Kommentar
16.09.2019

Mit Strom auf Erdöl-Entzug gehen

Foto: iStock
Ist das Erdöl-Zeitalter bald Geschichte? Eine Verlagerung auf Strom hat Vorteile, nicht nur für den Klimaschutz.

Im Mittleren Osten brennen Ölanlagen. Die Treibstoffpreise steigen, der Import verbrennt Milliarden. Dabei müsste ein neues Energiesystem nicht teurer sein als das fossile. Die Verlagerung auf Erneuerbare hielte auch Wertschöpfung daheim.

Der Angriff auf die beiden saudi-arabischen Ölanlagen ließ die Rohölpreise am Montag schlagartig steigen. Ob und wie schnell sich die Lage an den globalen Ölmärkten beruhigt, ist schwer zu sagen. Dass sich diese neue Krise aber an den Zapfsäulen auch in Deutschland in höheren Benzinpreisen bemerkbar macht, ist ziemlich wahrscheinlich. Bei den Kosten für Heizöl gab es zu Wochenbeginn bereits ein ordentliches Plus.

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Zufällig fällt diese Entwicklung in eine Woche, an deren Ende die Bundesregierung über die Klima-Politik der kommenden zehn Jahre entscheiden will. Die Überschrift dabei lautet „Verringerung der Kohlendioxid-Emissionen“. Im Kern geht es darum, fossile Treibstoffe, unter anderem Erdöl für Autos und Gebäudeheizungen, durch regenerative Energie zu ersetzen. Das unerwartete Zusammentreffen der politischen Debatte hier und der militärischen Ereignisse im Mittleren Osten lenkt deshalb den Blick auf ein Argument, das meist wenig Beachtung findet. Erdöl ist ziemlich teuer – und wir müssen es nahezu komplett importieren. Über Energie aus Sonne und Wind verfügen wir dagegen selbst. Daher erscheint es eigentlich unnötig, eine gigantische Rechnung auf die Konten irgendwelcher globaler Ölkonzerne zu überweisen. 

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Import verschlingt Milliarden

Wobei es stimmt: Über eine vermeintliche wirtschaftliche oder politische Abhängigkeit von Saudi-Arabien muss sich hierzulande niemand Sorgen machen. Dies alleine wäre kein Grund, den Ölverbrauch in Frage zu stellen. Denn über ein Drittel der Rohölimporte kommen aus Russland, dann folgen Norwegen, Libyen, Kasachstan und Großbritannien mit jeweils um die zehn Prozent. Nur etwa zwei Prozent stammen aus dem arabischen Königreich. Dieser Anteil ist in Deutschland leicht zu ersetzen, wenngleich Saudi-Arabien auf dem Weltmarkt eine wichtige Rolle spielt.

Eine andere Sache sind jedoch die Kosten. Der Import verschlingt Milliarden. 2018 schlug alleine die Rohöl-Rechnung, die Deutschland ins Ausland überweist, mit 38 Milliarden Euro zu Buche – ein wegen des relativ niedrigen Fasspreises moderater Wert. 2012 waren es 60 Milliarden Euro. Diese Summen machen größenordnungsmäßig ein bis zwei Prozent der gesamten bundesdeutschen Wirtschaftsleistung aus. 

Wertschöpfung in Deutschland

So betrachtet hat es durchaus Sinn, Erdöl durch Strom zu ersetzen, der im Wesentlichen im Inland produziert wird. Unter dem Strich muss dieses neue Energiesystem nicht teurer sein als das fossile. Für die Ebene der Privathaushalte hat der ADAC diese Rechnung angestellt: Bezieht man alle Ausgaben inklusive Treibstoff ein, kostet ein Kilometer Fahrt im Benzin-Golf von VW 49 Cent. In der vergleichbaren Elektro-Variante sind es 48,6 Cent.

Für die ganze Gesellschaft fällt eine entsprechende Rechnung komplizierter aus. Viele Randbedingungen sind bisher unbekannt. Als Annäherung kann man jedoch die heutigen Kosten des Ökostroms heranziehen. Etwa 24 Milliarden Euro bringen die Privathaushalte und meisten Unternehmen pro Jahr mittels der EEG-Umlage auf, um die Produktion von Elektrizität in Wind- und Solarkraftwerken zu finanzieren. Mehr als ein Drittel des gesamten hierzulande verbrauchten Stroms fließt deshalb inzwischen aus regenerativen Quellen. Da sollte sich doch mit den 38 Milliarden Euro, die heute noch für Ölimporte ausgegeben werden, sehr viel Ökoenergie für Elektroautos herstellen lassen. 

Einen großen Vorteil hätte diese Verlagerung: Die Wertschöpfung fände überwiegend in Deutschland oder den Nachbarländern statt. Von den hohen Ausgaben profitierten hiesige Firmen. Hunderttausende Arbeitsplätze entstünden zusätzlich. Rund 40 oder bei steigenden Ölpreisen auch 80 Milliarden Euro pro Jahr ins Ausland zu überweisen, können wir uns eigentlich sparen.

Lesen Sie auch: Öl- und Energiekonzerne - Sünder auf der Suche

Hannes Koch
Keywords:
Erdöl | erneuerbare Energien
Ressorts:
Governance | Markets

Kommentare

Die Rechnung nur bei den Öl-Kosten von 38 oder 80 Mrd die wir ins Ausland überweisen zu belassen, ist zu kurz gegriffen. Hinzu kommen all die Kosten, die uns die Umwelt derzeit schon durch Dürre ( Ernteausfälle) Überschwemmungen etc. zusätzlich aufbürdet. Wir müssen extrem schnell aus der Verbrennung( offene Kreisläufe) hin zu geschlossenen Kreisläufen ( Batterien) kommen. Dafür haben wir gerade noch 6,5 Jahre Zeit!

Dieses Beispiel mit Benzin vs. Elektro ist meine Meinung falsch.
Momentan sind die Kosten "jetzt Kosten". (So viel E-Autos gibt es momentan nicht)
Es hat nichts mit den Zukunft zu tun!
Ja das Öl ist teuer und wird bestimmt noch teurerer, aber in Deutschland fehlt die komplette Infrastruktur für E-Mobilität. Wenn die Infrastruktur aufgebaut wird, wer zahlt es? Die Kunden! Die Elektro-netz in Deutschland muss komplett ersetzt werden, von die Leitungen bis die Stromtrassen.
Meine Meinung dazu ist wir sollen unsere Geld und Wissen in die Wasserstoff Technologie. Es nutzt nicht das wir E-Autos kaufen und wir müssen die 10 Jahre fahren das eine Klimabilanz auf null zu kommen.

Erdölentzug mit selbst erzeugtem Strom ist wie Heroinentzug mit selbstgebranntem Schnaps. Am Ende führt es in eine neue Abhängigkeit, und die Dealer für Atomstrom bereiten sich schon auf den hohen Stromverbrauch in zehn Jahren vor.
Die eigene PV-Anlage und die Windräder der Region können genug Ökostrom für die Elektromobilität liefern. Erst eine massenhafte Verbreitung von Wärmepumpenheizungen gefährdet das Ziel von 65% Ökostrom bis 2030. Wer auf seinem Dach gut 10 Quadratmeter mit einem Sonnenkollektor nutzt (der große Rest des Daches wird dann mit PV zugepflastert), spart 500 Liter Heizöl im Jahr. Derselbe Stoff ins Auto getankt (beim Nachbarn, der noch kein E-Mobil kaufen mag...) ist gut für 10.000 Kilometer.

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