Verkehrswende
29.06.2018

Mobilität in der Großstadt: Die Rebellion der Radguerilla

Foto: Norbert Michalke
Eine Basis- und Protestbewegung gestaltet in Berlin die Verkehrswende mit.

Das Berliner Abgeordnetenhaus hat Deutschlands erstes Radverkehrs- und Mobilitätsgesetz verabschiedet. Sind Zweiräder die Zukunft der Mobilität in den Städten?

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Die rund 30 Aktivisten im Aquarium Kreuzberg planen eine Rebellion. An gleicher Stelle hat einige Wochen zuvor Kataloniens Ex-Regierungschef Carles Puigdemont über die Loslösung seiner Region von Spanien gesprochen. Die Rad-Aktivisten, die jetzt in dem schlicht gehaltenen Berliner Veranstaltungsraum sitzen, sind zwar keine Separatisten, sondern bürgerlich-urbanes Publikum. Dennoch gibt es Parallelen: Während Puigdemont Katalonien von der Herrschaft Spaniens erlösen will, wollen die Teilnehmer des Vernetzungstreffens „Fahrradfreundliches Friedrichshain-Kreuzberg“ ihren Kiez von der Herrschaft des Autos befreien. Die über Jahrzehnte gewachsene Dominanz des motorisieren Individualverkehrs auf der Straße soll gebrochen und der Berliner Bezirk endlich fahrradtauglicher werden. Am Verkehrsknoten- und Unfallschwerpunkt Kottbusser Tor planen die Aktivisten ihre Aktionen: Mit Videos, kleinen Studien und kreativen Protesten soll der Kampf um den Raum in der voller werdenden Stadt geführt werden. Bei Bezirkspolitik, Verwaltung und Öffentlichkeit werben sie für neue Radwege und die fahrradfreundliche Stadt.

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Urbaner Zeitgeist

Den urbanen Zeitgeist haben die Fahrradfreunde auf ihrer Seite. Deutlich mehr Radfahrer als vor zehn Jahren rollen auf deutschen Straßen, allein in Berlin hat sich ihre Anzahl in diesem Zeitraum verdoppelt. 73,5 Millionen Fahrräder gab es im vergangenen Jahr in Deutschland – ein neuer Höchststand. Eine Mehrheit der Deutschen befürwortet eine Verkehrspolitik, die nicht länger am Auto ausgerichtet ist. Und auch Experten meinen: Während das Auto auf dem flachen Land noch lange unverzichtbar bleiben wird, läuft seine Zeit in der Stadt ab. Die traditionelle Automobilindustrie versucht zwar mit Carsharing-Angeboten, den motorisierten Individualverkehr in der Stadt zu halten – doch sie droht diesen Abwehrkampf zu verlieren. Die Radfahrer erobern mehr Raum in Großstädten wie Berlin. Lange sah es anders aus: Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Metropolen vor allem an den Bedürfnissen der Kraftfahrer ausgerichtet. In den folgenden Jahrzehnten drückte der Autoverkehr andere Verkehrsteilnehmer an den Rand. Doch die Zeiten, in denen Planer Schneisen für Autos in die Städte schlugen, scheinen vorbei. Heute geht es eher darum, Fahrbahnen an Busse und Radler abzugeben. Die Politik diskutiert abgetrennte Spuren und Schnellwege für Radler, und Bike-Sharing sprießt aus dem Asphalt: Die bunten Räder diverser Anbieter stehen in den Innenstädten mittlerweile an jeder Ecke.

Fahrverbote sind im Kommen

Für Verbrennungsmotoren wird es ohnehin eng. Helsinki, Oslo, London und Paris haben angekündigt, spätestens ab dem Jahr 2030 Fahrzeuge mit Dieselmotor nicht mehr in die Innenstadt fahren zu lassen. Norwegen und die Niederlande wollen ab 2025 landesweit keine Verbrenner mehr zulassen, Frankreich und Großbritannien haben ein Verbot für spätestens 2040 angekündigt.

Oslo möchte die Innenstadt sogar komplett autofrei machen, Kopenhagen vermarktet sich erfolgreich als Fahrradstadt. In diesen Vorreiter-Kommunen wird städtischer Raum gerechter für alle Bevölkerungsgruppen verteilt – Alternativen zum Pkw-Verkehr werden attraktiver gemacht. Nur in Deutschland schützt die Bundespolitik die Autoindustrie, wo sie kann. Dennoch drohen auch hierzulande Fahrverbote. Hamburg machte auf einigen Teilstrecken jüngst den Anfang.

Frage nach der lebenswerten Stadt

Der Berliner Euref-Campus zeigt, dass es anders gehen könnte. Rund um das alte Gasometer im Stadtteil Schöneberg forschen Wissenschaftler und Unternehmen an den Energiesystemen und der Mobilität von morgen. E-Autos stehen vor Ladesäulen, ein autonomer Shuttle-Bus pendelt zwischen den Gebäuden. Es ist ein passender Ort für die Konferenz Future Mobility Summit, die den Fokus auf E-Mobilität legt. Gäste wie  Bundeswirtschafts- und Energieminister Peter Altmaier und Daimler-Chef Dieter Zetsche sinnieren über zukünftige Märkte und Chancen des E-Autos. Es geht um technische Fragen, um Dieselmotoren, um Batterien und Zelltechnologien.

Doch dann rücken auch andere Fragen in den Fokus: Wie sieht die Mobilität von morgen aus, und wie lassen sich lebenswerte Städte schaffen? Das Auto gerät dabei zunehmend aus dem Blick, zugunsten eines anderes Vehikels: dem Fahrrad.

„Sind Autos das neue Fleisch?“, fragt Stephan Jansen, Geschäftsführer der Mobilitätsberatung Bicicli. Er beobachtet eine Moralisierung der Mobilität im städtischen Raum und hält diese auch für angebracht. 23 Stunden am Tag stehen Autos unnütz herum. 30 Prozent des Verkehrs in Großstädten entfällt auf die Parkplatzsuche. Mit einem Auto muss man etwa 1.800 Kilo in Bewegung setzen, um eine 80-Kilo-Person zu bewegen – ein Fahrrad wiegt nur rund acht Kilo. Studien des Umweltbundesamtes zeigen: 91 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass das Leben besser wäre, wenn der Einzelne nicht mehr aufs Auto angewiesen ist. 82 Prozent wollen den Alltag in Zukunft mit kurzen Fußwegen, dem Fahrrad oder öffentlichem Nahverkehr bewältigen.

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Keywords:
Mobilität
Ressorts:
Governance

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