt zu werden, stieg diese Wahrscheinlichkeit bis 2018 auf circa 60 Prozent. Das entspricht einem Zuwachs von etwa einem Prozentpunkt in jeweils zwei Jahren.

Für welche Verhaltensweisen gilt das?

Zum Beispiel bei der Entscheidung, den ÖPNV oder das Fahrrad für den Arbeitsweg zu nutzen. Dieser Motivationszuwachs ist also nicht unbedingt ein Qualitätssprung, aber doch ein merklicher Trend zu mehr Nachhaltigkeitsmotivation.

Wie kriegen wir mehr Tempo rein? Mit Zwang, sozialem Druck?

Wohl kaum. Wenn jemand nicht von sich aus klimafreundlich handelt, hilft auch sozialer Druck wenig. Sozialer Druck funktioniert nur mit gleichzeitiger sozialer Überwachung. Und Druck kompensiert letztlich nur eine nicht vorhandene Nachhaltigkeitsmotivation. Das funktioniert eben nur so lange, wie der soziale Druck bestehen bleibt und der Kreislauf der Überwachung nicht unterbrochen wird.

Beim Nichtraucherschutz hat sozialer Druck doch gewirkt, oder?

Auch beim Nichtraucherschutz ist erst lange Jahre gar nichts passiert, da wurde überall gequalmt, ohne dass Raucher das Gefühl hatten, sie würden Nichtrauchern damit einen Schaden zufügen. Den sozialen Druck bekamen oft eher Nichtraucher zu spüren, die sich nicht so anstellen sollten. Dann geriet Rauchen immer tiefer in Misskredit, wurde aus dem öffentlichen Raum mehr und mehr verbannt und galt irgendwann als furchtbar gefährlich.

Das war ein langer Weg …

Genau. Und erst fast an dessen Ende konnten Politiker schärfere Gesetze erlassen, ohne direkt mit Abwahl abgestraft zu werden. Eben weil sich eine Haltung zu einem Verhalten – dem Rauchen – massiv verändert hatte. Das geht so weit, dass heute die meisten von uns ausreichend intrinsisch motiviert sind, um den öffentlichen Raum möglichst rauchfrei zu halten. Bei der Nachhaltigkeit und dem Klimaschutz müssen wir zu diesem Grad intrinsischer Motivation erst noch hinkommen.

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Interview: Thomas Wischniewski
Keywords:
Klimawandel | Nachhaltigkeit | Umweltschutz
Ressorts:
Governance

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