Dossier Netzausbau
26.06.2012

Messen, beamen, aufrüsten

ABB
Ein Umspannwerk bei Saarlouis im Saarland. Im Hintergrund das Kohlekraftwerk Ensdorf.

Man muss nicht immer neu bauen: HGÜ-Leitungen, Temperaturmonitoring und Hochtemperaturleiterseile stabilisieren die Netze. Plus Interview mit ABB-Deutschland-Chef Peter Terwiesch.

Spätestens seit sich einst Joschka Fischer in Turnschuhen zum grünen Umweltminister in Hessen vereidigen ließ, standen die beiden RWE-Kraftwerblöcke Biblis A und B unter politischen Dauerbeschuss. Das Atommoratori- um vom März 2011 machte beiden Meilern den Garaus. Doch die Netze blieben.

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Sie könnten sich nun als zuverlässige Vehikel für Ökostrom erweisen: „Unsere neuen Nord- Süd-Stromautobahnen werden genau da enden, wo früher Kernkraftwerke wie Biblis einspeis- ten“, erklärt Klaus Kleinekorte, Chef des Netz- betreibers Amprion. Der gehörte ursprünglich ganz, heute noch zu 25 Prozent zu RWE.

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Kleinekorte setzt auf die Technik mit dem langen Namen Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) . Die, sagt er, wirke wie eine Spange von einem bestimmten Punkt zu einem anderen und „beame“ den Strom gewissermaßen in das Bedarfszentrum zwischen Mannheim und Darmstadt.

Die neuen Trassen transportieren Strom mit besonders geringen Verlusten. Die vier Übertra- gungsnetzbetreiber 50 Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW planen erstmals eine aus vier HGÜ-Autobahnen bestehende 2.100 Kilometer lange Strecke. Ein so engmaschiges Übertra- gungsnetz ist einmalig in Europa. Durch die neuen Nord-Südtrassen soll der Windstrom aus dem hohen Norden verstärkt nach Süddeutschland transportiert werden.

Strombedarf und Distanz müssen zur neuen Technik passen. „Ab einer Entfernung von 300 bis 400 Kilometern beginnt sich der Einsatz von HGÜ-Technologie zu lohnen“, schätzt Amprion- Chef Kleinekorte. Bei der Realisierung der neuen HGÜ-Trassen entstünden ähnliche Kosten wie bei Wechselstromleitungen.

Konverterstationen am Anfang und Ende jeder Leitung müssen den Wechselstrom in Gleichstrom und wieder zurück umwandeln. Die Kosten pro neuer HGÜ-Leitung liegen laut Kleinekorte in der Größenordnung von 800 Millionen Euro.
Ende Mai haben die vier Betreiber ihren Ent- wurf für den Netzentwicklungsplan vorgestellt. Er fußt auf dem „OVA“-Prinzip: Optimierung – Verstärkung – Ausbau. Stromtrassen werden erst optimiert und dann verstärkt, bevor neue Trassen gebaut werden. Bis zum 10. Juli 2012 läuft die Konsultationsphase mit Verbänden und der breiten Öffentlichkeit. Ende August wollen die Betreiber ihren Bericht der Bonner Bundesnetzagentur übergeben. Die prüft und leitet ihn ans Bundeswirtschaftsministerium weiter. Dann beginnt der Gesetzgebungsprozess.

Der Plan sieht vor, in den nächsten zehn Jahren insgesamt 3.800 Kilometer Trassen neu zu bauen und 4.400 Kilometer aufzurüsten. Davon sollen 1.300 Kilometer von 220 auf 380 Kilovolt ertüchtigt werden; dadurch steigt die Transportkapazität auf das Zwei- bis Dreifache.

Eine weitere Maßnahme zur besseren Netz- ausnutzung ist Temperaturmonitoring. Bis zu 70 Prozent mehr Strom können so übertragen werden. Hintergrund: Höhere Ströme erhitzen die Leitungen und lassen sie je nach Temperatur stärker durchhängen. Der Netzbetreiber mißt sowohl Umgebungstemperatur als auch die Windgeschwindigkeit – und kann so den kühlenden Effekt des Windes mit einkalkulieren. Ten- net nutzt diese Technik in 56 Stromkreisen mit insgesamt 1.500 Kilometern zwischen der Nord- see und Bayern.

Eine dritte Option ist die Aufrüstung durch Hochtemperaturleiterseile (HTLS). Die Eon Netz-Sparte installierte seit 2005 mehr als 400 Stromkreis-Kilometer der heißen Leiter an Engpasstellen. HTLS steigern zwar die Kapazität gegenüber einer konventionellen Leitung um bis zu 60 Prozent, erhöhen aber auch die Verluste. Zudem müssen die Strommasten erhöht werden, da heiße Leiterseile stärker durchhängen. Her- kömmliche Stahl-Alu-Seile sind nur bis 80 Grad Celsius einsetzbar. Ein HTLS könnte sich über 210 Grad Celsius erhitzen und der Einsatz sich lohnen: Ende 2011 berechnete die RWTH Aachen, dass eine 200 Kilometer lange Netzstrecke mit HTLS-Aufrüstung 19 Prozent weniger kostet als ein Trassenneubau.

Niels Hendrik Petersen
Keywords:
Energiepolitik | Netzausbau | Stromnetz | RWE
Ressorts:

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