Verkehrswende
29.06.2018

Mobilität in der Großstadt: Die Rebellion der Radguerilla

Foto: Norbert Michalke
Eine Basis- und Protestbewegung gestaltet in Berlin die Verkehrswende mit.

Das Berliner Abgeordnetenhaus hat Deutschlands erstes Radverkehrs- und Mobilitätsgesetz verabschiedet. Sind Zweiräder die Zukunft der Mobilität in den Städten?

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Die Politik braucht Nachhilfe

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Deutlich wird Kerstin Stark von der Bürgerinitiative Changing Cities: „Wir gehen davon aus, dass in der Stadt das Auto vom Fahrrad abgelöst wird“, sagt die Rad-Aktivistin und bekommt Szenenapplaus vom Fachpublikum. „Das Auto gefährdet unsere Gesundheit“. Die Luft müsse dringend besser und insbesondere schwächere Verkehrsteilnehmer vor Unfällen geschützt werden. Mit dem Auto ist in der Stadt ohnehin kein Vorankommen mehr. Auch bei der heutigen, teilweise schlechten Radinfrastruktur ist das Rad schon schneller, während das Auto im Stau steht. „Das Auto schafft Probleme und verringert Mobilität“, sagt Stark.  Das Fahrrad hingegen stehe für attraktive städtische Räume. Allerdings brauche die Politik Nachhilfe: „Die Verkehrswende kann angesichts einer Bundespolitik, die massiv auf das Auto setzt, nur von unten gelingen.“

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Eine wichtige Nachhilfestunde hat die Initiative der Politik in Berlin bereits erteilt. Der „Volksentscheid Fahrrad“ hat das das bundes- und wahrscheinlich sogar weltweit erste Radgesetz ermöglicht: das Berliner Mobilitätsgesetz wurde nun vom Abgeordnetenhaus beschlossen. Bis 2025 soll es den Anteil des Radverkehrs an allen Wegen innerhalb der städtischen Umweltzone von derzeit 13 auf 30 Prozent und im Land Berlin auf 20 Prozent erhöhen. Außerdem soll der Verkehr sicherer und die Zahl der Verkehrstoten auf null gesenkt werden.

Fahrrad für die Kurzstrecke

Maßgeblich beteiligt war Heinrich Strößenreuther. Der einstige Bahn-Manager und heutige Verkehrsberater wandert zwischen den Welten: Auf Podien oder in Ministerien bewegt er sich ebenso sicher wie zwischen Aktivisten in Berliner Hinterhöfen – bei letzteren fühlt sich der ehemalige Greenpeace-Campaigner wahrscheinlich wohler. Als „Verkehrsrebell im schwarzen Anzug“ wurde er bezeichnet, oder als „Deutschlands nervigster Radfahrer“. Der Grund: 2015 stieß der Verkehrsexperte die Initiative Volksentscheid Fahrrad an und gründete den Verein Changing Cities.

Wer hat wieviel Platz in Berlin?
Nach Verkehrsarten und nach Straßentypen gewichtete
Flächenanteile in Prozent aller Verkehrsflächen in Berlin.
Quelle: Agentur für clevere Städte
„Der Radverkehr ist systemrelevant“, sagt Strößenreuther im Gespräch. Dabei geht es ihm vor allem um den Pendlerverkehr, also um Strecken ab zehn Kilometer. Da der öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) nicht schnell genug ausbau- und finanzierbar sei, müsse man diejenigen, die auf der Kurzstrecke im ÖPNV unterwegs seien, auf das Fahrrad locken. Damit sei Platz für Pendler gewonnen, die auf der Mittel- oder Langstrecke einsteigen. „Das schafft kein anderes Verkehrsmittel“, sagt der Fahrrad-Lobbyist. Auch das Elektroauto ändere nichts an dem Platzproblem im ÖPNV. E-Autos seien gefährlich: „Man hört sie weniger, sie beschleunigen schneller, verleiten zu riskanteren Fahrmanövern und brauchen den gleichen Platz, die gleichen Parkplätze“.

Die Diskussion um Sharing- und Pooling-Lösungen sowie um autonomes Fahren hält Strößenreuther auf Grund eines möglichen Rebound-Effektes für überzogen. Mehr erhofft er sich vom Boom bei den Elektrofahrrädern. „Das Elektrofahrrad kann die durchschnittliche Reichweite des Radverkehrs von heute sechs bis sieben Kilometer auf zwölf bis 20 Kilometer ausweiten.“ So könne man viele Pendler mit dem E-Bike in die Stadt bekommen. Radschnellwege, grüne Wellen und breite Radspuren, auf denen schnelle E-Fahrradfahrer langsamere Radler überholen können, sollen dabei helfen.

Preisdruck auf die Autofahrer

Der Radverkehr in der Stadt muss also gefördert werden. Doch wie reduziert man den Autoverkehr? Über den Preis, fordert Korinna Stephan vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ): „Wie kann es sein, dass wir in der Stadt kostenlose Parkplätze für individuelle Fahrzeuge haben, die keinen Nutzen für die Gemeinschaft haben?“ Stephan sieht öffentlichen Nahverkehr, Fuß- und Radverkehr zudem als Rückgrat für neue, ergänzende Mobilitätsdienstleistungen wie Sharing-Modelle. „Diese ganz klassischen, alten, unsexy Dinge – die brauche ich nach wie vor“, sagt die Ökonomin.

Die Verteuerung von Parkplätzen halten auch andere Experten für einen wichtigen Hebel: „Wir brauchen eine Parkraumbewirtschaftung in der Innenstadt, die den Namen auch verdient“, sagt Gernot Lobenberg, Leiter Berliner Agentur für Elektromobilität. Man könne in Berlin sein Fahrzeug teilweise kostenfrei auf der Straße abstellen, während ein lokaler Wirt, der eine Tisch aufstellen will, hohe Gebühren zahlen müsse.

Knöllchen helfen beim Aufbau von Preisdruck: „Wir brauchen auch einen Bußgeldkatalog, eine Straßengesetzgebung, die für verkehrssicheres Verhalten sorgt“, fordert Fahrrad-Lobbyist Strößenreuther. In erster Linie gehe es aber darum, Radverkehr so attraktiv, sicher und entspannt zu machen, dass alle Menschen, die das gerne wollen, mehr Fahrrad fahren. Dabei denke er auch an alte Menschen und E-Dreiräder: „So lange Senioren ein bisschen Bewegung haben, zögern sich Demenz und Herzkrankheiten hinaus. Viel Bewegung reduziert diese Gesundheitsrisiken. Das hilft der Gesellschaft ganz massiv“.

Doch das Auto gilt in vielen Kreisen noch als unantastbar. Zumindest in Großstädten wie Berlin ändere sich das aber gerade, meint Aktivistin Stark: „Man muss Druck auf die Politik ausüben“. Die Erkenntnisse aus Berlin will Changing Cities durch Vernetzung mit anderen Initiativen teilen. In Frankfurt, Stuttgart, Aachen, Hamburg, München und weiteren Städten formieren sich bereits ähnliche Bewegungen von unten. Durch den Berliner Erfolg wurden mittlerweile Radentscheide in zehn Großstädten und zwei Bundesländern angestoßen. Deutschlands erstes Radverkehrs- und Mobilitätsgesetz wird wohl nicht das letzte bleiben.

Dieser Text entstammt der neuen Ausgabe von bizz energy. Lesen Sie in unserem Magazin mehr über die Zukunft der Mobilität. Abonnieren können Sie uns unter bizzenergy@pressup.de. Das E-Paper bekommen Sie bei iKiosk und Readly.

Carsten Kloth
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Keywords:
Mobilität
Ressorts:
Governance

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